Von Fritz J. Raddatz

Es begann mit einem Paukenschlag; Franz Fühmann – Förderer und Entdecker vieler Talente in der DDR – rief sein Plädoyer aus: „Ich zeige Ihnen einen Dichter. Ecce poeta –: er ist hier nicht anwesend. Seine Abwesenheit quält; sein Anwesendsein wird Schwierigkeit bringen: Er ist ein Dichter. Er heißt Wolfgang Hilbig.“

Damit war, mit reißendem Geräusch, der Vorhang geöffnet vor einer Bühne, auf der nur Einer agierte: Hilfsschlosser, Erdarbeiter, Monteur, Abräumer, Heizer. Er hatte und hat tausend Rollen und Töne; aber nur eine Stimme. Es ist eine der eindringlichsten der DDR. Mit der singt er: sich. Das Fühmannsche Hauptwort gab einem seiner frühen Gedichte (und seinem ersten Gedichtband) den Titel – „Abwesenheit“: „wie lang noch wird unsere Abwesenheit geduldet / keiner bemerkt wie schwarz wir angefüllt sind / wie wir in uns selbst verkrochen sind / in unsere schwärze // nein wir werden nicht vermißt“.

Die inzwischen (in insgesamt fünf Büchern) vorgelegten lyrischen und epischen Arbeiten Hilbigs haben ein durchgehendes, Motiv: Vergebens. Weder kämpferisch noch gar pathetisch-anklagend zieht der 1941 in Meuselwitz Geborene, heute in Nürnberg und Leipzig Lebende, Bilanz. Das Gedicht „Leben“ endet: „nun? wirst du fragen – nichts / nichts als dies das ist leben was / glaubtest du sonst –“

Mit dem befremdlichen Wort „Unwesenheit“ – ist es der DDR-Komparativ von Abwesenheit? – endet ein Gedicht des Bandes „Die Versprenging“. Hilbigs Wortmaterial hat sich von Publikation zu Publikation verfinstert: Schwarzäther und Schatten und eine „Sonne tot wie Kohlenglut“ signalisieren den versunkenen Hoffnungshorizont. „Ankerlos lautlos schmerzlos gehörlos“ – so begrün ein Text, und „o Vaterland in dem der Wahnsinn droht / o schwarze muttermilch o meiner schwester tod“ endet ein Gedicht.

Dieser sächsische Arbeiter, der Robert Creeley und Rimbaud zitiert und der sein Schreiben begreift als „Sprachgeflacker in den Schläfen der Selbstsucht“ und sein Gespräch als Selbstgespräch – „in meiner spräche sprech ich immer mit einem der ich heißt“ –, hat eine hochkomplizierte, ganz eigene, höchst bedeutende Poesie-Welt geschaffen. Als 1987 Hilbigs Prosa-Arbeit „Die Weiber“ erschien, kulminierte die erzählerische Idee in einer Ich-Entfernung: „Wenn es mir gelang, den Besitz einer Identität zu verspüren, wenn ich irgendeine schleierhafte Wertvorstellung von meinem Ich je zu entwickeln imstande war, so stets nur dadurch, daß ich mich schreibend als ein Subjekt erfuhr, als ein Subjekt freilich, das ich niemals öffentlich preiszugeben wagte.“

Das klingt wie ein Auftakt zu dem nun vorliegenden ersten Roman „Eine Übertragung“, der alle bisher von Wolfgang Hilbig angeschlagenen Motive in kühner Komposition zu einem Crescendo steigert, das seinesgleichen sucht in der zeitgenössischen Literatur. Um es rundheraus und vorweg zu sagen: ein großartiger Roman, der mit seinem scheinbar mühelosen, in Wahrheit raffinierten Bau wie mit seiner geschliffenen Sprache in ihren nicht endenwollenden Nuancen geradezu verblüfft. Die Lektüre ist ein artistisches wie intellektuelles Vergnügen allerersten Ranges.