Die Grenzen, die manch einer schon fallen sah, werden erst einmal verriegelt. Die DDR mauert sich zum 40. Jahrestag ihrer Staatsgründung noch enger ein. Niemand mehr kann sie ohne obrigkeitlichen Stempel verlassen, nicht einmal mehr in Richtung Prag, und schon gar nicht mehr weiter nach Budapest. Zum Jubiläum präsentiert sich der zweite deutsche Staat als Jammergebilde.

Blamabel genug, daß die SED-Führung mehrere Tausend als Flüchtlinge aus den westdeutschen Botschaften in Prag und Warschau durchs eigene Land in die Bundesrepublik schleusen mußte – nachdem alle nach und nach bis zur Selbsterniedrigung erweiterten Angebote, die der Anwalt Vogel vorzubringen hatte, von den Flüchtlingen mit Schmährufen und voll des abgrundtiefen Mißtrauens zurückgewiesen worden waren. Schlimmer noch, daß die Botschaften kurz nach der Räumung schon wieder überfüllt waren, dichter als zuvor. Prügelnde Prager Polizisten konnten die verzweifelten Menschen nicht zurückhalten.

Das Drama auf offener Weltbühne wollte kein Ende nehmen. Schließlich ließ die DDR ein zweites, ein letztes Mal die Züge rollen – und am selben Tag den Vorhang herunter. Doch die Probleme sind damit nur verdeckt. Sie schwären weiter – schlimmer als vorher.

Wir ahnten wohl, daß es nicht unbegrenzt weitergehen konnte mit dem Exodus. Deshalb ließ uns seit Wochen jede dieser Flüchtlingsepisoden, die eine nächste schon immer nach sich zog, so erleichtert wie besorgt, so fasziniert wie irritiert zurück. Wir fühlten mit den Menschen – und fürchteten zugleich um die Berechenbarkeit der Entwicklung. Jetzt weiß erst recht keiner, wohin dies alles führen wird.

Vergessen nicht, doch überschattet ist schon wieder jene Schlüsselszene von ergreifender Eindringlichkeit: Hans-Dietrich Genscher nächtens auf dem Balkon der Bonner Botschaft in Prag – wie 1970 Willy Brandt am Fenster in Erfurt. Brandt hatte nach Erfurt notiert: "Ich war bewegt. Doch ich hatte das Geschick dieser Menschen zu bedenken. Ich würde anderntags wieder in Bonn sein, sie nicht..." Am vorigen Samstag aber konnten die Bonner Politiker wenigstens den Flüchtlingen, die sich bis dahin in den Botschaften versammelt hatten, die Ausreise in die Bundesrepublik zusichern, auf einem letzten Umweg durch die alte, unliebsam gewordene Heimat. Doch diese Ausreise-Aktion hatte bereits den Charakter des nicht beliebig Wiederholbaren.

Das SED-Regime steckt nach vier Jahrzehnten in einer sich beschleunigenden Doppelkrise zwischen Ausbruch und Aufbruch. Während Zehntausende dem Zwillings- und Zwitterstaat den Rücken kehrten, wollen andere, nun auch schon zu Zehntausenden, sich erst richtig in die eigenen Angelegenheiten einmischen, wie die Demonstration in Leipzig am Montag abend gezeigt hat. Die neue, noch ungelenke, ungelenkte Opposition fordert Wandel durch Auflehnung, nicht durch Auswanderung. Wir wollen raus, wir bleiben hier – den Betonköpfen im Politbüro muß von solchen gegensätzlichen und doch gleichermaßen herausfordernden Rufen der Schädel brummen.