Von Manfred Sack

Hannes Meyer war, wie unermüdlich behauptet wird, ein Architekt von äußerst gutem Ruf – und ist dennoch so unbekannt geblieben, daß sein Ruhm ratlos macht. Das „Lexikon der Weltarchitektur“ bescheinigt ihm im ersten Satz „internationalen Rang“ – obwohl keines der Bauwerke, als deren Urheber er firmiert, von revolutionärer oder gar epochaler Bedeutung ist. Er gilt allgemein als ein prononcierter Funktionalist, dem der künstlerische Ehrgeiz seiner Branche zuwider war und der das Heil statt dessen durch wissenschaftliche Erkundungen zu finden glaubte, manchmal auch herbeiquälte – doch ausgerechnet seine kühnsten Entwürfe, die ihm zu seiner Aura verhalfen, sind eher formalistisch als funktional.

Selbst Claude Schnaidt, der ihm als Landsmann und als Berufskollege (und als Kommunist) von allen wohl am nächsten war, ist es 1965 in seiner Monographie nicht wirklich geglückt, seinen Helden begreiflich, geschweige populär zu machen. Der Zweifel blieb. Und so ist das Lob, das sich der Münchner Bauhistoriker Winfried Nerdinger verdient hat, doppelt berechtigt. Sein kritischer Essay, mit dem der reichhaltige, sehr informative Ausstellungskatalog eröffnet wird, ist die bisher präziseste, unerschrockenste Darstellung, die der „Architekt, Urbanist, Lehrer Hannes Meyer“ erfahren hat.

So heißt auch die Ausstellung, mit der ihm das Bauhaus-Archiv in Berlin Gerechtigkeit widerfahren lassen möchte – zum hundertsten Geburtstag am 18. November. Es ist, schon weil es nicht gar so vieles auszustellen gibt, eine kompakte, gut unterrichtende, dem interessierten Jedermann auf Anhieb zugängliche Darstellung. Die „Legende Meyer“ ist, wie in Modellen, Rissen, Zeichnungen und alten Photographien zu sehen und in knappen Texten zu lesen, ein mehrteiliges Drama. Es ist das Drama eines Architekten, dessen Glanzleistungen – obwohl ausdrücklich unter seinem Namen veröffentlicht – nur der Mitarbeit seines sehr begabten Landsmannes Hans Wittwer zu danken sind. Es ist auch das Drama eines Städtebauers, der wie viele seinesgleichen den Verlockungen der Sowjetunion erlegen ist, der dort fünf Jahre lang Pläne angefertigt hat, deren keiner je verwirklicht worden ist, der im Gegenteil unter der Mißgunst sowjetischer Kollegen und der Teilnahmslosigkeit der Bürokraten gelitten hat und deprimiert in die Schweiz heimgekehrt ist, ein „heimatloser Stalinist“.

Schließlich ist es das Drama eines engagierten, praxisversessenen, mehr den Hütten als den Palästen zugeneigten Lehrers und Hochschulleiters, der das Fach Architektur am Bauhaus aufbaute und dem Lehrplan seine Konturen gab. Am Ende jedoch genügte (wie bei dem Theaterintendanten Claus Peymann weiland in Stuttgart) ein lächerlicher Vorwand – die private Spende an einen kommunistischen Fonds für streikende Bergarbeiter im Mansfelder Revier – für seinen fristlosen Hinauswurf 1930. Dabei waren seine politischen, „philosophisch-marxistisch“ umschriebenen Vorstellungen leicht verschwommen und eher gesellschafts- als parteipolitisch gefärbt.

Hannes Meyer ist mit beinahe allem, was er angepackt hat, gescheitert. Sogar die Wandlungen seiner Ansichten führten ihn jedesmal in neue Sackgassen. Trotz alledem war die Wirkung, die er auf seine Zeitgenossen hatte, erstaunlich.

Er war der Sproß einer Altbasler Familie, „in welcher der Architektenberuf traditionell“ war, 1889 geboren. Vom zehnten Lebensjahr an der wohl bedrückende Aufenthalt in einem Waisenhaus. Nach der Gewerbeschule – lauter Einsen – Mitarbeit bei den Berliner Architekten Emil Schaudt und Albert Froelich, der ihn „treu & hochbegabt“ nennt. Nach „unbefriedigter eigener Architektenpraxis“ in der Schweiz Ressortleiter bei der Kruppschen Bauverwaltung, wo er bei Georg Metzendorf, dem Schöpfer der berühmten Gartenstadt Margarethenhöhe in Essen, an Siedlungsprojekten arbeitet. Dann bekommt er seinen ersten großen, von Anfang an als programmatisch begriffenen Auftrag: Entwurf und Bau der Genossenschaftssiedlung Freidorf bei Basel.