Von Stefan Heym

Noch nie in der Geschichte ist ein Staat auf so lächerliche Weise in die Krise geraten wie die DDR. Kein Reformator verkündete neue Thesen, kein General ritt ein in der Hauptstadt an der Spitze seiner Panzer; nein, die akute Notlage ist entstanden durch Absentierung der Bevölkerung; statt Barrikaden Massenauszug; statt Streiks und Demonstrationen Botschaftsbesetzung; statt Zusammenstößen mit der Polizei Ungarn-Reisen. Zurück blieben eine Partei ohne Orientierung, eine Vielzahl gefräßiger Behörden, Medien, die unentwegt amtliche Phrasen kundgeben, und an der Spitze dieses allen eine Regierung, die ihr Gesicht nur deshalb nicht mehr verlieren kann, weil sie es schon lange verloren hat.

Und die Gegner höhnen, Marx ist tot; und weisen, mit Recht übrigens, auf die Rückständigkeit und den Verfall im Land und die geistige Ode, den Schmutz in den Städten und Flüssen, den Mangel, außer an Schnaps, an so gut wie allem, was das Leben bunt und vergnüglich macht, und auf die tagtäglichen Rechtswidrigkeiten, die Vettern- und Privilegienwirtschaft und die Willkür der Mächtigen, mit welcher diese den Leuten vorschreiben, was sie zu tun und zu denken haben und wohin sie sich bewegen dürfen und wann. Dazu die Schau am gläsernen Schirm, Abend für Abend, von einer reicheren Welt, einer Welt ohne Grenzen, die dem Tüchtigen gehören soll; und als ob die Genossen oben das Bild noch selber bestätigen wollten, ihr Intershop, in dem, sichtbar, fühlbar und schmeckbar, dem armen DDR-Bewohner die Überlegenheit westlicher Güter und Währung regierungsamtlich vorgeführt wird. Kein Wunder, daß die Menschen des Landes bei der ersten besten Gelegenheit sich davonmachen.

In Wahrheit aber ist nicht Marx tot, sondern Stalin, und fehlgeschlagen ist nicht der Sozialismus, sondern nur dieser besondere, real existierende; der andere, bessere, in dessen Namen so viele tapfere Menschen ihre Ideen gaben und ihr Blut, steht noch aus. Und der Gedanke liegt nahe, jetzt, da sich der Wandel anbahnt im Umfeld der Republik, dem wirklichen Sozialismus, in dem die Menschen Brüder werden und Hand in Hand, in Freiheit und Gerechtigkeit, ihr Leben gestalten, auch hier zum Durchbruch zu verhelfen und dem Staate DDR einen neuen Inhalt zu geben.

Wieso eigentlich ist, was einst so hoffnungsvoll begann, so sehr mißlungen?

Am Anfang stand der Weltkrieg, der Erste, auf den die Revolution folgte in Rußland. Damals warnte Rosa Luxemburg, die Revolution könne auf die Dauer nur gelingen, wenn sie zugleich sozialistisch und demokratisch wäre, und Lenin und seine Genossen glaubten, der Erfolg ihrer Revolution hänge ab von einer zweiten, die der ersten zu Hilfe kommen müsse, der deutschen nämlich. Aber die deutsche versandete bald nach ihrem Ausbruch, und die russische blieb isoliert in ihrem rückständigen Lande und geriet zu einer Diktatur, nicht des Proletariats, sondern des Staats- und Parteiapparats: zum Stalinismus.

Der Zweite Weltkrieg, der mit der Zerschlagung des Reiches endete und seiner Besatzung durch die Alliierten, brachte im östlichen Drittel Deutschlands eine Ordnung, die, in ihren Strukturen und ihrem Verhältnis von oben zu unten, ein Abklatsch war von jener, die sich in der Sowjetunion entwickelt hatte. Wie anders hätte es auch sein sollen? Welch anderes real existierende Muster gab es denn, nach dem die deutschen Genossen sich hätten richten können? Und da sie ihre Macht ja nicht selber erobert, sondern als Geschenk erhalten hatten von den sowjetischen Freunden, konnten sie auch, selbst wenn sie es gewollt hätten, keinen Anspruch auf einen eigenen, nach eigenen Entwürfen und für das eigene Land gezimmerten Sozialismus erheben.