Aus unterschiedlichen Motiven haben Nazis und Zionisten in den Jahren zwischen 1933 und 1937 Formen der "Zusammenarbeit" entwickelt. Ideologisch verfolgten beide eine Politik der Dissimilation, das heißt, sie sahen das Deutschtum der Juden als etwas Widernatürliches an, als einen Irrtum, der schleunigst korrigiert werden müsse. In der Praxis sah das so aus, daß das Nazi Regime die Juden aus Deutschland weghaben wollte, um Deutschland "judenrein" zu machen, wie es in der damaligen Terminologie hieß. Die Zionisten wiederum verfolgten die Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina, wozu sie eine verstärkte Einwanderung von Juden aus Deutschland und Osteuropa anstrebten.

Auf Verwunderung stößt heute vielfach die Tatsache, daß manche zionistischen Funktionäre unmittelbar nach 1933 sich zustimmend zu den völkischen Grundsätzen des Hitler Regimes geäußert haben. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland (ZVfD) zum Beispiel schickte am 22. Juni 1933 Hitler ein Memorandum, in dem es hieß: "Der Zionismus glaubt, daß die Wiedergeburt des nationalen Lebens eines Volkes, wie sie sich nun in Deutschland auf christlicher und nationaler Gründlage vollzieht, auch für das jüdische Volk kommen wird. Auch für das jüdische Volk müssen Abstammung, Religion, gemeinsames Schicksal und ein Sinn für Einzigartigkeit von entscheidender Bedeutung für seine Existenz sein " Noch deutlicher war die Stellungnahme Georg Kareskis, eines der führenden Vertreter der Staatszionisten, des revisionistischen Flügels innerhalb des deutschen Zionismus. Gegenüber einem Reporter der Goebbelschen Zeitung Der Angriff äußerte er quasi seine Zustimmung zu den Nürnberger Rassengesetzen vom September 1935: "Seit vielen Jahren halte ich eine klare Trennung des kulturellen Lebens zweier Völker, die in einer Gesellschaft leben, für ein friedliches Nebeneinander unabdingbar. Ich habe eine solche Trennung, die auf der Grundlage der Achtung der fremden Kultur beruht, lange unterstützt. Die Nürnberger Gesetze vom 15. September 1935 scheinen mir, unabhängig von ihren Verfassungsbestimmungen, ganz und gar auf dem Weg für eine gegenseitige Achtung der Selbständigkeit und Getrenntheit jedes Volkes zu liegen "

Das Hitler Regime hat in den Jahren bis 1937 ganz bewußt den Zionismus für seine Zwecke instrumentalisiert, um die gewünschte Auswanderung der Juden aus Deutschland voranzutreiben. Der amerikanische Historiker Francis R. Nicosia belegt anhand bisher weitgehend unbekannter Archivalien in einer sorgfältig gearbeiteten Studie, daß nicht nur zionistische Umschulungslager ermutigenden Zuspruch durch die Behörden erfuhren, sondern auch Lehrer aus Palästina Einreisebewilligungen erhielten, damit Berufsumschichtungsprogramme, die für die Ansiedlung deutscher Juden in Palästina notwendig waren, realisiert werden konnten. Gefördert wurde darüber hinaus die Einrichtung spezieller jüdischer Schulen, wobei gleichzeitig Druck auf die Eltern ausgeübt wurde, damit sie ihre Kinder aus den Staatsschulen herausnahmen. Die deutschen Juden, das war der Zweck dieser Politik, sollten aufhören, sich als Deutsche zu fühlen und statt dessen ein jüdischnationales Selbstverständnis entwickeln.

Die Interessenidentität führte auf dem ökonomisch wirtschaftlichen Sektor im Sommer 1933 zum sogenannten Haavara Abkommen, das den Kapitaltransfer zwischen Deutschland und Palästina regelte. Jüdische Auswanderer konnten durch dieses Abkommen wenigstens einen kleinen Teil ihres Vermögens in Form deutscher Waren, die auf dem palästinensischen Markt verkauft werden sollten, mit nach Palästina nehmen. Im Rahmen dieses Vertrages konnten bis 1939 immerhin mehr als hundert Millionen Reichsmark nach Palästina "transferiert" werden.

Für Hitler Deutschland war das Abkommen insofern von Vorteil, als die Reichsbank nur beschränkt Devisen für die Auswanderer zur Verfügung stellen mußte. Hinzu kam, daß durch das Abkommen ein neuer Markt für deutsche Fertigwaren erschlossen wurde. Deutschland rückte, wie Nicosia ermittelt hat, dadurch in der Reihe der Einfuhrländer für Palästina vom vierten Rang im Jahre 1933 auf den zweiten Rang hinter Großbritannien im Juni 1936. Im Juni 1937 lag Deutschland mit 16 1 Prozent aller Einfuhren nach Palästina sogar an erster Stelle.

Es gab aber noch zwei weitere Gründe, die aus der Sicht der deutschen Behörden für das Haavara Abkommen sprachen. Dieses Abkommen machte es möglich, den Strom der Einwanderer nach Belieben zu lenken. Doch erschwerte es zugleich die Auswanderung der Juden in andere Länder, etwa nach Südamerika, wo sie, wie verschiedene Beamte im Auswärtigen Amt (AA) befürchteten, bald einflußreiche Stellungen einnehmen und antideutsche Stimmungen erzeugen könnten "Für uns", schrieb Werner Otto von Hentig, der Leiter der Orient Abteilung im AA, in einer Denkschrift vom Herbst 1937, "ist die Konzentration der Juden in Palästina politisch und wirtschaftlich vorteilhafter als die vielen zerstreuten Siedlungen wie zum Beispiel in Rußland, in Madagaskar, in Ekuador oder in anderen Ländern, die derzeit im Gespräch sind (Bei dieser Gelegenheit sei angemerkt, daß Hentig ein hochanständiger Mann war, der persönlich vielen geholfen hat. Dem Vater des Rezensenten rettete er das Leben, als er ihm die notwendigen Ausreisepapiere vermittelte, mit denen dieser am Weihnachtsabend 1938 das Land verlassen und ins Exil nach Schweden gehen konnte ) Andererseits gab es aber durchaus auch Stimmen, die von Palästina als Zielland der Auswanderung abrieten. Als zum Beispiel Gerüchte aufkamen, daß die von den Engländern eingesetzte Peel Kommission die Errichtung eines jüdischen Staates empfehlen würde, verschickte NS Außenminister von Neurath am 1. Juni 1937 ein Rundschreiben mit der Warnung, Palästina könnte zu einem Ausgangspunkt für eine weltweite jüdische Verschwörung gegen Deutschland werden. Ein "jüdischer Palästina Staat", heißt es in dem Rundschreiben, "würde eine international anerkannte Machtgrundlage für das internationale Judentum bedeuten, wie etwa der Vatikanstaat für den politischen Katholizismus und Moskau für die Komintern".

Die Debatte um das Ziel der Auswanderung warf auch die Frage der deutschen Haltung gegenüber den Arabern auf. Hitler war, wie wir wissen, nicht interessiert, wegen Palästina in einen Konflikt mit Großbritannien zu geraten. Er hielt sich mit Äußerungen zurück, war sogar bemüht, England für eine verstärkte Ansiedlung von Juden aus Deutschland zu gewinnen. Zahllose Denkschriften und Dokumente, die Nicosia eingesehen hat, lassen den Schluß zu, daß es deutscherseits keine ernsthaften Bemühungen gegeben hat, aus dem arabischen Nationalismus Nutzen für die deutschen Interessen zu ziehen. Hitler ging es in erster Linie darum, die Juden so schnell wie möglich zur Auswanderung zu bewegen. Das hatte Vorrang vor allen anderen Überlegungen.

Eine Vielzahl von Behörden und Stellen war an dem Entscheidungsprozeß über das Ziel der Auswanderung beteiligt. Wie widersprüchlich und kontrovers die Debatte geführt wurde, läßt sich aus der Tatsache ersehen, daß nicht nur Palästina als Auswanderungsland diskutiert, sondern zwischen 1937 und 1941, wie bereits angedeutet wurde, auch Pläne erwogen wurden, Millionen europäischer Juden in einem riesigen Reservat auf Madagaskar anzusiedeln. Fest steht jedenfalls, daß SS und Gestapo, die nach 1938 die Auswanderung kontrollierten, anfänglich nichts gegen Palästina als Auswanderungsland einzuwenden hatten. Im Sommer 1939 war man sogar zu einem Abkommen bereit, wonach 10 000 Juden von den Häfen Emden und Hamburg aus nach Palästina gebracht werden sollten. Der Kriegsausbruch im September erzwang den Abbruch des Vorhabens, das zwischen dem Mossad Agenten Pino Ginzburg und der Gestapo ausgehandelt worden war.

Die Beziehungen zwischen Hitler Deutschland und dem Zionismus sind ein höchst sensibles Feld, wo bereits ein falscher Zungenschlag viel Unheil stiften kann. Es waren, das muß immer wieder betont werden, nicht gleichberechtigte Partner, die da miteinander zu tun hatten. Die zionistischen Funktionäre, wollten sie etwas erreichen, waren mehr oder weniger gezwungen, mit dem Hitler Regime zu paktieren, dabei durchaus wissend, daß sie sich die Hände schmutzig machten. Unmittelbar nach 1945 gab es denn auch in der jüdischen Welt heftige Diskussionen darüber, ob das, was als "Zusammenarbeit" mit den Nazis bezeichnet wird, Kollaboration war oder nicht. Die einen meinen ja, die anderen sind nachsichtiger, sagen, es sei eine Politik des Retten waszu retten ist gewesen. Eine andere Wahl hätte es nicht gegeben.

In seinem Buch geht Nicosia auf diese Fragen nicht ein, sondern ist, wie es sich für einen gestandenen Historiker gehört, bemüht, nüchtern die Bedingungen und Zwänge zu analysieren, unter denen die jeweils Handelnden damals agierten. Wohltuend dabei ist es, daß Nicosia es vermeidet, in vorschnelle moralische Wertungen zu verfallen. In der wissenschaftlichen Welt ist dies auf viel Anerkennung gestoßen. Gelobt wurde nicht nur das hervorragend recherchierte Quellenmaterial (Albert Hourani), sondern auch das Gespür und das sichere Urteil (Elie Kedourie), das Nicosia bei seiner Untersuchung entwickelt hat.

Womit Nicosia allerdings nicht rechnen konnte, ist der fast unglaublich klingende Sachverhalt, daß ein deutscher Verlag, der sich durch das Herausbringen rechtsradikaler Literatur einen unrühmlichen Namen gemacht hat, sich der Übersetzungsrechte bemächtigen würde. Nicosia, als er davon erfuhr, protestierte heftig, was jedoch nichts half. Zu seinem Erstaunen mußte er feststellen, daß der Verlag das Buch dennoch herausbrachte und es auch nicht für nötig befand, ihm die in Auftrag gegebene Übersetzung vorzulegen. Auf sein Schreiben, daß sein Buch in erster Linie eine umfassende wissenschaftliche Studie über die Politik des NS Regimes und nicht ein Buch über "Hitler und der Zionismus" sei, wie der vom Druffel Verlag gewählte Titel suggeriert, erhielt er nicht einmal eine Antwort.

Der eigentliche Skandal ist nicht, daß ein Verlag die Übersetzung eines Buches gegen den Willen des Autors herausbringt. Das kommt leider ab und zu vor. Der Skandal ist, wie mit der Arbeit eines Wissenschaftlers umgegangen wird, wie wissenschaftliche Aussagen verdreht und bewußt für vordergründige politische Zwecke mißbraucht werden. Der Leser der Druffel Ausgabe liest zum Beispiel im Klappentext: "In diesem Buch wird deutlich, daß die deutsche Reichsregierung, insbesondere aber die SS, das jüdische Element in Palästina nachhaltig unterstützte, die Auswanderung förderte und auf verschiedenen Gebieten praktische Entwicklungshilfe leistete Heißt das, daß der Verlag meint, die Juden sollten eigentlich der Reichsregierung und insbesondere der SS für ihre Aktivitäten dankbar sein? Oder soll damit gesagt werden, daß alles ganz anders war und die Historiker, die sich bisher mit der NS Judenpolitik befaßten, ein ganz falsches Bild von den tatsächlichen Geschehnissen gezeichnet haben?

Für das Letztere spricht das Vorwort, um das der Verlag den bisher als seriös geltenden Historiker Hansjoachim W. Koch gebeten hat, das an Peinlichkeit kaum noch zu überbieten ist. Koch bekennt sich hier zur sogenannten revisionistischen Geschichtsschreibung, wobei er in seinen Ausführungen nicht einmal vor dem Gebrauch antisemitischer Stereotypen und auch nicht vor plumpesten Falschbehauptungen zurückschreckt. Was, fragt man sich, ist in einen Mann gefahren, der in der Vergangenheit durchaus passable Bücher geschrieben hat, daß er sich zu Geschichtsklitterungen im Stile von "Historikern" vom Schlage David L. Hoggans, Wilhelm Stäglichs, Arthur Butz oder Robert Faurissons herbeiläßt. Von seinen Behauptungen seien nur ein paar Kostproben wiedergegeben, die keiner Kommentierung bedürfen und für sich selbst sprechen: Die "Haltung nationalsozialistischer Antisemiten (wurde) durch die Greuelpropaganda zionistisch beeinflußter Organe im Ausland bestimmt"; "In ihrer rassistischen Ideologie erhielten die Zionisten Unterstützung von namhaften Glaubensgenossen, unter ihnen Albert Einstein"; "Die zionistische KibbuzBewegung ahmte bis in die kleinste Einzelheit die Praxis des Bundes der Artamanen in Deutschland nach, eines Bundes, dem bekanntlich Heinrich Himmler für einige Zeit angehörte "

Nein, in diese Gesellschaft zu geraten, hat Francis R. Nicosia wahrlich nicht verdient. Francis R. Nicosia:

LB. Tauris Publishers, London; 319 S , 24 50 Pfund (deutsche nicht autorisierte Übersetzung, Druffel Verlag, Leoni am Starnberger See, 1989)