Am ersten Trainingstag der neuen Basketballsaison bekamen die fünfzehn Spieler die Retter ihres Vereins endlich zu Gesicht. Vizepräsident Alp Yalman und Schatzmeister Faruk Süren ersparten der Mannschaft viele Worte und kamen gleich zur Sache. „Wir erwarten von Ihnen Erfolg, und Erfolg heißt für uns – die Deutsche Meisterschaft.“ Und wenn diese Mannschaft es nicht schaffe, nun, dann müsse man am Ende der Saison über Alternativen nachdenken. „Dieser Verein trägt jetzt den Namen Galatasaray – und der steht für Erfolg.“

„Galatasaray Köln“ heißt der Verein erst seit vier Monaten; Sportfreunden ist er noch besser unter seinem alten Namen „Saturn Köln“ bekannt: Unter diesem Banner wurden die Kölner in den letzten acht Jahren viermal Deutscher Meister und dreimal Pokalsieger. Doch mit dem Meisterschaftsgewinn im Frühjahr 1988 begann für Saturn die Talfahrt; die Kaufhof/Metro-Gruppe, Hauptsponsor des Vereins, hatte keine Lust mehr, den 1,5-Millionen-Etat des Vereins zu finanzieren und kündigte den Korbballern die Gefolgschaft: Basketball sei als Werbeträger nicht attraktiv genug.

Wenige Wochen nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft konnte der Verein die Hallenmiete nicht mehr bezahlen; die besten Spieler setzten sich ab. Monatelang suchte Manager Werner Fredebold einen neuen Geldgeber – vergeblich. Selbst Kölner Unternehmen zeigten kein Interesse. Der damalige Ford-Chef Daniel Goeudevert ließ sich nicht einmal durch eine persönliche Intervention des Oberbürgermeisters erweichen.

Die Kölner Basketballer sind die Abhängigkeit von Sponsoren gewohnt: Erst nachdem der Kölner Kaufmann Fritz Waffenschmidt die vor der Auflösung stehende Basketballabteilung des Leichtathletikvereins ASV Köln im Jahr 1976 unter seine Fittiche nahm, begann der Aufstieg zur Spitzenmannschaft. Zu Beginn waren die Korbballer für den wohlhabenden Kaufmann lediglich ein Posten im Werbeetat – die Übernahme seines Firmennamens Saturn hatte Waffenschmidt zur Bedingung für die Sanierung des verschuldeten Vereins gemacht. Das Engagement wandelte sich aber schon bald in leidenschaftliche Anhängerschaft. Unverdrossen pumpte Waffenschmidt eine Million nach der anderen in den Verein.

1981 zogen die Kölner dann endlich an Spitzenteams wie Göttingen, Heidelberg, Gießen und Leverkusen vorbei. Auch in den Folgejahren waren die Kölner erfolgreich, und hätte sich Fritz Waffenschmidt vor fünf Jahren nicht zur Ruhe gesetzt, hätte es wohl nie eine finanzielle Krise des Vereins gegeben. Waffenschmidt aber verkaufte sein Unternehmen an ein Konsortium unter Führung der Kaufhof/Metro-Gruppe. Mehr als das Zugeständnis, bis zur Saison 1987/88 für den Etat der Basketballer aufzukommen, konnte Waffenschmidt bei der Firmengruppe nicht heraushandeln. Kaum war die Zeit abgelaufen, drehten die neuen Besitzer den Geldhahn zu.

Die Entscheidung der Konzernherren zeugte von wenig Gespür, denn Basketball lockte inzwischen auch die Zuschauer. Seine Europapokalspiele bestritt Saturn vor 7000 Zuschauern in der Kölner Sporthalle; selbst das Fernsehen war nun mit von der Partie, wenn die Mannschaft gegen Barcelona oder Mailand gewann.

Der sportliche Erfolg war vor allem das Verdienst von Trainer Tony DiLeo, selbst erst 33 Jahre alt. Er war einer der besten Collegespieler der USA, bis eine Verletzung seine Karriere beendete. Vor drei Jahren kam er nach Köln und führte seine Truppe auf einen bislang unerreichten sechsten Platz in der Europaliga.

DiLeo war es auch, der die Rettung des Vereins einleitete, als Saturn ein Jahr nach dem Absprung der Sponsoren vor dem Kollaps stand. Denn der Ruf des Trainers war mittlerweile auch auf internationaler Ebene ausgezeichnet – als den Basketballern des Istanbuler Vereins Galatasaray Anfang dieses Jahres der Trainer weglief, dachte Basketballchef Faruk Süren sofort an Tony DiLeo.

Als Galatasaray dann im März in Köln ein Europapokalspiel bestreitet, treffen sich Faruk Süren und Galatasaray-Vizepräsident Alp Yalman mit Tony DiLeo, um ihn abzuwerben. DiLeo lehnt ab, er will in Köln bleiben. Dabei ist das Angebot verlockend – Geld spielt für den Istanbuler Verein keine Rolle. Aus einer über 500 Jahre alten Eliteschule des Sultans hervorgegangen, ist Galatasaray eine türkische Institution. Wer Mitglied werden will, kommt erst einmal für fünf Jahre auf die Warteliste und muß zwei Bürgen vorweisen – auf diese Weise bleibt die Elite unter sich.

Wenn DiLeo nicht zu Galatasaray kommen will, muß Galatasaray eben nach Köln kommen, sagt sich Faruk Süren, ein Unternehmer, dessen Vermögen auf mehrere hundert Millionen geschätzt wird. Er macht den Kölnern einen Vorschlag, der am Rhein zunächst für Sprachlosigkeit sorgt: Er, Süren, werde dafür sorgen, daß Galatasaray den bankrotten Verein in Zukunft finanziere; die einzige Bedingung sei die Änderung des Vereinsnamens und zwei Vorstandsposten für ihn und seinen Vereinskollegen Alp Yalman.

Seitdem beschäftigt das ungewöhnliche Entwicklungshilfemodell die Fans. Irgendwelche dunklen Hintergedanken müssen einfach mit im Spiel sein, wenn jemand jährlich 2,2 Millionen bezahlen will, vermuten viele. Und andere schimpfen über die bedingungslose Abhängigkeit vom großen Geld. Doch um im Basketball an der Spitze zu bleiben, gibt es für die Kölner keinen anderen Weg. Denn von Zuschauerzahlen wie bei den „Haien“ des Kölner Eishockey-Clubs (KEC) können die Basketballer nur träumen, von den Sternstunden im Europapokal einmal abgesehen: Trotz ihrer großen Erfolge liegen sie in der Zuschauerstatistik der Bundesliga an drittletzter Stelle; der Spielbetrieb brachte in der letzten Saison gerade mal kümmerliche 50 000 Mark ein. Ohne Sponsor geht hier gar nichts.

Für Faruk Süren ist eine solche Diskussion typisch deutsch – in der Türkei reißt sich die Wirtschaft darum, den Verein zu sponsern; beim Kölner Deal ist eine der größten türkischen Banken mit von der Partie. Das Engagement Galatasarays ist also nicht einfach die teure Liebhaberei eines sportvernarrten Millionärs: Der Name Galatasaray soll in ganz Europa bekannt werden. „Das ist für uns als Unternehmer auch im Hinblick auf den Binnenmarkt 1992 interessant“, sagt Süren.

Auch sportlich will Galatasaray vom erhofften Erfolg der Kölner Zweigstelle profitieren. Seit vier Wochen ist Ömer Büyükaycan, bisher 74mal in Diensten der türkischen Nationalmannschaft tätig, Mitglied des Kölner Kaders. Und Trainer Tony DiLeo wird die Istanbuler Basketballer in Trainingslagern auf Vordermann bringen.

Florian Hassel