Von Joist Grolle

Vor 25 Jahren stand er auf der Höhe seiner Reputation: Percy Ernst Schramm, universalhistorisch orientierter Mediävist und hamburgischer Geschichtsschreiber. Er war zum Kanzler des Ordens „Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste“ gewählt worden, der höchsten Ehre, die einem Wissenschaftler in der Bundesrepublik Deutschland zuteil werden kann. Noch bevor er 1970 im Alter von 76 Jahren in Göttingen starb, war er zum Denkmal seiner selbst geworden.

Heute wird an dem Denkmal Percy Ernst Schramm mit Macht gerüttelt. Ein frontaler Angriff ging vor zwei Jahren von jungen Wissenschaftlern aus, die ein Buch herausbrachten: „Die Universität Göttingen unter dem Nationalsozialismus. Das verdrängte Kapitel ihrer 250jährigen Geschichte“ (Saur, München). In diesem Werk wird zum ersten Mal die Geschichte der Georgia Augusta in der NS-Zeit systematisch untersucht und dabei auch die Rolle von Schramm behandelt.

Das Bild fällt nichts weniger als freundlich aus. Zwar sei Schramm niemals Nationalsozialist im vollen Wortsinn gewesen; aber man werde schwerlich behaupten können, er habe dem Nationalsozialismus fern gestanden. Seine historischen Interessen seien „kongenial mit rechter und daher auch mittelbar mit nationalsozialistischer Politik“ gewesen. Seine in Hitlers Wolfsschanze von 1943 bis 1945 ausgeübte Tätigkeit als Kriegstagebuchführer des Wehrmachtführungsstabes wird als Beteiligung an der Vorbereitung des „Endsieges“ gewertet. Über sein Verhalten insgesamt heißt es, er „diente dem nationalsozialistischen Staat im Frieden und im Krieg, deutlich ohne Zögern“.

Ist damit der Stab über einen Mann gebrochen, der bis gestern zu den großen Historikern der letzten Generation zählte? So viel läßt sich schon feststellen: Die angeführten Belege reichen weder in der einen noch in der anderen Richtung zu einem hinreichend begründeten Urteil aus.

Zu Hilfe kommt uns Schramm selbst. In seinem Nachlaß hat er vieles aus der NS-Zeit sorgfältig überliefert, was auf der Waage seines Lebens zu gewichten ist. Anklägern wie Verteidigern hat er mit erstaunlicher Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst das Material für ihre Plädoyers geliefert. Es autobiographisch zu integrieren, hat er freilich bewußt unterlassen. Seine im Nachlaß befindlichen Erinnerungen Jahrgang 94“ läßt er mit dem Jahr 1924 abbrechen. Seine Jahre in der späten Republik, vor allem in der NS-Zeit, bleiben ausgespart Er erläutert dies, indem, er sich auf den Film „Rashomon“ des Japaners Kurosawa bezieht:

„In jenem Film wird nämlich entsprechend den Aussagen der vier Augenzeugen dieselbe Mordszene viermal gespielt; jede Fassung in sich überzeugend, weil die drei Beteiligten: der Ritter, die Frau, der Räuber, so aussagen, daß sie frei von Makel dazustehen scheinen. Man atmet auf, als ein unbeteiligter Zuschauer, der Bauer, aussagt, wie es ‚wirklich‘ gewesen sei –, aber er wird gleich darauf überführt, in einer Nebensächlichkeit gelogen zu haben. Ist auch die vierte Version nicht wahr? Der Film gibt keine Antwort – gerade deshalb kann man ihn nicht vergessen.

Wer sich unterfängt, sein Verhalten in den Jahren 1933 bis 1945 darzustellen, sollte sich also wieder und wieder daraufhin prüfen, ob er sich wirklich nichts vormacht. Selbst wenn mich die zweite Hälfte meines Lebens interessant genug für andere dünkte, würde ich mich nicht getrauen, sie darzustellen.“

Wie muß es in einem Menschen aussehen, der seine Zeitgenossenschaft begreift als die eines Mordzeugen, der befürchten muß, daß sich seine Erinnerung gegen ihn selbst wendet? Die Befangenheit, die Schramm sich eingesteht, ist die Befangenheit einer ganzen Generation, der Generation unserer Väter. Nur wenige von ihnen werden gemordet haben, und doch waren sie Beteiligte, unbeteiligt Beteiligte, so wie jener Bauer.

„Wie es wirklich gewesen ist“ – die Antwort, die Schramm in seiner abgebrochenen Autobiographie gibt, ist ebenso überraschend wie rätselhaft. Er, der es so sehr liebte, die Realien vergangener Epochen auszubreiten, er wählte als Motto seiner Lebensbilanz zwei Worte aus T.S. Eliots „Mord im Dom“: „Der Mensch geht von Unwirklichkeit zu Unwirklichkeit und „Das Menschengeschlecht erträgt nicht sehr viel Wirklichkeit

Ausgangspunkt seiner Wirklichkeitserfahrung war für Percy Ernst Schramm seine Vaterstadt Hamburg, in der er in gesicherten großbürgerlichen Verhältnissen aufwuchs, als Sohn des Hamburger Bürgermeisters Dr. Max Schramm und seiner Ehefrau Olga geborene O’Swald, beide althamburgischen Kaufmannsfamilien entstammend. Schramm hat die elterliche Villa in Harvestehude mit allen ihren Akzidenzien – zahlreiches Dienstpersonal, ungezählte Verwandtenbesuche, eine große Privatbibliothek, ein parkartig angelegter, mit Tennisplatz ausgestatteter Garten – liebevoll beschrieben. So wie im Garten der Mutter die Hundeblumen als „Proletarierblumen“ nicht gelitten waren, so war auch die Jeunesse dorée in Harvestehude proletarierfrei – die „Gesellschaft“ war unter sich. In diese geschlossene Welt hinein brach der Erste Weltkrieg, in den Schramm mit neunzehn Jahren als Kriegsfreiwilliger zog. Der Glanz von Besitz, Bildung und Boheme verblaßte. An der Front wichen bald Ekel und Ernüchterung dem Pathos der Belle Époque. Doch wehrte sich in ihm ein hanseatisch verbrämter Husarenstolz. Noch lange klammerte er sich an die Illusion eines „Siegfriedens“ mit weit ausgreifenden Annexionen.

Erst seit 1917 begann er zu begreifen, daß die alten Orientierungen nicht mehr standhielten. Den schließlichen Zusammenbruch erlebte er an der Westfront. Auf dem Rückmarsch seiner Schwadron aus Frankreich schrieb er sich in der Nacht vom 11. zum 12. November 1918 – drei Tage also nach Ausbruch der Revolution – von der Seele, was er empfand: Es ist Zorn über die jahrelange Ablichtung „zum möglichst rationellen Menschenmorden“, über die immer unerträglicher gewordenen Kriegsstrapazen, über die allgemeine Militarisierung auch hinter der Front.

Der Grundfehler des alten Regimes, so faßt der Leutnant der Reserve Schramm sein Urteil zusammen, sei „Verkennung“ gewesen: Verkennung sowohl der inneren wie der äußeren Lage. Regierung und gehobene Schichten hätten keine Ahnung von den Regungen und Zielen der Masse; aber auch auf außenpolitischem Gebiet habe man nicht verstanden, die Feinde richtig einzuschätzen.

Was hatte Schramm dem von ihm diagnostizierten Wirklichkeitsverlust entgegenzusetzen? Die restaurativen Tiraden der Deutschnationalen waren ihm zuwider, noch verhaßter waren ihm jedoch die weltrevolutionären Parolen der Kommunisten. Die Sozialdemokraten fanden seinen Respekt, und doch sah er sich auch von ihnen durch einen unüberbrückbaren Graben getrennt: „Wie hätte ich mich einer Partei anschließen können, in der immer von neuem die Parole des ,Klassenkampfes‘ ausgegeben wurde! ... wäre ich der Partei beigetreten, wäre ich in eine Front gegen meine ‚Klasse‘ gepreßt worden. An ihr fand ich viel auszusetzen, sehr viel zu reformieren; aber ich konnte nicht zum Kampf gegen sie antreten.“

Ungebrochen, aber auch ungebunden war allein sein nach wie vor ausgeprägter Patriotismus. Aus dem Abstand des Alters urteilt Schramm über sein und seiner bürgerlichen Klassengenossen damaliges Verhalten, „daß wir alle, die Älteren und die Jüngeren, nicht wagten, der Wirklichkeit – obwohl sie sich deutlich genug abzeichnete – offen ins Auge zu schauen, daß wir uns etwas vormachten’, um uns durch Selbstbetrug aufrecht zu halten. Aber dieser – die Realität überspringende – Glaube an die Wiederaufrichtung Deutschlands wurde zur Grundvoraussetzung dafür, daß Deutschland tatsächlich wieder aufgerichtet wurde... Ein seltsamer Vorgang: Das Ausweichen in die Unwirklichkeit gab vielen Deutschen Kraft, wieder festen Boden unter den Füßen zu gewinnen.“

Schramms starker nationaler Impetus bedarf der Erläuterung nicht, er war Teil seiner Erziehung vom ersten Tage an. Angebracht ist dagegen ein Wort über sein Verhältnis zum Kommunismus. In der entscheidenden Umbruchsituation 1918/19 gab es in seinem persönlichen Leben zwei Erlebnisse, die ihn seither nicht mehr losgelassen haben: bei der ins Baltikum vorstoßenden Frühjahrsoffensive 1918 die physische Konfrontation mit Bluttaten, die die Bolschewisten im Bürgerkrieg in Estland verübt hatten, und im Juli 1919 die Nachricht, daß sein Jugendfreund Fritz Sander von Hamburger Revolutionären in das Alsterbecken gestoßen und beim Wiederauftauchen erschossen worden war. In seinen Erinnerungen hat Schramm diesen aufwühlenden Eindruck gewichtet: „Auf die Dauer ist er wichtiger geworden als das ‚Kriegserlebnis‘.“

Wer vollzieht nicht den Schock nach, den die Erfahrung des politischen Mordes bedeutete. Bemerkenswert ist dennoch, wie sehr die moralische Verurteilung bei Schramm eine realistische Abschätzung gesamtgesellschaftlicher Gefahren ersetzte. Die von der extremen Rechten verübten politischen Morde kamen bei seiner Bewertung nicht in Anschlag. Aber auch das Kriegsgrauen rückte gegenüber der Erfahrung kommunistischer Gewalt in die zweite Reihe. Ähnlich wie Schramm werden viele seiner Generationsgenossen für ihre Haltung persönliche Erlebnisse ins Feld führen können. Warum ängsteten politische Gefahren von links und rechts eine ganze bürgerliche Generation so übereinstimmend ungleich?

Im Jahre 1919 – Schramm studierte damals an der gerade neugegründeten Hamburger Universität – meldete er sich zur Bekämpfung der Kommunisten bei der Zeitfreiwilligeneinheit der „Bahrenfelder“, eine Rolle, in der er es, wie er halb scherzhaft berichtet, bis zum „Bahnhofskommandanten von Flottbek“ brachte. Als es 1920 darum ging, den Kapp-Putsch abzuwehren, ließ er sich in Hamburg noch einmal als Freiwilliger reaktivieren. Diesmal ging es gegen rechts. Verblüffend ist gleichwohl, wie er vier Jahre später sein Engagement begründet: Es habe sich darum gehandelt, „eine Organisation zu schaffen, um die Arbeiter, die sich gegen den Kapp-Putsch der Waffen bemächtigt hatten, von dem Abschwenken in das radikale Lager abzuhalten“.

Im Oktober 1923, kurz vor dem Hitler-Putsch, schreibt Schramm aus Heidelberg, wo er sich auf die Habilitation vorbereitete, an einen Freund, wenn die Bayern imstande seien, einem deutschen Mussolini in den Sattel zu verhelfen, sei ihm das recht; aber er wage es nicht zu hoffen. Den Münchner Putsch selbst hat er dann allerdings verurteilt; Hitlers Versuch, Mussolini zu kopieren, überzeugte ihn nicht: „Die Hitler-Leute kamen sich nach innen auch wie Helden vor und waren doch – europäisch gesehen – nur Karikaturen.“

Selbst in der Zeit der Konsolidierung der deutschen Republik hielt Schramm Distanz zu den Parteien, die die Weimarer Reichsverfassung geschaffen hatten. Parteipolitisch suchte er Anschluß bei der konservativ-liberalen Deutschen Volkspartei. Bei der Reichspräsidentenwahl 1925 gab er seine Stimme nicht Wilhelm Marx, dem Kandidaten der Weimarer Koalition, sondern dem von den Rechtsparteien benannten und dann von einer knappen Wählermehrheit tatsächlich in das Amt des Reichspräsidenten gebrachten Hindenburg.

1929 wurde Schramm auf einen Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Geschichte nach Göttingen berufen, wo er zwei Jahre darauf zu der von der Universität veranstalteten „Verfassungsfeier“ spricht. In seiner dem Reichsgedanken gewidmeten Rede würdigt er die Verfassung keines Wortes, enthält sich allerdings auch – damals an deutschen Universitäten nicht selbstverständlich – hämischer Kritik an der Republik.

Im Frühjahr 1932 standen erneut Reichspräsidentenwahlen an, im entscheidenden zweiten Wahlgang kandidierten Hindenburg, Hitler und Thälmann gegeneinander. In dieser zugespitzten Situation entschloß sich Schramm, öffentlich Partei zu ergreifen. Als Vorsitzender des Göttinger „Hindenburg-Ausschusses“ hielt er ein halbes Dutzend Wahlreden, in denen er für die Wiederwahl des greisen Reichspräsidenten mit dem Argument warb, außer den Kommunisten könnten grundsätzlich alle erwarten, von Hindenburg in den Dienst des ganzen deutschen Volkes gestellt zu werden, Hitler dagegen werde nur mit Politikern seiner Richtung arbeiten.

Am Vorabend der letzten freien Reichstagswahl im November 1932 animierte Schramm seinen Freund Otto Westphal zu einem Artikel im Göttinger Tageblatt, der dazu aufrief, eine der den Reichskanzler von Papen stützenden Rechtsparteien zu wählen. Dazu dreißig Jahre später Schramm: „Wir ‚Bürgerlichen‘ standen zwischen dem Links- und dem Rechtsradikalismus. Den Linksradikalismus kannten wir von 1919/20 her. Er war der Feind Nr. 1, und von ihm wollten wir nicht überwältigt werden. Denn inzwischen hatte sich ja der Bolschewismus stabilisiert; Sieg des Kommunismus in Deutschland lief also auf eine Auslieferung hinaus. Gleichzeitig auch noch Front zu machen gegen den Nationalsozialismus, waren wir zu schwach – ganz abgesehen davon, daß die ‚Bürgerlichen‘ unter sich uneins waren. So blieb nur die Hoffnung, daß die Nationalsozialistische Partei sich eines Tages irgendwie werde integrieren lassen, ohne daß die Mitte das Heft aus der Hand gab. Das war eine Fehlspekulation, die darauf beruhte, daß wir weder Hitler kannten noch ahnten, wie er die Massen mobilisieren werde und wozu mobilisierte Massen imstande sind.“

So hart solche an die eigene Adresse gerichtete Kritik ist, sie ist doch überlagert von einer im Rückblick neuaufgebauten Selbsttäuschung. Er und sein Freund Westphal, so möchte Schramm sich und andere glauben machen, hätten im November 1932 für die Unterstützung der Regierung Papen in der freilich vergeblichen Hoffnung plädiert, damit eine Position zwischen Links- und Rechtsextremen stabilisieren zu können. In Wahrheit operierte Papen 1932 längst am äußersten rechten Rand der Republik, von einer Politik zur Rettung der Mitte konnte zu diesem Zeitpunkt keine Rede mehr sein.

War er vielleicht zu sehr „mittendrin“? Fehlte ihm der Abstand des „von außen“ urteilenden Beobachters? Als hätte Clio die Nagelprobe auf diese Frage machen wollen, fügte es ein Zufall, daß Schramm Hitlers Machtergreifung nicht in Göttingen erlebte. Während der ersten Monate des Jahres 1933 war er als Gastprofessor in Princeton und verfolgte von dort aus das Geschehen im fernen Deutschland. Man hätte denken können, daß Schramm unter dem Eindruck des liberalen Geistes von Princeton die ihn erreichenden Informationen aus Deutschland mit besonders geschärftem Sensorium verarbeitet hätte. Doch von kritischer Sonde ist nichts zu verspüren.

In einem Brief aus Princeton vom 15. März 1933 an seine Frau in Göttingen bedauert er die unfreundliche Haltung der amerikanischen Öffentlichkeit gegenüber den deutschen Ereignissen. Er kommentiert dies so: „Wer mit republic, democracy, rights of men, Constitution etc. aufgepäppelt ist, kann kein Verständnis haben für das, was vorgeht“ – eine Äußerung, die nicht zuletzt über Schramms eigene Reserve gegenüber westlich-demokratischem Ideengut etwas aussagt.

Dem Brief an seine Frau ist zu entnehmen, daß ihn die Nachrichten über das Reichstagswahlergebnis vom 5. März (NSDAP und DNVP erhielten zusammen 52 Prozent der Stimmen) in eine von Sorgen kaum untermischte Hochstimmung versetzt hatten: „Daß die schwarz-weiß-rote Fahne zurückkommen würde, hatte ich schon gar nicht mehr gehofft. Nun doch! Das begrüße ich aus vollem Herzen.“ Diese Aussage charakterisiert den ganzen Brief: Der Autor sieht nur die Wiederkehr der schwarzweißroten Fahne, daß in Wahrheit das Hakenkreuz dominiert, will er nicht wahrnehmen.

Am 31. März rät er aus Princeton in einem Privatschreiben an den ihm persönlich bekannten Staatssekretär im Preußischen Innenministerium, Herbert von Bismarck: „Wenn der deutsche Antisemitismus für die nächste Zeit als eine Tatsache hinzunehmen ist, mit der politisch gerechnet werden muß, dann scheint er mir nur in der Form eines Kampfes gegen das Ostjudentum und das marxistische Judentum möglich. Die Abwehr gegen Einwanderer von niederer Kultur und gegen Kommunisten kann hier Verständnis finden. Ein Kampf ,gegen die Juden‘ kann hier immer als ein Kampf der Unduldsamkeit gegen eine religiöse Gemeinschaft aufgemacht werden.“

Im April glaubte Schramm die Lage in seiner Heimat so weit überblicken zu können, daß er riskierte, vor verschiedenen akademischen Foren in Princeton über die „Nationale Revolution in Deutschland“ zu referieren. Die Judenfrage als zweitrangig beiseiteschiebend, rückt er die aus seiner Sicht positiv zu wertenden ersten Leistungen der neuen Regierung in den Vordergrund. Besonders herausgestellt wird von ihm die lang ersehnte Abschüttelung der „Fesseln von Versailles“. Abel auch die Gleichschaltung der Länder wird als ein nationalstaatlicher „Schritt über Bismarck hinaus“ ausdrücklich als Erfolg angeführt, eine Bewertung, die aus dem Munde eines traditionsbewußten Hamburgers besonders überraschen muß.

An die amerikanische Furcht vor dem Bolschewismus appellierend, unterstreicht er nicht zuletzi den strategischen Gewinn für die gesamte westliche Welt: „... das ist schon jetzt klar: in Europa ist jetzt gegen die Weltrevolution Moskaus ein Damm aufgerichtet vom Baltikum bis zum Mittelmeer.“ Um die Dimension anzudeuten, in die Schramm den Kampf um die Weltöffentlichkeit historisch einordnete, sei noch ein Vorschlag angeführt, den er von Princeton aus für eine in Aussicht genommene Halbjahresbilanz des neuen Reiches formulierte: „Der Propagandakampf könnte meines Erachtens eine feste Basis durch eine möglichst feierliche Bekanntgabe einer ‚Erklärung der deutschen Pflichten‘ sowie eine ‚Erklärung der sozialen Rechte‘ bekommen.“

Schramm begründete den propagandistischen Nutzen so: Der Gedanke der „deutschen Pflichten“ und die Idee „sozialer Rechte“ (statt „demokratischer Rechte“) seien geeignet, „ein Gegenstück zur französischen Deklaration der Menschenrechte von 1789“ zu schaffen. Auch ein massenwirksames Motto hatte er anzubieten; es sollte lauten: „Wir dienen.“ – Natürlich hatte Schramm im Kopf, daß schon einmal deutsche Professoren versucht hatten, den Ideen von 1789 ein deutsches Contra entgegenzustellen: die „Ideen von 1914“. Natürlich wußte er, daß dieser Versuch der Usurpation eines universalgeschichtlichen Anspruchs gescheitert war. Müssen bittere Erfahrungen zweimal gemacht werden, um angenommen zu werden?

Zur „Judenfrage“ äußerte sich Schramm in einem Brief, den er am 23. April an seine Muttei in Hamburg schrieb: „Daß der jüdische Einfluß, wo er schädlich oder übermächtig war, eingeengt wird, beziehungsweise schon ist, begrüße ich selbstverständlich. Über diese Erscheinungen haben wir ja immer gestöhnt... Ich warte nun sehnlich auf Etas Berichte, um genau zu hören, ob nun schematisch gegen alle 4/4 – 1/4 Juden vorgegangen wird oder ob das nur ein Rahmengesetz bedeutet, das im Bedarfsfall angewandt wird. Hier sage ich mir im Vollgefühl meines Deutschtums, daß unsere Rasse doch so stark ist, daß sie nicht unbedingt durch 1/4 oder 1/2 Judenblut untergekriegt wird ...

Dazu ein zweites: Du weißt, daß ich mich nicht oft auf mein Christentum berufe. Hier tue ich es. Ein Vorgehen allgemeiner Art, das nicht den einzelnen prüft, kann ich als Christ nicht billigen. Ich hoffe nur, daß die, die Christen sind, nun, wenn sie mit einzelnen Juden befreundet waren, aus dieser Tatsache die gegebenen Konsequenzen ziehen. Wäre diese Frage nicht, so könnte ich jetzt Nazi werden – zu Hugenberg zieht mich nichts.“

Seit Mai 1933 war Schramm wieder in Göttingen. Die Szene, die er vorfand, war anders als erträumt. Von nun an brach seine Zeitgenossenschaft in Erfahrungen auseinander, die sich völlig konträr zueinander verhielten. Zustimmung und Konflikt gerieten dabei in schwierige Gemengelage. Noch in seiner Abwesenheit war Schramm von den neuen Machthabern wegen politischer Unzuverlässigkeit aus dem Vorstand des Göttinger Studentenwerks hinausgeworfen worden. Die latente Spannung nach seiner Rückkehr entlud sich dann im Januar 1934.

Ulrich Kahrstedt, Professor für Alte Geschichte und prominenter Deutschnationaler, griff Schramm und seinen Kollegen Karl Brandi in spektakulärer Form öffentlich an. Als Forum wählte er die Reichsgründungsfeier am 18. Januar in der Aula der Georgia Augusta. Er warf den beiden vor, am Internationalen Historikerkongreß teilgenommen zu haben, der in der von der NS-Propaganda als deutschfeindlich verfemten polnischen Hauptstadt Warschau stattgefunden hatte. Was würde passieren, so fragt Kahrstedt rhetorisch, ereignete sich ein solcher Fall nationaler Würdelosigkeit in Frankreich, England oder Italien? Die Antwort des Festredners: „Die Studenten nehmen Knüppel und schlagen die Professoren tot. Weiter passiert gar nichts.“

Kahrstedt steigerte den aggressiven Affront zur nationalistischen Doktrin. Feierlich legte er ein in der Geschichte der deutschen Universität bis dahin beispielloses Gelöbnis ab: „Wir sagen ab der internationalen Wissenschaft, wir sagen ab der internationalen Gelehrtenrepublik, wir sagen ab der Forschung um der Forschung willen.“

Nur Eingeweihte erfuhren, daß die gegen Brandi und Schramm gerichteten Angriffe im nachhinein von oben dienstlich mißbilligt wurden, öffentlich blieben sie unwidersprochen. Auf den offenen Eklat folgten weniger geräuschvolle Konflikte. So wurde Schramm aus der Redaktion der Historischen Zeitschrift und der Geschichtslehrerzeitschrift Vergangenheit und Gegenwart entfernt.

Aus verschiedenen Anlässen abgegebene interne Voten der NS-Studentenschaft, des Rektors und der Göttinger Kreisleitung der NSDAP stimmten in immer neuen Varianten darin überein, daß Schramm als „Vertreter des Spätliberalismus“ kein politisches Vertrauen verdiene – eine Einschätzung, die sicherlich zutraf. Ganz deutlich wird dies aus Schramms bedrückter Reaktion auf die „Reichskristallnacht“. Seine Frau hat darüber nach dem Kriege berichtet:

„Ich vergesse nie die verzweifelte Stimmung, in der wir am Abend des 10. November 1938 mit Freunden zusammensaßen, nachdem wir die Verbrennung der hiesigen Synagoge und die sonstigen Judengreuel des Tages miterlebt hatten, ohne mehr zu tun, als auf der Straße oder im Laden laut zu schimpfen. Wir wußten, daß sich das alles an uns rächen würde, aber wir hofften, vielleicht unsere Kinder retten zu können, sie aus dem Kausalnexus herauszuhalten, indem wir die Bezahlung der Schuld hinausschoben.“

Die „hinausgeschobene Schuld“ – diese von Schramms Frau gegebene Bewertung führt von Beispielen des Konflikts und der Abgrenzung zu parallelen Zeugnissen von Unterlassung, Anpassung, ja Zustimmung. 1934 hatte Schramm, der bis dahin einem Göttinger Reiterverein angehört hatte, sich in eine SA-Reiterstaffel überführen lassen, eine Mitgliedschaft, aus der er sich allerdings drei Jahre später wieder zurückzog. 1935 kündigte er, offensichdich aus Gründen politischer Opportunität, seine Mitarbeit als korrespondierendes Mitglied der von Hamburg nach London emigrierten Bibliothek Warburg. 1937 machte er einen Vorschlag für ein Insignien-Geschenk Hitlers zur Krönung des englischen Königs Georg VI.

Als im Jahr darauf Hitler dem englischen Premier Chamberlain auf der Münchner Konferenz weitreichende territoriale Konzessionen abtrotzte, war Schramm ebenso enthusiasmiert wie die große Mehrzahl seiner deutschen Zeitgenossen: „80 Millionen – ohne Blutvergießen. Das konnte weder Bismarck noch die Jungfrau von Orleans, sondern nur jemand, der beider Fähigkeiten vereinigte. Man ist zu erfüllt, um wieder an die Arbeit zu gehen ... Nun ist 1938 also doch das große Jahr unseres Lebens, über das kein weiteres uns hinausheben kann.“ Es liegt auf der Hand, daß sich so widersprüchliche Einstellungen und Verhaltensweisen nicht auf einen Nenner bringen lassen. Als Schramm im Mai 1937 zur englischen Krönungsfeier in London war, hat der Erzbischof von Canterbury ihn in einem Gespräch unter vier Augen gefragt, ob er ein Nazi sei. Schramm hat darauf nach eigenem Bericht geantwortet:

„Hinsichtlich der Wiederaufrüstung (Gleichgewicht der Kräfte) 200prozentiger Nazi. Hinsichtlich ‚Arbeitsfrieden‘, Festigung des Bauerntums, ‚Kraft durch Freude‘ 100prozentiger Nazi. Rassentheorie, Germanenkult, Bildungspolitik, NS-Weltanschauung: 100prozentiger Gegner. Ich sei kein Mitglied der Partei und müsse mir daher jeden Abend erneut die Frage vorlegen, wie weit ich den Zielen der Partei zustimme, wie weit ich sie ablehne. Die Antwort laute jeden Abend anders – das ist nicht nur mein Schicksal, sondern das der deutschen Intelligenz überhaupt.“

Schramm hatte die politische Realität, um mit ihr leben und sie ertragen zu können, in verschiedene, scheinbar voneinander getrennte Wirklichkeiten aufgespalten. Man kann geradezu von einer Wahrnehmungsschizophrenie sprechen, die ihm ermöglichte, den Zusammenhang zwischen Aufrüstung, Arbeitsfrieden und NS-Weltanschauung zu verdrängen. Der von T.S. Eliot gelieferte Schlüssel „Das Menschengeschlecht erträgt nicht sehr viel Wirklichkeit“ – hier paßt er genau.

Zwei Jahre später, am 1. Mai 1939, wurde Schramm dann doch noch Mitglied der NSDAP. Der Vorgang ist, wie so vieles in dieser Zeit, doppelbödig. Der Antrag wurde nicht von Schramm selbst gestellt, sondern vom Präsidenten der Göttinger Akademie der Wissenschaften, Professor Drescher-Kaden. Dieser organisierte damals innerhalb der NS-Professorenschaft eine Fronde gegen den allmächtigen Gau-Dozentenbund-Führer Professor Schürmann. Tatsächlich gelang es einige Zeit darauf, Schürmann zu stürzen. Aber rechtfertigte dieser „Erfolg“, so mußte Schramm sich selbst fragen, seinen Eintritt in die NSDAP? Ein Onkel aus seiner Hamburger Verwandtschaft äußerte dem Neffen gegenüber böse Vorahnungen: „Hoffentlich brauchst du diesen Beschluß nicht zu bereuen!“ In einer Aufzeichnung nach dem Kriege gab Schramm ihm nachträglich recht: „Meine Beurteilung der Lage im Großen und Kleinen war – ich weiß das selbst am besten – völlig falsch.“

Der Zweite Weltkrieg ließ den Vorhang der Illusionen zerreißen. Welche Rolle hat Schramm in der Kriegsmaschinerie Hitlers gespielt? Daß er in ihr als reaktivierter Reserveoffizier vom ersten Kriegsjahr gedient hat, zuletzt im Rang eines Majors als Kriegstagebuchführer im Wehrmachtführungsstab, ist richtig, besagt aber nichts über den Grad seiner Identifikation. Wer näher hinsieht, stößt auf einen Mann, der in die Klischees nachträglicher Schwarzweißmalerei nicht paßt.

Da ist der Schramm, der die täglichen Meldungen von den Fronten als „Notar des Untergangs“ (so sah er selbst seine Rolle) mit unbeweglicher Miene sichtet, registriert, ordnet – Chronist eines Krieges, den er seit 1939 für kaum gewinnbar, seit 1943 für endgültig verloren hält. Da ist der Schramm, der im Kriegsjahr 1944 zugunsten eines ehemaligen kommunistischen Studenten, der wegen Wehrkraftzersetzung von der Todesstrafe bedroht ist, mit Erfolg interveniert. Da ist der Schramm, der nach der Hinrichtung seiner der Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung für schuldig befundenen Schwägerin Elisabeth von Thadden nur dank der Abschirmung durch seinen Chef, Generaloberst Jodl, davor bewahrt wird, an die Gestapo ausgeliefert zu werden.

Da ist schließlich der Schramm, der neben der Bewältigung seiner militärischen Pflichten ein dickleibiges Buch zur Geschichte Hamburgs in der Zeit zwischen Napoleon I. und Bismarck herausbringt, eine gelehrte Anstrengung, mit der er – so die Begründung gegenüber seiner Frau – dem „in diesem Krieg zwischen den Mühlsteinen der Weltgeschichte zermahlenen Bürgertum“ ein Denkmal setzen will.

Das unter dem Titel „Hamburg, Deutschland und die Welt“ 1943 erschienene Werk enthielt Aussagen, die sowohl unter weltpolitischem wie unter innenpolitischem Aspekt höchst prekär erscheinen mußten. Seltsame Gedanken mochten die Leser beschleichen, wenn sie zum Thema England den Hamburger Ernst Merck mit der These zitiert fanden, daß „die Wohlfahrt der deutschen Nation eine enge und innige Verbindung mit dem großbritannischen Reiche erheische“ und man nichts tun dürfe, „um der Entwicklung des freiesten Verkehrs zwischen den zwei großen Nationen eines Stammes hemmend entgegenzuwirken“.

Aber auch in anderer Hinsicht stießen die Leser auf Ungewohntes. So wurde – in unausgesprochenem Gegensatz zum „Führerprinzip“ – die Selbstverwaltung der Hansestadt mit demonstrativem Lob versehen. Die Frömmigkeitsgeschichte Hamburgs wurde mit Sorgfalt und Zuwendung behandelt, selbst die Geschichte der damals verpönten Freimaurer objektiv gewürdigt.

Am meisten aber mußte das Kapitel über die Judenemanzipation in Hamburg überraschen. Auch wenn es darin einzelne Formulierungen gibt, die als Konzessionen an Zeitgeist und Zeitumstände zu werten sind, so mußte dem damaligen Leser doch unübersehbar auffallen, wie sehr das von Schramm gezeichnete Bild der Hamburger Juden ganz überwiegend freundlich war.

Auch die Judenemanzipation selbst wird vom Autor durchaus positiv gewertet. Am deutlichsten wird dies an der prononcierten Art, mit der Schramm seinen eigenen Urgroßvater Justus Ruperti in der Frage der Judenemanzipation zu Worte kommen läßt. Ruperti hatte als Präses der Commerzdeputation im Jahre 1847 mit Vehemenz für den Zutritt der Juden, dieses „höchst achtbaren und tätigen Teils“ der Kaufmannschaft, zu der Versammlung des „Ehrbaren Kaufmanns“ plädiert: „Denn wir alle, Juden wie Christen, sind Hamburger und wissen, daß auf die Dauer jeder Einzelne von dem Flor des Ganzen abhängig ist. Aber wahrlich, meine Herren, die Emanzipation der Juden für unseren Kreis ist nicht mehr ein Akt der Nachgiebigkeit, sondern der Gerechtigkeit, und Hamburg kann sich demselben nicht mehr entziehen, wenn es mit der Civilisation des Jahrhunderts gleichen Schritt halten will.“

Man vergegenwärtige sich, daß Schramm dies zu einem Zeitpunkt zitierte, als die in Hamburg verbliebenen Juden alle aus der Stadt deportiert wurden und es ein todeswürdiges Verbrechen war, sich schützend vor die Verfolgten zu stellen.

Das Buch von Schramm ist nicht nur ein erstaunliches Dokument verdeckter Regimekritik, es gibt auch Aufschluß zu der ihn seit Anfang bewegenden Frage nach der geschichtlichen Rolle der sozialen Schicht, der er selbst entstammte, dem städtischen Großbürgertum. Nicht von ungefähr hat er sein Werk einmal seine „wissenschaftlichen Buddenbrooks“ genannt. Den Anstoß dazu gab ihm, so hat Schramm berichtet, die Polemik des „gräßlichen Joseph Goebbels“: „Er schimpfte immer auf die Bürger und die Bourgeois, und da ich mich als Hamburger auch stolz fühlte als Bürger, kam ich nun dazu, in einem Buch darzustellen, wie das mit den Bürgern war.“

In der Tat nimmt der Untertitel „Leistung und Grenzen des hanseatischen Bürgertums ... Ein Kapitel deutscher Geschichte“ das Goebbelssche Reizwort mit selbstbewußtem Stolz auf; und doch schwingt in dem Untertitel auch ein Ton buddenbrookschen Untergangs mit. Als Schramm Hamburg zum Testfall einer Geschichte des deutschen Bürgertums wählte, war ihm sehr wohl bewußt, daß das einst so engagierte Bürgertum seine gestaltende Rolle inzwischen eingebüßt hatte.

Aber war die politische Abdankung des Bürgertums erst ein Ergebnis des Dritten Reichs? Schramm hat das Problem in seinem Buch mit einer Offenheit erörtert, die angesichts des Erscheinungsdatums bemerkenswert ist. Er kommt zu dem Ergebnis, daß die Kapitulation des deutschen Bürgertums bis in die 1848er Revolution zurückgeht. Die Gründe sah er in einer Doppelfront: von rechts Bedrohung durch Militär und Reaktion, von links Bedrohung durch Anarchie und Kommunismus. Die Mehrheit des Bürgertums, so Schramm, wertete die Gefahr von links als das größere Übel; zu dessen Abwehr arrangierte sich das Bürgertum mit den eben noch bekämpften konservativen Ordnungsmächten und verzichtete damit zugleich auf seinen eigenen politischen Führungsanspruch. Schramm räumt zwar ein, daß die kommunistische Gefahr in den Herbsttagen des Jahres 1848 eher ein Phantom war; gleichwohl haben die Folgen dieses Phantoms für ihn etwas Unausweichliches: „Und je weiter sich die Klassenkampfparole des Sozialismus durchsetzte, kam es – nach einer zugespitzten, aber treffenden Formulierung – zu einem Klassenkampf der Besitzenden, die ihre als bedroht angesehenen Rechte verteidigten. Ihnen dabei zu helfen, war der Staat gut... In dem Bemühen, gegenüber rechts die Bewegung zu erhalten und gegenüber links zu bremsen, hat sich der Liberalismus schließlich geistig und politisch verbraucht. ‚Dem besonnenen Vaterlandsfreunde‘, so hatte Mevissen bereits 1849 geschrieben, ‚bleibt ... nichts übrig, als von dem geschaffenen Werke resignierend zurückzutreten und von einer besseren Zukunft die Verwirklichung desselben zu erwarten.‘“

Das Mevissen-Wort von 1849, zitiert in der deprimierenden Situation des Jahres 1943, wirkt wie ein nur leicht verschlüsseltes Bekenntnis des Autors Percy Ernst Schramm. Die von ihm beschriebene 48er Konstellation entspricht jener Erfahrung, die Schramm 1918 und abgewandelt 1933 gemacht hat, als das deutsche Bürgertum sich wiederum zwischen Reaktion und Kommunismus gestellt sah, genauer gesagt: gestellt glaubte.

Fast ein Menschenalter später formulierte der inzwischen siebzigjährige Schramm noch einmal die politische Grunderfahrung seines Lebens. In seinem Alterswerk „Neun Generationen. Dreihundert Jahre deutscher ,Kulturgeschichte‘ im Lichte der Schicksale einer Hamburger Bürgerfamilie“ (1964) schrieb er mit der ihm eigenen saloppen Direktheit: „Wer gegen zwei Fronten zugleich kämpfen muß, zieht allemal den kürzeren.“

Waren die Fronten, zwischen denen er, zwischen denen das deutsche Bürgertum kämpfte, wirklich immer die Fronten der Wirklichkeit? Es deutet vieles darauf hin, daß es in diesem Kampf Fronten gab, die geradezu aufgebaut wurden, um der Realität und ihrer Herausforderung nicht begegnen zu müssen. Vor dem Hintergrund dieser These gewinnt dann auch das zweite Eliot-Wort, das Schramm seinen Erinnerungen mitgegeben hat, seinen präzisen Sinn: „Der Mensch geht von Unwirklichkeit zu Unwirklichkeit.“

Sind wir, die wir 1989 in scheinbar gefestigteren Zeiten leben, so sicher, daß wir unserer eigenen Wirklichkeit so viel mutiger ins Auge sehen, einer Wirklichkeit, die die natürlichen Grundlagen des Lebens auf unserer Erde schleichend zerstört?

Aus einem Vortrag des Schramm-Schülers und Hamburger Schulsenators a.D. Professor Grolle. Der volle Wortlaut erscheint jetzt in der Reihe „Vorträge und Aufsätze“, Heft 28, des Vereins für Hamburgische Geschichte