Von Claus Schreiner

Schon einmal, in den frühen Sechzigern, lernten die Deutschen einen „Phantom-Tanz“: Der Bossa Nova stand über Nacht auf dem Lehrplan der Tanzschulen. Doch wer sah je einen Brasilianer Bossa Nova tanzen? Im Gegenteil: Bossa Novas sang und spielte man dort möglichst „cool“ mit leiser Stimme und mit geringstem Aufwand an körperlichem Engagement.

Nun blasen die deutschen Tanzschulen zum erneuten Angriff auf Wirbelsäule und Bein mit Lambada. Diesen Tanz hat man in Brasilien zumindest einmal erprobt. Brasilianisch, wie behauptet, ist er indes nicht. Der Lambada-Rhythmus kommt aus der Karibik. Die Gruppe Kaoma, deren Hit „Lambada“ heute alle kennen, lebt in Paris und besteht aus afrikanischen Musikern, die früher mit dem Sänger Tome Kunda auftraten. Ihren Erfolg verdanken sie nicht dem Autor des Stücks, den sie angeben, sondern einer kleinen Gruppe, den Hermoza-Brüdern, die keineswegs Brasilianer sind, sondern Bolivianer. Sie werden vermutlich um den Erfolg ihres Stücks betrogen werden.

Carnaval da Bahia im Jahr 1986. Die Musik dieser Gegend Brasiliens ist geprägt von den Trios Eletricos mit ihren Frevo-Rhythmen, den Afoxe-Gruppen und vielerlei Mixturen von folkloristischer und populärer Musik und afrobahianischer Kultur. Da erreicht Brasilien ein neuer Rhythmus, eine Spielart des Merengue, jener Mischung aus afrikanischem Yuca und französischem Kontertanz, die der dominikanische Musiker Wilfrido Vargas zu einem neuen, flotten Disco-Arrangement geschneidert hat.

Der Merengue kommt über die Karibik nach Bahia und erzeugt neue rhythmische Bastarde mit afrobrasilianischer Musik: Fricote, Deboche, Chicote, ja, und Lambada. Doch schon bald bezeichnet Lambada in Brasilien nicht mehr einen Rhythmus, sondern einen Tanz. Ältere Brasilianer sagen auch dança pornographica.

Vermutungen, es handele sich beim Lambada um einen früher in Brasilien verbotenen Tanz, können Ethnologen widerlegen. Woher sollte ein derart hautnaher Paartanz wohl kommen? In Bahia regiert die afrobrasilianische Kultur, und die kennt nur Solo- und Gruppentänze. Afrikanisch ist die Lambada-Grundhaltung jedenfalls nicht. Sie stammt wohl eher aus Hollywood. Der Film „Dirty Dancing“ war 1987 in Brasilien herausgekommen, und er war ein Kassenschlager. Ein Szenenphoto belegt: Das rechte Bein des Mannes ist bereits beim Mambo-Verschnitt „Dirty Dancing“ zwischen den Beinen der Frau. Das wird Vorlage für den Tanz zum Lambada-Rhythmus.

In Brasilien erschienen seit 1987 einige Lambada-Platten, doch zu wenige, um daraus eine nationale Begeisterung herzuleiten. Junge Leute haben wohl hie und da Lambada getanzt, allerdings zu Rhythmen, die sich in Nuancen noch vom derzeitigen Kaoma-Hit unterscheiden. So gibt es beispielsweise einen auf Discos Continental veröffentlichten Lambada-Titel der brasilianischen Sängerin Marcia Ferreira („Chorando se foi“). Er erweckte das Interesse des französischen Musikproduzenten Jean Karakos. Damit ist das Schicksal des Lambada beschlossen.

Jean Karakos produziert 1989 in Paris mit der Gruppe Kaoma den neuen Titel „Lambada“, und so taucht zwei Jahre nach den Lambada-Anfängen in Bahia Lambada zuerst in Frankreich auf. Als Single-Titel der Gruppe Kaoma behauptet der in Brasilien schon ad acta gelegte Tanz wochenlang Platz eins der französischen Hitparaden.

Die Schweiz schließt auf, und nur in der Bundesrepublik bemerkt man das Lambada-Treiben einen hitlosen Sommer lang vorerst nicht. Allein der Allgemeine Deutsche Tanzlehrer Verband erkennt die Chance und macht Lambada zum Thema einer Pressekonferenz im Spätsommer. Platten werden aus Frankreich importiert, um Tanzschulen und Journalisten zu versorgen. Eine Werbeagentur schmiedet Pläne für Lambada-gestylte Produktwerbung.

Im September hat der Hit Deutschland endlich erreicht. Kaum ein Moderator im Hörfunk verkneift sich einen Witz über die erotische Qualität des Tanzes. Ein Ladenhüter aus Brasilien und ein Phantom aus Frankreich werden so ein Gesprächsstoff. Nur füllen sich die Tanzschulen noch nicht im erwarteten Maße. Nur wenige trauen sich wohl zu, was ihnen in einem geschickt produzierten Video von jungen Schwarzen und Mulatten mit ihrer so anderen Körperlichkeit vorgetanzt wird. Auch kann man zu einem Lied nicht einen ganzen Abend lang tanzen. Fieberhaft durchforsten deutsche Importdienste brasilianische Kataloge nach Lambada. Uralt-Produktionen aus den siebziger Jahren aus Brasilien erscheinen urplötzlich als Lambada-Mixes.

Inzwischen werden jedoch Klagen laut, Lambada sei gar nicht Lambada, sondern die Komposition eines gewissen Ulises Hermoza und seiner Gruppe aus Brasilien mit dem Titel „Llorando se fue“, die Marcia Ferreira in Brasilien übernommen habe. Stattgegeben! Ulises Hermoza hatte sein Original als afrobolivianische Saya komponiert, Marcia Ferreira nahm Melodie und Text und änderte den Rhythmus. Der französische Produzent von Kaoma gibt zu, daß der als Komponist und Texter angegebene „De Oliveira“ ein „kollektives Pseudonym“ sei. Warum aber ein Pseudonym, wenn die Autoren doch bekannt sind?

In der Tat handelt es sich bei den Autoren um ein Familien-Kollektiv. Die drei Hermoza-Brüder spielen seit rund zwanzig Jahren in der Gruppe Kjarkas zusammen und haben mit ihr auch in der Bundesrepublik schon Konzerte gegeben. Kjarkas widmet sich der Erforschung und musikalischen Präsentation von traditioneller bolivianischer Musik. Die Hermoza-Brüder haben noch ein anderes Interesse. Gemeinsam mit ihrer Freundin Almut Kowalski, einer Hannoveranerin, betreiben sie ein bioenergetisches Projekt in Bolivien, in der Nähe von Cochabamba. Sie möchten zusammen mit den Anwohnern den in den Traditionen der Quechua angelegten bioenergetischen Umgang mit der Natur wiederbeleben. Sie kauften sich zudem ein Gelände, um dort Wiederaufforstung zu betreibend Außerdem sind wasserenergetische Projekte geplant, auch wenn die Campesinos und Mineros der Umgegend vorerst: noch bei dem Wort Fortschritt an den Bau von Wasserkraftwerken und nicht an eine Rückbesinnung auf ihre Kultur denken. Es war Almut Kowalski, die Ulises Hermoza 1985 riet, in die Gema einzutreten und im Februar des folgenden Jahres seine Komposition „Llorando se fue“ dort registrieren zu lassen.

Die Freunde sind bestürzt, als sie feststellen, daß der Kaoma-Hit „Lambada“ ganz offensichtlich mit dem Lied Ulises Hermozas identisch ist. Ein Anwalt wird eingeschaltet, die Gema mobilisiert. Die bescheinigt „sehr starke Übereinstimmungen“ zwischen Hermozas ursprünglicher Plattenversion von 1982 und jenem „Lambada“ Kaomas.

Der französische Produzent Karakos habe, so berichtet Almut Kowalski, Hermoza telephonisch eine Wiedergutmachung von 60 000 US-Dollar angeboten – lange, nachdem sein Titel bereits in den Hitparaden plaziert war. Informiert, daß die Registrierung bei der Gema ausreichend Schutz und bessere Beteiligung böte, lehnte Hermoza ab. In der dritten Septemberwoche fand in Brasilien zwischen den Franzosen und Hermoza ein Treffen statt.

Die Franzosen legen Ulises Hermoza einen Vertrag in französischer Sprache vor, der das Plagiat in einen legalen Verlagsvertragszustand umwandeln sollte. Ulises unterschreibt und nimmt eine Kopie mit nach Bolivien, damit sein Bruder Gonzalo, der das Lied getextet hat, auch unterzeichne. Der weigert sich.

Inzwischen paktierte die bolivianische Plattenfirma Lauro, die das Hermoza-Lied zuerst veröffentlicht hat, mit Karakos in Frankreich. Die Gebrüder Hermoza hätten an sie alle Verlagsrechte abgetreten, behauptet die Firma. Laut Gema-Richtlinien jedoch ist ein gewisser Urheberrechtsanteil vor jedem Verlagszugriff geschützt, selbst wenn die Urheber versuchen würden, ihn abzutreten. Unterschiedliche Urheberrechtsgesetzgebung und andersartige Strukturen der Verwertungsgesellschaften in Ländern Lateinamerikas lassen den Ausgang des Gerangels um die Tantiemen jedoch derzeit offen. Fest steht nur eins:

Ein Bolivianer hat ein Lied geschrieben, das Millionen von Europäern gefällt. Ob es ihnen auch aufgefallen wäre, wenn es nicht geschickt mit einem lifestyle-Tanz vermarktet worden wäre, bleibt zu bezweifeln. Hermoza, arglos, versteht nichts von den Spielregeln, nach denen er um die Tantiemen, die sich vielleicht auf Millionenhöhe belaufen, gebracht werden soll. Aber so war das schon zu Kolonialzeiten, als die Spanier die Andenbewohner niedermetzelten, um Schiffe voller Gold nach Europa zu schicken.