Der Neuankömmling wird jedenfalls gleich am Flughafen von Mudschaheddin-Raketen empfangen, wie ein hoher Staatsgast von Kanonendonner. Der tödliche Salut kommt von den Bergen und gilt den russischen Transportmaschinen, die täglich zwanzig- bis dreißigmal zwischen Taschkent und Kabul hin- und herfliegen. Die Maschinen vom Typ Iljuschin-76, die wie geduckte Enten aussehen, versorgen die bedrängte Stadt mit Waffen und Lebensmitteln. Die Straßenverbindung über den Salang-Paß ist nach wie vor unsicher. Im Steigflug schrauben sich die Flugzeuge aus dem Talkessel und spucken unentwegt Magnesiumfackeln aus, deren Hitzeentwicklung die Stinger-Raketen der Moslemkrieger irreführen sollen.

Sieben Monate nach dem Abzug der Sowjets ist die afghanische Hauptstadt weiterhin eine Festung, die von den unsichtbaren Feinden in den Bergen belagert wird. Gegenwärtig spricht nichts dafür, daß der Durchbruch der afghanischen Gottesstreiter unmittelbar bevorsteht. Staatschef Nadschibullah verfügt in Kabul über bis zu 30 000 Soldaten und ebenso viele Parteimilizionäre. Dazu kommen Tausende von Saradoi, den „Wächtern“ der Revolution, und die Angehörigen des Chad, des afghanischen Geheimdienstes.

Zur Überwindung der zwei Sicherheitsgürtel rund um die Stadt fehlt den Freischärlern das nötige Arsenal. „Wir sind gut vorbereitet“, sagt Generalleutnant Olumi, ZK-Mitglied der herrschenden Volksdemokratischen Partei Afghanistans und Stabschef der Streitkräfte. „Wer uns angreift, wird ein zweites Dschalalabad erleben.“ Der gutaussehende Paschtune, Ende vierzig, fügt mit betont ergriffener Stimme hinzu: „Glauben Sie mir, ich lasse ein zweites Dschalalabad, denn in den Adern unserer Feinde fließt afghanisches Blut wie in den meinen.“

Seit März ist Dschalalabad zu einer blutigen Metapher geworden, die für Kabul Triumph und für die Mudschaheddin eine Schmach bedeutet. Auf Drängen pakistanischer Generäle und saudischer Emissäre stürmten die Mudschaheddin, uneinig und unkoordiniert, die südostafghanische Stadt, um dort ihre Gegenregierung auszurufen. Doch 20 000 Regierungssoldaten schlugen, die Angst vor der Rache im Nacken, die Angreifer zurück. Zwischen 7000 und 12 000 „Heilige Krieger“ starben vor der einstigen Winterresidenz der afghanischen Könige. Der afghanischen Armee gab dieser ohne sowjetische Hilfe errungene Sieg das verlorene Selbstvertrauen zurück; die Position Nadschibullahs festigte sich.

Der „Bulle“, wie der wuchtige Politiker und Kriegsherr im Volksmund genannt wird, strotzt vor Optimismus und Selbstbewußtsein, als er uns, eine Gruppe westlicher Journalisten, in seiner Residenz Kasredelgoscha, „Schloß zum frohen Herzen“, empfängt. Frohen Herzens verbrachte in dem viktorianisch anmutenden Haus keiner der kommunistischen Vorgänger Nadschibullahs seine Amtszeit. Die zwei ersten, Taraki und Amin, wurden ermordet – ersterer mit einem Kopfkissen im ersten Stock des Hauses erstickt, in dem Nadschibullah schläft. Der dritte, Babrak Karmal, lebt noch – entmachtet in der sowjetischen Verbannung.

Nadschibullah, vor 42 Jahren als Sohn eines Chan des Ahmadzoi geboren, des hoch angesehenen Stammes, der als Hüter des Paschtunwali, des Stammesrechtes der Paschtunen, gilt, residiert seit drei Jahren hier. Seine politische Karriere begann er Ende der sechziger Jahre als schlagkräftiger kommunistischer Studentenführer in den Auseinandersetzungen mit den „Moslembrüdern“ an der Kabuler Universität. Nach dem Medizinstudium „fand er aus Sorge um die Werktätigen keine Zeit, denselben den Bauch zu befummeln und ihnen Pillen zu verschreiben“, wie ein Beamter respektlos über den Chef witzelt. Nach der Revolution im benachbarten Iran wurde Nadschibullah, der aus dem Koran genauso auswendig zitiert wie aus dem Kommunistischen Manifest, afghanischer Botschafter bei Chomeini. Nach sechs Monaten kehrte er zurück und wurde Chef des Geheimdienstes, was ihm später half, die Spitze der Macht zu erklimmen.

Seit Nadschibullah an die Macht gekommen ist, regiert er sein „Kabulistan“ nicht etwa wie ein kommunistischer Diktator oder ein orientalischer Despot, sondern wie sein Vater, wie ein Stammes-Chan. Er gilt als „Erster unter den Gleichen“. Seine Bilder hängen nicht in den Straßen, wie die seiner Vorgänger, sondern sind höchstens in kleinem Format in Amtsstuben zu sehen. „Wir haben früher versucht, unsere Probleme nach vorgegebenen Mustern aus anderen Ländern zu lösen“, sagt General Olumi, „doch jetzt, nach dem Abzug der Sowjets, ist es höchste Zeit, daß wir sie auf unsere Art, auf afghanisch, bewältigen.“ – „Auf afghanisch“ heißt, die Rivalen nicht mit ideologischen Kampagnen, dem Kerker oder der Verbannung zum Schweigen zu bringen, sondern mit Posten, Gehältern und Privilegien.