Ein Meisterstück der französischen Literatur ist wieder zugänglich, in neuer Übersetzung, die dem Rang des Werks gebührt. Packende Lektüre wird geboten, aber Vorsicht: Jean Gionos Roman "Der Husar auf dem Dach" ist starker Tobak für allzu empfindsame Gemüter.

Angelo Pardi, Husarenoberst aus Piemont, seit einigen Jahren im südfranzösischen Exil, reitet im Sommer 1838 durch die Provence zurück in seine Heimat, die er, ein liberaler Edelmann, wegen eines politischen Duells verlassen rttößte, Der erste Satz des Romans beschreibt, wie Angelo nach nächtlicher Rast erwacht, doch was dann folgt, ist der Ritt in einen Alptraum.

Da ist zunächst diese Hitze. Die Natur erstarrt, selbst die Pflanzenwelt scheint zu versteinern, nur ein gleißendes Licht ist in flimmernder Bewegung. Eine Drohung wird spürbar — und der Autor steigert den Druck, langsam und stetig. Man liest mit angehaltenem Atem, bis Angelo eine grausige Szenerie entdeckt: ein verlassenes Dorf, nur das Rascheln von Ratten ist zu hören, das Flügelschlagen von Krähen, die auf Körpern hocken, Getier, das sich an Leichen zu schaffen macht. Angelo begegnet einem jungen Arzt, der den Nichtsahnenden aufklärt: Die Cholera wütet.

Was Giono in der Folge virtuos entwickelt, ist ein Tableau des Schreckens, er beschreibt das Höllenbild einer aus den Fugen geratenen Welt. Die Cholera, einer verborgen wirkenden Naturgewalt gleich, attackiert scheinbar wahllos Dorf für Dorf, Stadt für Stadt, sie fordert ihren Tribut. Doch verheerender noch ist die Seuche der Angst, die die Überlebenden packt. Brutaler Egoismus und Gesetzlosigkeit brechen sich Bahn, es gibt keine Sicherheiten mehr. Das Ungeheuerliche, Abstoßende, Ekelerregende — Giono mutet dem Leser viel zu — wird nur erträglich durch das Gegenbild des Helden.

Wie ein Don Quichotte führt Angelo einen schier aussichtslosen Kampf gegen den allgegenwärtigen Tod, ein ständig lauerndes, sich in tausend Verkleidungen tarnendes Monster. Sein jugendlich naiver Wagemut rettet ihn vor den Fallen der Amok laufenden Menschenwelt, und nur seine hartnäckige Weigerung, sich von der grassierenden Hysterie anstecken und mitreißen zu lassen, schützt ihn; so bleibt er auch gegen die Krankheit gefeit. Er findet eine würdige Gefährtin, mit der ihn bald eine zarte, platonische Liebe verbindet. Die brillant geführte Story, die Bilder dieser Horrorvision des Jean Giono, reizen schon seit mehr als dreißig Jahren — der Roman erschien 1951 — Regisseure, die den Stoff verfilmen wollten. Doch scheiterte jeder Versuch bislang an ungeklärten Rechtsfragen. Schade, wenn man bedenkt, was daraus hätte werden können. Denn unter den Bewerbern gab es zumindest einen, dem mit Sicherheit eine kongeniale filmische Version gelungen wäre: Luis Bunuel.

Jean Giono wurde 1895 im provenc alischen Manosque geboren. Er verbrachte hier fast sein ganzes Leben — gegen die großstädtische Zivilisation hegte er eine heftige Abneigung —, und in Manosque starb er auch, im Herbst 1970. Von 1914 bis 1918 mußte der Sohn einfacher Eltern in den Krieg, er überlebte Verdun "Der Schrecken dieser vier Jahre lebt noch immer in mir. Ich trage sein Zeichen. Alle Überlebenden tragen sein Zeichen", bemerkte Giono einmal, lange nach jener Katastrophe. Er bezog Stellung gegen den Krieg, konsequent. Dies trug ihm die erste Strafe ein, 1939 wurde er drei Monate lang inhaftiert "Delikt": pazifistische Aktivitäten.

Giono war damals bereits berühmt. In den zwanziger Jahren hatte er mit dem Schreiben begonnen. Schon bald konnte er sich ganz diesem Beruf widmen, denn mit seinen frühen Werken hatte er außergewöhnlichen Erfolg. Der sogenannten Pan Trilogie, den drei Romanen "Hügel", "Der Berg der Stummen" und "Ernte", 192930 veröffentlicht, verdankte er den schnellen Durchbruch. Der wohl bekannteste seiner frühen Romane ist "Das Lied der Welt", 1934 erschienen. In jenen Werken erzählt Giono Geschichten voller Leidenschaft um Bauern und Landarbeiter in einer von Mythen gesättigten Provence. Er singt ein Loblied auf das einfache Leben, auf eine geheimnisvolle Verbundenheit von Mensch und Erde. In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre war Giono eine Art Kultfigur, seine jugendlichen Bewunderer veranstalteten Pilgerfahrten in die Provence. Der Meister ließ sich einspannen — und kam nicht zurecht. Er schwankte zwischen der Rolle eines "grünen Predigers", verstrickt in die Politik, und dem Rückzug ins Private. Als schließlich Marschall Petain, aus ganz anderen Gründen als Giono, die Vorzüge des Landlebens pries, als die Nazipropaganda in Europa, auch im besetzten Frankreich, mit dem Lob des Landmanns und der Scholle tönte, da gerieten Gionos Schriften in ein fatales Licht. Nach seinem Gefängnisaufenthalt zog sich Giono zurück, doch er beging den Fehler, vermutlich aus politischer Unbedarftheit, während der Kriegsjahre Texte in Zeitschriften zu veröffentlichen, die vom VichyRegime oder den Nazibesatzern finanziert wurden. Er hat sich zwar nie für die Zwecke der Reaktionäre engagiert, aber auch nicht für die Resistance. Das trug ihm die zweite Strafe ein. 1945 wanderte Giono wieder ins Gefängnis, diesmal für sechs Monate: Verdacht auf Kollaboration. Dazu kam noch ein zeitweiliges Publikationsverbot. Um diese Episode ranken sich Mutmaßungen. So berichtet einer seiner Biographen, Giono sei freiwillig ins Gefängnis gegangen, um den Nachstellungen kommunistischer Saubermänner zu entgehen, die nach der Befreiung ihre Stunde der Abrechnung gekommen sahen. Festgehalten werden kann indes: Aktive Kollaboration wurde Giono nie nachgewiesen, und seine frühen Werke in die Nähe einer "Blut und Boden" Ideologie zu rükken (was in den Jahren nach dem Krieg oft genug versucht wurde) ist barer Unsinn.