Nach seiner Triumphfahrt durch die Ostzone schreibt Thomas Mann einen offenen Brief an den schwedischen Journalisten Olberg und urteilt über seine ostzonalen Erlebnisse nach dem Motto: „Ihr glücklichen Augen / was je ihr gesehn / es sei wie es wolle / es war doch so schön.“

Sehr geehrter Herr Olberg!

Ihr Brief ist wohlwollend, aber überbesorgt. Ich habe ganz und gar nicht das Gefühl, mir mit der „Ansprache im Goethejahr“, die ich in Frankfurt und Weimar hielt, etwas vergeben, meine Emigration, meine Haltung im Kriege verleugnet zu haben. Vielleicht wissen Sie nicht, daß das politische Regime in Thüringen kein reines Einparteiensystem ist. Nichtkommunisten sitzen in der Regierung, noch mehr im Stadtrat. So ist der Oberbürgermeister von Weimar, Buchterkirchen, der mich eingeladen hat, Christlicher Demokrat. Die Einleitungsrede bei der Feier im bewundernswert erneuerten Nationaltheater hielt Kirchenrat Hermann, Vorsteher der Stadtverordneten, ein Geistlicher also, dem manches Wort erlaubt war, über dessen evangelische Freiheit Sie sich gewundert hatten ...

Daß von diesen unsere Fahrt durch Thüringen zu einem Volksfest gestaltet wurde, wie ein Schriftsteller es wohl selten oder nie zu bestehen hatte, mit Fahnen, Blumen, Girlanden, Spruchbändern, Ehrentrünken, singenden Kindern und ausgerückten Stadtmusikanten, danke ich einer Sympathie, die ich mir durch ein Bekenntnis zum Kommunismus nie erworben habe... Trotzdem, die Tatsache allein, daß ich mir vorbehalte, einen Unterschied zu machen zwischen dem Kommunismus als Menschheitsgedanken – und der absoluten Niedertracht des Faschismus, daß ich mich weigere, an der Hysterie der Kommunistenverfolgung und der Kriegshetze teilzunehmen und dem Frieden zugunsten rede in einer Welt, deren Zukunft ohne kommunistische Züge ja längst nicht mehr vorstellbar ist – dies allein genügt offenbar, mir in dieser Sphäre jener Sozialreligion ein gewisses Vertrauen einzutragen, um das ich nicht geworben habe, das aber als ein schlechtes Zeichen für meine geistige und moralische Gesundheit zu empfinden mir nicht gelingen will...

Viel hörte und las ich, es sei den Leitenden darum zu tun, mein Lebenswerk dem Volk und besonders den jungen Menschen erläuternd zugänglich zu machen, seinen „kritischen Realismus“ und seinen „Humanismus“ ihnen so nahe wie möglich zu bringen. Das ist wahr, früh schon, gleich 1945, gab es in Weimar Vorträge über meine Bücher, besonders den Goethe-Roman, und hervorragende kommunistische Literaturhistoriker und -kritiker haben meiner Arbeit große Versuche gewidmet. Ich bin kein „Mitläufer“. Aber es scheint, daß ich gescheite Kommunisten zu Mitläufern habe...

Gewalt ist natürlich ein böses Ding und das Konzentrationslager ein furchtbares Agitationsmittel. Aber Versuche, den Sozialismus gewaltlos zu verwirklichen, wie Benesch einen unternahm, haben ebenfalls keine Gunst gefunden ...

Unter den kommunistischen Offiziösen der deutschen Ostzone fehlt es gewiß nicht an subalternen, streberischen, gewaltlüsternen Tyrannen. Aber ich habe in Gesichter geblickt, denen ein angestrengt guter Wille und reiner Idealismus an der Stirn geschrieben steht. Gesichter von Menschen, die achtzehn Stunden täglich arbeiten und sich aufopfern, um zur Wirklichkeit zu machen, was ihnen Wahrheit dünkt, und in ihrem Bereich gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, die, wie sie sagen, einen Rückfall in Krieg und Barbarei verhindern sollen.

Ihr sehr ergebener Thomas Mann (gekürzt)