Noch wehren sich Industrie und Gewerkschaften, der Ausstieg aus der Kernkraft aber ist kaum zu bremsen

Von Wolfgang Zank

Die Schweden können zwei scheinbar widersprüchliche Weltrekorde verbuchen: In keinem Land der Welt wird gegenwärtig pro Einwohner soviel Atomstrom produziert wie in Schweden. Doch gleichzeitig hat kein Land mit Kernkraftwerken einen so konsequenten Ausstieg beschlossen wie gerade Schweden. Bis zum Jahre 2010 soll der letzte der gegenwärtig zwölf Reaktoren abgewrackt werden. Die ersten zwei Atommeiler werden voraussichtlich 1995 und 1996 stillgelegt, und dagegen regt sich jetzt Widerstand.

Der erste Schritt wird nämlich im nächsten Jahr vom Parlament noch einmal überprüft. Und im Vorfeld dieser Überprüfung hat sich der Streit um die Kernkraft wieder verschärft. Industrielle und Gewerkschafter fordern ein langsameres Ausstiegstempo; ganze Industriezweige gingen sonst bankrott, weiten Landstrichen drohe der ökonomische Kollaps. Dennoch halten gut zwei Drittel aller Schweden und so gut wie alle Politiker an dem Zeitplan fest.

"Noch Anfang der siebziger Jahre hatten wir vor, insgesamt 24 Reaktoren zu bauen. Ich nahm 1967 an Demonstrationen gegen den Bau von Wasserkraftwerken in Norrland teil", berichtet Leif Gustavsson, Sprecher der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. "Wir fanden damals, es sei Wahnsinn, die schönen Flußtäler zu überfluten, wo wir doch bald soviel billigen Atomstrom haben würden." Gerade die Sozialdemokraten setzten alle Hoffnungen in die Atomkraft. Im Wahlkampf 1976 sprachen sie sich als einzige Partei vorbehaltlos für mehr Kernkraft aus; die anderen waren entweder dagegen oder schwiegen aus taktischen Gesichtspunkten. "Damit haben wir die Wahl verloren", meint Gustavsson. Zwei Jahre später stürzte die bürgerliche Regierung Fälldin ebenfalls über die Kernkraft.

Den entscheidenden Anstoß für den Ausstieg aus der Atomkraft aber gab 1979 der Reaktorunfall im amerikanischen Harrisburg. "Wir erkannten, daß wir unsere Haltung ändern mußten", erinnert sich Gustavsson. "Offensichtlich konnte man sich doch nicht so ganz auf die Experten verlassen." Im März 1980 konnten die Schweden in einer Volksabstimmung über das weitere Schicksal der Kernkraft entscheiden. Alle Parteien wollten nun den Ausstieg, es ging nur noch um verschiedene Varianten. Verfassungsrechtlich hatte das Referendum zwar nur "beratende" Funktion, aber alle Politiker erklärten, daß sie sich nach dem Ausgang der Volksabstimmung richten würden. Damals waren sechs Reaktoren in Betrieb, vier waren fertig, aber noch nicht ans Netz angeschlossen, und zwei weitere befanden sich im Bau.

Nach dem Vorschlag der entschiedensten Kernkraftgegner sollten die unfertigen Reaktoren nicht mehr ans Netz gehen und die bereits arbeitenden Werke innerhalb von zehn Jahren stillgelegt werden. Dieser Vorschlag verfehlte nur knapp die relative Mehrheit. Sieger wurde der Plan, der von Sozialdemokraten und Liberalen propagiert wurde. Danach sollten zwar alle im Bau befindlichen Meiler fertiggestellt, aber keine neuen Kernkraftwerke mehr gebaut werden. Da die Stromfabriken nur eine begrenzte Lebensdauer haben, war damit klar, daß die Nuklearenergie langsam, aber sicher aus Schweden verschwinden würde. Nur der Zeitpunkt des endgültigen Ausstiegs blieb offen.