Von Andreas Isenschmid

Urs Faes’ Roman "Sommerwende" gehört zu einem Projekt, das mir sympathisch ist, zur literarischen Demontage des Mythos Schweiz. Er spielt im Schweizer Kanton Aargau, großenteils zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, und er handelt von Antidemokraten in der "ältesten Demokratie", von Juden- und Fremdenhaß in der mehrsprachigen, "weltoffenen" Schweiz, er zeigt Pogrom, Mord und scheiternde Versöhnung im Land des Kompromisses und der Verständigung. Und er verschweigt nicht, daß es Fremdenhaß in der Schweiz 1987, zur Zeit der Rahmenhandlung des Buches, wieder und immer noch gibt.

Ein einsamer Dichter ist Urs Faes freilich nicht. Sein Thema, die Auseinandersetzung mit der Zeit des Zweiten Weltkrieges, hat in der Schweiz derzeit Konjunktur wie kein zweites. Auch die Schweiz durchlebt ihren "Historikerstreit", und wie sich der abspielt, ist geradezu ein Lehrstück in Sachen Literatur, Politik und Öffentlichkeit. Es ist ein Streit, in dem nicht die Historiker und Philosophen, sondern die Schriftsteller die erste Rolle spielen.

Drei Bücher haben in den vergangenen drei Jahren in der Schweiz große öffentliche Debatten ausgelöst, alle drei wurden Bestseller, und alle drei befaßten sich literarisch mit der Schweizer Geschichte dieses Jahrhunderts. 1987 erschien Niklaus Meienbergs literarisch wie historisch explosive Attacke auf die Generalsfamilie Wille unter dem Titel "Die Welt als Wille und Wahn", 1988 Otto F. Walters Epochengemälde "Zeit des Fasans", und 1989 meldete sich nach siebenjährigem Schweigen Max Frisch mit seinem diderothaften "Palaver": "Schweiz ohne Armee?"

Ohne daß es richtig bemerkt wurde, war in der Schweiz wiedererstanden, was einst Frankreichs Privileg schien und was alle längst tot glaubten: eine politische litterature engagée von ästhetischem Rang und breiter öffentlicher Wirkung. Denn der literarische "Historikerstreit" der Schweizer ist keine Angelegenheit des gehobenen Feuilletons. Er ist verknüpft mit der Initiative zur Abschaffung der Armee, die im November zur Volksabstimmung ansteht und die Schweiz bewegt wie seit langem nichts mehr.

Und immer wieder kommt dabei die Literatur ins Spiel: "Diamant" hießen nach einem Gedicht von Gottfried Keller die umstrittenen Massengedenkfeiern zum Jahrestag des Kriegsausbruchs, mit denen der Verteidigungsminister die Schweiz an den Nutzen der Armee im Zweiten Weltkrieg erinnern wollte. Und der Minister selber ist kein anderer als der Mann, dem Hermann Burgers "Brenner" gewidmet ist.

Und nun also Urs Faes. Nach zwei Romanen und einem Erzählband über die Gegenwart und ihre Beziehungskisten und Lebenskrisen wendet er sich der Vergangenheit zu, und erst noch einer Vergangenheit, die er als Zweiundvierzigjähriger auch nicht am Rande erlebt hat. Leicht hat er es sich nicht gemacht, die Nachfolge von Meienberg, Walter und Frisch anzutreten. Er hat seinen Roman auf zwei Zeitebenen angesiedelt, 1941 und 1987, und er hat damit die Spannung zwischen der politischen Aktualität und der strittigen Vergangenheit geradewegs in die Form seines Romans eingebaut. Die Verbindung zwischen den beiden Ebenen hat er einer Handlung anvertraut, die die Boulevardpresse Tragödie nennen würde.