Von Martin Ahrends

HAMBURG. – Plötzlich wird die DDR lebendig, das verschlafene Land hinter der Dornröschenhecke – da sind die westlichen Journalisten oft überfordert: Was ist das nun, wo soll das hinaus? Natürlich dürfen sie sich keine Blöße geben. Also schreiben sie voneinander ab, daß doch die Staatsführung der DDR endlich ein Zeichen für Reformen geben solle, damit sich die Lage nicht destabilisiere... Holde Einfalt – das kommt dabei heraus, wenn die Medienöffentlichkeit der DDR im Westen stattfindet, wofür ja die West-Journalisten auch nichts können.

Ich möchte mich nicht zu den Beratern der DDR-Staatsführung gesellen, sondern statt dessen ein paar Fragen zu den Begriffen stellen, mit denen jetzt so elegant jongliert wird. Wie ist das mit der Destabilisierung der DDR? Ist das grundsätzlich etwas Schlechtes? Oder muß ein untragbarer Zustand nicht destabilisiert werden? Wovor haben wir denn Angst hier im Westen – davor, daß die Leute drüben endlich auf die Straße gehen? Auf diesen Aufbruch aus dem Duckmäusertum warte ich seit dem August 1961. Inzwischen ist in der DDR eine demokratische Bewegung herangereift – unter dem Dach der Kirche und von Anfang an gewaltfrei –, die genug Zeichen dafür setzt, daß die Reformierung der DDR-Gesellschaft längst begonnen hat.

Gerade die Hilflosigkeit der alten Garde macht immer mehr Menschen in der DDR bewußt, daß es nicht mehr darum geht, auf ein Zeichen von oben zu warten, daß sie selbst nun gefordert sind, aus ihren Privatnischen hervorzukommen. Und je länger dieser "instabile" Zustand dauert, die SED-Führungsspitze nicht auf westliche Ratschläge und Milliardenangebote reagiert, desto größer ist die Chance, daß endlich in Gang kommt, was in der DDR seit Jahrzehnten fehlt: eine politische Öffentlichkeit von unten, die dann wohl auch die Westmedien aus ihrer peinlichen Ersatzrolle entlassen könnte.

Die Reformen, von denen es hier immer heißt, daß die DDR-Gesellschaft ihren sozialistischen Nachbarn darin nachhinke, sie haben auch in der DDR begonnen, nicht mit irgendwelchen fertigen Konzepten, sondern mit ihrem Anfang: mit den offenen Diskussionen, die jetzt an den Schulen, in den Betrieben und Universitäten der DDR geführt werden. Anstatt also nach einem Machtwechsel die Politik wieder den Oberen zu überlassen, ist in der DDR jetzt jedermann gefordert, über die Zukunft des halben oder auch des ganzen Deutschland nachzudenken.

Man kann sich nicht mehr mit der allmächtigen Staatsmacht entschuldigen. Die hält den Atem an und zittert vor der Abdankung. Man muß und darf sich endlich einmischen in die eigenen Angelegenheiten (wie Biermann es formulierte). Es gibt ein "Neues Forum", das nichts weiter will, als diesen so wichtigen Anfang in Gang zu setzen: eine breite öffentliche Diskussion, die Aufarbeitung der jahrzehntelangen Verdrängungen, eine Selbstorientierung der DDR-Gesellschaft – wo kommen wir her, wo könnte es hingehen. Je gründlicher dieses öffentliche Gespräch abläuft, das die nächsten Monate der DDR bestimmen wird, desto bessere Voraussetzungen gibt es dann für neue politische und wirtschaftliche Konzepte.

Die Deutschen kommen wieder einmal zu spät, aber das kann auch ein Vorteil sein, wenn die berühmte deutsche Gründlichkeit dies Zuspätkommen rechtfertigt. Ja, sie sollen auf die Straße gehen, anstatt durchs Schlupfloch in den Westen zu verschwinden. Wer heute behauptet, er sei vor der Perspektivlosigkeit in der DDR ausgerissen, der ist schlicht unglaubwürdig. So offen war die Situation noch nie in der vierzigjährigen DDR-Geschichte, vorausgesetzt freilich, man entsinnt sich seiner demokratischen Rechte und Pflichten.