Hilfe! Ich bin umzingelt. Alles hat sich gegen mich verschworen. Dabei führe ich gegen niemanden etwas im Schilde. Im Gegenteil: Ich kämpfe nur gegen mich selbst, gegen meine unersättliche Freßlust. Ich will endlich abspecken, weniger essen, weiter nichts. Aber wie soll ich das tun in einer Welt, die nichts anderes im Sinne hat, als mir einzureden, daß Essen und Schlemmen, Genießen das höchste Gluck auf Erden sei?

Schon am frühen Morgen, kaum habe ich die S-Bahn am Hauptbahnhof verlassen, fordert ein Plakat mit ofenfrischem Burgunderbraten: "Nimm’s mit!" – Wo ich mich doch gerade von dem Kiosk mit Schokolade, Wurstchen, Cola und Eis losgerissen habe. Ein paar Schritte verbreitet sich verführerischer Duft von Croissants. Kaum bin ich an den "Hausmacher-Kostlichkeiten" des Feinkostgeschäfts vorbei, gewährt mir eine Rie sen-Pferde-Bockwurst eine Atempause.

Der Platz, hinter dem mein Büro liegt, ist die Hölle. Vorbei an der Pizzeria, vorbei am Fast-Food-Imbiß, an dessen Scheibe ein ins riesenhafte vergrößerter Hamburger hängt, daß man am liebsten in die Scheibe beißen mochte, von den dreizehn Tafeln mit Gerichten und Getranken ganz zu schweigen, alles in Farbe. Die Bar an der Ecke will ich zu dieser frühen Stunde übersehen, dafür schreit mir ein Poster entgegen: "Kotelett mit Pommes 5,80 Mark." Glücklicherweise riecht es nach schlechtem Fett. Abgewehrt.

Wieder oben angekommen, zieht ein Duft von frischem Brot in meine Nase. 120 Sorten wollen vergessen sein. Magisch ziehen mich die belegten Brötchen mit Lachs, Aal, Krabben, Kase und Schinken an, benommen taumle ich an Hahnchen vom Grill, einer Fleisch-Gemüse-Pfanne und Spießbraten vorbei, da grinsen mich eine Riesen-Schlemmer-Kugel, knusprige Waffelhornchen, ein Kiwi-Cocktail und eine Vitaminbombe an, nicht zu vergessen die "Aktionspfanne", "feine Desserts" von roter Grütze bis Vanillecreme.

"Willst du auch eine Brezel?" fragt die Freundin die Freundin vor der Bäckerei, fast wäre ich mitgegangen. Ich bin am Ende. Der Platz dreht sich: Austern – Sylter Royal und Imperial –, Paradies-Fruchteis mit achtzehn Sorten, "Steaks, Salate und mehr...", ein Kasetempel mit 400 Sorten ("Zwei fehlen heute..."), edle Weine, so an die achtzig Sorten, ein Pub mit Milchshakes, Apfel- und Kirschkuchen, Grütze und Strudel, Obstsalat, aber bitte mit Sahne. Ich fliehe nach Hause.

Den Fernseher schalte ich gleich wieder ab. Jemand zerteilt darin genüßlich eine Biskuitcremeschnitte. Da klingelt, Gott sei Dank, das Telephon. "Hallo, mein Guter, lange nicht gesehen", flotet Horst-Dieter, "laß uns mal essen gehen."

Ferdinand Ranft