Hell, zartgrünlich schimmernd, pâle, muß er sein. Monsieur Pierre Luneau hat den Muscadet im Glas mit einer kräftigen Drehbewegung herumgewirbelt, das ausströmende Aroma genießerisch eingesogen und den Wein noch einmal zur Bestätigung gegen das Licht gehalten. „Bon. Tres bon.“ Das zustimmende Nicken der Gäste läßt seine Augen strahlen.

Wie alle Winzer des Muscadet-Gebiets liebt er seinen Wein, noch mehr schätzt er es aber, wenn andere dies auch tun. Denen macht er dann den Mund wäßrig: „Warten Sie erst auf den 89er. Ein Jahrgang – wie der 76er: Die Fülle, das Runde ..., erst an seinem zehnten Geburtstag hat man ihn auf Flaschen gezogen. Das gibt es ganz selten.“

Nichts irritiert die 3000 Winzer im Weingebiet um Nantes so wie die Unkenntnis über die Vorzüge ihres süffigen Rebsafts. Daher Beifall für die Deutschen, deren wachsende Liebe zu trockenen Sorten den Umsatz der schlanken Flaschen in den letzten Jahren kräftig nach oben trieb, und Granteln gegenüber den eigenen Landsleuten, deren Bild vom Muscadet noch immer nicht dem wahren Standard des nach strengsten Güteregeln angebauten Weines entspricht. Nur weil man in den fünfziger Jahren so leichtsinnig war, ihn in den Bistros von Paris als offenen Wein ausschenken zu lassen... „Dégoûtant!“ Heute serviert man den Tropfen in der Haute cuisine von Lyon bis Paris zu edelsten Fisch- und Geflügelspeisen. Gerard Ryngel, Chef des idyllischen „Mon Rêve“, läßt seine „Nantaiser Ente“ in einem Muscadet-Fond knusprig braten, und den Zander serviert er mit einer schaumig geschlagenen Muscadet-Butter-Sauce.

Winzer und Wirte arbeiten prächtig zusammen, und die Zukunft verheißt nur Gutes: Europa ist bald grenzenlos und die Zahl der Feinschmecker steigend. Bienvenue en Muscadet, begrüßt ein großes Plakat in Weinkellern und Probierstuben. Das Photo zeigt einen Clark Gable der dreißiger Jahre, wie er seiner Partnerin Constance Bennet beim Zuprosten verliebt in die Augen schaut. Wahrscheinlich war er nie im Südwesten des Département Loire-Atlantique, es ist auch kein Weinglas, an dem er nippt, sondern ein Cocktailglas – doch Aufmerksamkeit erregt der Gag allemal. „Gut so“, sagen die Werbestrategen, schließlich will man die Region ins Bewußtsein der Connaisseurs bringen. Jeder weiß, wo Bordeaux liegt, doch das Muscadet-Gebiet?

Es beginnt etwa fünfzig Kilometer östlich vom Atlantik und zieht sich in sanften Bögen zumeist südlich der Loire bei Nantes entlang, achtzig Prozent seiner Reben wachsen in der Sevre-Maine-Gegend. Das feuchtmilde Klima der Côte d’Amour und der schiefrige Kiesel- und Lehmboden geben der Rebe „Melon de Bourgogne“ die fruchtige Würze, die aber bei jedem Winzer wieder anders ausfällt. Darauf legen die Weinbauern in Frankreichs großem Garten entlang der immer noch naturbelassenen Loire großen Wert. Statt genossenschaftlicher Verallgemeinerungsideale pflegen sie ihren Individualismus. „Der Wein ist das eine“, verkünden sie eigenwillig, „doch noch wichtiger ist, was daraus gemacht wird.“

So vielfältig wie die kleinen, meist zwanzig Hektar großen Weingüter und ihre Jahrgänge sind auch die Ortschaften, an die sich die Obst- und Muscadet-Plantagen schmiegen. Sie holen sich ihre städtebaulichen Inspirationen von überall her, vorwiegend jedoch aus dem Süden. In Clisson zum Beispiel zauberten weitgereiste bretonische Architekten italienisches Ambiente an die Ufer von Sevre und Maine: Rundtempel, Säulen und Grotten fügen sich mit der Landschaft zu einem harmonischen Ganzen, als wären sie in die Natur hineingewachsen. Um die Reste der mittelalterlichen Burganlage herum ranken sich italienische Palazzi und Landschaftsgarten – die strahlende Auferstehung einer Stadt, die 1793 den revolutionären Truppen zum Opfer gefallen war. Damals hatten sich die monarchistisch gesinnten Bauern der Vendée gegen die republikanischen Truppen erhoben, doch der ungleiche Kampf war nicht zu gewinnen: Wie andere Orte der Region wurde das mittelalterliche Clisson bis auf die Reste der alten Burg dem Erdboden gleichgemacht.

Das historische Gemetzel haben auch die heutigen Bewohner der Gegend noch nicht vergessen: Die großen Revolutionsfeiern in Frankreich fanden ohne sie statt. Sie sind längst überzeugte Republikaner, doch halten sie die einstigen Monarchen in Ehren. In Nantes thront auf einer haushohen Steinsäule immer noch ein König über der Stadt: Es ist das einzige Denkmal von Louis XVI., das die Zeiten des Umsturzes überlebt hat.