Da sind Gegenstände des täglichen Lebens über Jahrzehnte oder noch länger im Gebrauch, haben für manche Zeitspanne und ihre Menschen gar Symbolkraft gewonnen — aber eines Tages stellt man fest: Dieses Zubehör im Erscheinungsbild des Alltags ist verschwunden, weg. Man hat sich seiner ohne Aufhebens entledigt, ohne es recht zu bemerken, geschweige denn zu bedauern.

Warum ist im öffentlichen Dienst der Ärmelschoner, generationslang Symbol, nicht mehr im Gebrauch? War die Schlipsnadel als Zierde für das männliche Geschlecht wirklich durch den Ohrring zu ersetzen? Ist der Verzicht auf die schonende Buchhülle ein Vorzeichen für den erstarkenden, Analphabetismus? Wo ist der Trauerflor geblieben? Nicht immer ist ergründbar, warum es nicht mehr gibt, was lange nützlich war oder gar unentbehrlich schien.

Alles fließt (soll Heraklit gesagt haben).

Manches geht nur den Bach hinunter. An dieser Stelle werfen wir heute und in den folgenden Ausgaben einen Blick auf Exponate im kulturhistorischen musee imlichen Alltags. Museumsführer ist Bernhard Wördehoff.

Dackeldeckchen nannte sie der Volksmund, und das zeigt, daß die Gamasche auch in jenen Jahren, als sie zum harmonischen Bild der gediegenen Herrenmode gehörte, einer allseitigen Anerkennung und Wertschätzung entraten mußte.

Dabei hat die Gamasche, diese über Strumpf und oberen Schuhteil getragene knöpfbare (in ihrer Endphase durch den Druckknopf auf den äußersten technologischen Stand gebrachte) Beinbekleidung eine vielfältige Funktion erfüllt. Nicht nur bereicherte sie das Erscheinungsbild des soignierten Herrn, wie uns Photographien etwa des Lübecker Patriziersohnes Thomas Mann beweisen; sie hielt auch die dem Frösteln besonders anfällige, minder ausgeprägte Männerwade mollig warm, indem sie der Kältestrahlung des Erdbodens in der kühleren Jahreszeit an fragiler Stelle entschieden Halt gebot.

In gewissen, nämlich studentischen Kreisen, die zu Aufmüpfigkeit gegen die guten Sitten neigen, erfuhr die Gamasche jedoch schon früh unangemessenen Hohn und Spott. In dem 19061907 erschienenen Roman "Prinz Kuckuck — Leben, Taten, Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings" von Otto Julius Bierbaum hat ein gewisser H F. Hauart, die wegen eines Paletots mit talergroßen Perlmuttknöpfen und den zugehörigen Gamaschen auffällige Renonce der schlagenden Verbindung Pommerania, gamaschenhalber einiges auszustehen: