Von Ludger Lütkehaus

Was ist das Schlimmste, das in der Epoche des totalen Marketings den Autoren passieren kann? Daß sie mit ihrem ersten Titel durchschlagenden Erfolg haben.

Die ersten Bücher Alice Millers – vor allem das „Drama des begabten Kindes“ – haben mit Recht großes Interesse gefunden. Hier wagte sich eine klinisch erfahrene und schriftstellerisch nicht unbegabte Psychoanalytikerin mit der nötigen Radikalität an das Tabu der alltäglichen, der sozusagen „normalen“ Mißhandlung heran, die den meisten Kindern am Anfang ihrer Erziehung widerfährt, und zwar nicht nur auf dem Boden der „schwarzen“ Dressurpädagogik. Und mit der schönen Kunst der Nestbeschmutzung schonte die Autorin auch die eigene Zunft nicht: Die psychoanalytische Triebtheorie im allgemeinen, Freuds umstrittene Revision der Verführungstheorie im besonderen wurden hier ihrerseits einer nicht eben schmeichelhaften Revision unterzogen – wohlgemerkt, bevor dann die Forschungen Jeffrey Mousaieff Massons dem Thema weitere Publizität verschafften.

Die Denkmäler der Väter, der Eltern stürzten in diesen „antiparentalen“ Manifesten auf das erfreulichste. Und das bedrohte, das mit Liebe und Schuld erpreßte, das geschlagene Kind in uns erhielt endlich Genugtuung für die ihm angetanen Verletzungen.

Aber auch Kinder sollten sich ja irgendwann einmal entwickeln. Indessen: Die Gesetze des Marktes (und die Obsessionen des Narzismus) wollen es anders. Und so vertritt Alice Miller in ihren beiden neuen Büchern, simultan einem hochgeschätzten kaufenden Publico anvertraut, ebendieselben Thesen, die wir doch schon zu kennen glaubten. „Wie in ihren ersten drei Büchern“, so die unverhofft aufschlußreiche Verlagsreklame, „befaßt sich Alice Miller auch hier nach wie vor mit“, ja, mit was?

Nun, der kundige Leser braucht die Bücher eigentlich nicht mehr aufzuschlagen, um zu erfahren, was sich zwischen „verbanntem Wissen“ und „gemiedenem Schlüssel“ an bekanntem Wissen hinter den Pseudomorphosen der Titel verbirgt. Das ist, auch wenn sich die Autorin jetzt unter anderem an Buster Keaton oder Pablo Picasso, an Käthe Kollwitz oder gar den armen Fritz Nietzsche heranwagt, kaum mehr als die Wiederkehr des Gleichen, aber mit rapide nachlassender Prägnanz und mit zunehmender Larmoyanz.

Das Warenzeichen liegt nun schon einmal fest. Und so werden gewiß auch die nächsten drei Bücher Alice Millers wie die ersten sechs sein – es sei denn, die Autorin ließe sich (und der Verlag ihr) die Zeit, die es braucht, um das Drama des hochbegabten Kindes nicht auf dem Gebiete der Bestsellerproduktion zu erneuern.