Im Jahre 1968, als die Studenten revoltierten und Sexualität in aller Munde war, schwebte ein Schwan in die deutsche Bücherlandschaft ein. „Willst du still mich kosen...“, hieß das Büchlein, das der Bremer Carl Schünemann Verlag herausbrachte: 88 Seiten mit drei Faksimiles und einem Frontispiz, Ganzleinenband dreifarbig bedruckt, mit Ultraphanumschlag, 12,80 Mark. „Gedichte der Julie Schrader, zusammengetragen und vorgelegt von Berndt W. Wessling“, verkündete der Untertitel.

Julie Schrader? Nie gehört. Berndt W. Wessling? Über den gab es damals, als er noch keine dreißig war, schon seit drei Jahren ein Porträt-Blatt im renommierten Munzinger-Archiv. Eine beeindruckende Persönlichkeit. „Entstammt einer alten Patrizier- und Senatorenfamilie.“ – „Verwandtschaftliche Beziehungen zum Hochadel und Frankfurter Rabbiner-Familien.“ – „Merkwürdige Mischung von Konservativismus und Liberalismus..., die sich wesentlich in seinen Werken widerspiegelt.“ Mit 22 die erste Novelle: „Das Warschauer Konzert“. Zwei Jahre später die beiden Essays über Julia Serde und den Grafen Christoph von Königsmarck, „seitdem mehrfach in Anthologien gedruckt.“ Ein Jahr später der biographische Roman über Friedrich Kuhlau. Im Jahr darauf das Opernlibretto „Cosenza“ und die „Sizilianischen Impressionen“. Wieder ein Jahr später die Harlekinade „Tod und Erlösung des Tyll Eulenspiegel“. Dann die Biographie des Sängers Rudolf Bockelmann, 1963. Und zwei Jahre später die Biographie der Sängerin Astrid Varnay. Das alles mit 29 Jahren. Donnerwetter.

Was das Munzinger-Archiv natürlich noch nicht melden konnte: 1966 kamen „Das neue Bayreuth in Anekdote und Bonmot“ und die Hans Hotter-Biographie. Und nun also „Willst du still mich kosen

Niedliche kleine Verse von Julie Schrader aus den letzten Jahren des wilhelminischen Kaiserreiches, „Über ein Kleid ihrer Schwester Emma“ – „Nach der Geburt ihrer Nichte Anni“ – „Über den Bart des Cousins Siegismund Drießelmann“. Historisches zu Bismarck, den Grafen von Platen, den „Großen Friedrich, alten Flöter“. Vor allem aber Gedichtchen über die Liebe. Die Liebe ist wie Bilsenkraut. / So treibend und so giftig. / Die Mitgift treibt noch selbst die Braut / Im Schleier äußerst triftig. – Warum bist Du mir so ferne / Ich war’ Dir gern so nah. / Den Docht in der Laterne / Ich nie so niedrig sah. – Wie lieb’ ich Dich, / Du guter Mann! / Du Pfahl in meinem Fleische! / Selbst noch im Tode, / Wenn ich kann, / Dem Bild ich mir erheische.

Das Schlüpfrige aus der Kaiserzeit schlägt ein. Nostalgie ist m. Ein Jahr später kommt schon der zweite Band, „Links am Paradies entlang“, und 1971 berichtet Berndt W. Wessling „aus den Tag- und Nachtbüchern eines wilhelminischen Fräuleins“ unter dem Titel „Ich bin deine Pusteblume“, erschienen bei Piper.

Das wilhelminische Fräulein Julie, von Wessling stets „Julchen“ genannt, ist die Tante seiner Frau Mama. Um die Jahrhundertwende bewegte sich Tante Julchen, so ist nun im Klappentext zu erfahren, „durch die Salons und Boudoirs des gebildeten Bürgertums“, „als Hausdame, Bonne und konsularische Anstandsdame“. Ihr Leben beherrschten „die Liebe zur Poesie und die Liebe zur wilhelminischen Männerwelt“. Und wen sie nicht alles betört hatte – Sternheim, Wedekind, Arno Holz, Emil Prinz von Schönaich, Paul Lincke, Börries von Münchhausen, Leo’Fall. „Das sind nur wenige Namen aus der Schar jener Männer, die sie besang, belagerte und (fast ohne Ausnahmen) besiegte.“