Die „Region am Puls der Zeit“ (auf hochdeutsch: das Land Nordrhein-Westfalen), von Schwächezuständen nur mäßig in ihrem Selbstbewußtsein getrübt, ist immer gern zu froher Selbstdarstellung bereit. Jubiläen und Kulturaustausch sind da willkommene Anlässe, und wenn gar beide zusammenkommen, ist das Ergebnis ein Mehrzweckprogramm. Das jüngste heißt „Zeitzeichen“ und ist nicht zu verwechseln mit jener munteren Morgensendung des Westdeutschen Rundfunks, die zwischen Nachrichten und Magazinen kurzgefaßte Geschichte und Geschichten erzählt. Die „Zeitzeichen“ des Landes Nordrhein-Westfalen brauchen länger, um sich mitzuteilen: 618 Seiten, 27 Aufsätze, zahllose Abbildungen und eine Dokumentation, die lohnt, das Katalogbuch trotz seines abschreckenden Umfangs zu kaufen. Vorgestellt werden darin „Stationen der Bildenden Kunst“ im Lande seit 1949. Kunstereignisse werden im Anhang, präzise und farbig, bis in die kleinsten Verästelungen dokumentiert.

„Die Galerie findet Platz in einem zur Hälfte zerstörten Haus im Stadtteil Deutz“, heißt es zum Beispiel in einem Zeitungsbericht vom Dezember 1945 über die Eröffnung der später berühmten Galerie „Der Spiegel“. „Gezeigt werden – vorläufig noch ohne programmatische Absichten – die überlebenden Künstler aus Köln, wenig später auch die aus Düsseldorf und der näheren Umgebung.“ Man erfährt von Höhenflügen und Abstürzen, Haupt- und Nebenschauplätzen einer Kunstlandschaft, die in den fünfziger Jahren anfing, für Künstler und ihr Publikum zum „goldenen Westen“ zu werden. Die vielzitierten „tausend Blumen“ blühten lange. Doch heute, schreibt der „Zeitzeichen“-Herausgeber Karl Ruhrberg, seien die „Zeiten vorüber, da die Szene Rhein-Ruhr ein Synonym für die Kunst in der Bundesrepublik war“.

Grund genug für die Landesregierung, einen Rückblick in Auftrag zu geben. Es wurde ein Resümee unter Aussparung vieler, nicht allein finanzieller Probleme; doch die müssen ja auch weniger die Landespolitiker als die Kulturpolitiker in den Kommunen lösen. Und da es sich gerade so traf, daß das Land im November ein großes Kulturfestival in Leipzig plant, kann das Katalogbuch nun auch in der DDR präsentiert werden.

Mit Unterabteilungen wird nicht gespart. Unter anderem beschreibt Dieter Honisch „Malerei im Zeichen eines überregionalen Selbstbewußtseins“. Eugen Gomringer zeichnet „Neue Strukturen in der Literatur Nordrhein-Westfalens“, Klaus Honnef – wer sonst – nimmt sich der Photographie an. Jörn Merkert sieht in Fluxus und Happening „gesellschaftliche Aufklärung durch künstlerische Anarchie“, Elisabeth Jappe erläutert „Performance als Kunst ohne Kommerz“, Wulf Herzogenrath kommt zu seinem Lieblingsthema, der Videokurst, und Antje von Graevenitz zitiert die Resonanz der deutschen Nachkriegskunst im Ausland. Vom eindrucksvollen Abbildungsteil einmal abgesehen, sind es Selbstzeugnisse wie die von Georg Meistermann und Bernard Schultze und die Interviews von Karin Thomas und Karl Ruhrberg, die das Tempo allgemeiner retrospektiver Kunstbetrachtung angenehm beschleunigen und die Zeitzeugen auch zeitnah vorstellen.

So viel Kunst, so viel Material zwischen Informel und Zero, zwischen Beuys, Fluxus und Neuen Wilden oder kontemplativen Video-Künstlern, so viel Nordrhein-Westfalen als eine der künstlerischen Produktionsstätten internationaler Kunst... Das wäre zwischen den Pappdeckeln des Jubiläumsbandes erstarrt, reichte das Land nicht das passende Anschauungsmaterial im Original nach: Organisiert von Christoph Brockhaus und Ulrich Krempel, soll die Ausstellung „Zeitzeichen“ vom 10. November an im Museum der Bildenden Künste in Leipzig zu sehen sein: mehr als 200 Katalognummern, vor allem Werke der klassischen Bereiche; Videoprogramme und Fernsehfilme als Beiprogramm.

Viel kleiner ist die Voraus-Schau jetzt in dem für Ausstellungen denkbar ungeeigneten Gebäude der Landesvertretung Nordrhein-Westfalens in der Dahlmannstraße in Bonn zu sehen. Zeitlich paßte das zwar in die allgemeinen Jubiläumsfeiern. Und als Auftakt einer Reise nach Leipzig mag sich der bescheidene Ausschnitt ja eben noch eignen. Das kulturelle Selbstbewußtsein jedoch, von dem so gern die Rede ist, jene Vielfalt und Offenheit der Kunstszene über vierzig Jahre, von der man sich ja auch in der Bundeshauptstadt gern hätte überzeugen lassen, deutete sich bestenfalls an. In Leipzig soll sich alles offenbaren. Und erst Ende Januar, wenn die Schau fast komplett ins Wilhelm-Lehmbruck-Museum nach Duisburg wandert, läßt sich’s nachprüfen. (Landesvertretung NRW, Bonn, bis zum 21. 10.; Katalog 48 DM). Ursula Bode