Von Nina Grunenberg

Unternehmer leben nicht von großen Worten. Ihre Rechtfertigung ist der Gewinn. Öffentliche Auftritte halten sie für entbehrlich. Selbst auf ihren Rechenschaftsbericht vor der Hauptversammlung der Aktionäre würden sie gern verzichten.

Auch die jährliche Bilanzpressekonferenz empfinden sie als Zumutung. Dort sagt ein Vorstandsvorsitzender alles, was er für mitteilbar hält, das heißt, möglichst wenig. Im siebenten Jahr einer ununterbrochenen Hochkonjunktur könnten sich die Chefs aus ihrer Sicht auch das noch sparen. Die Bilanzen sind so gut, daß sie für sich selber sprechen. Wer Zweifel hatte, den fertigte Eberhard von Kuenheim, der Vorstandsvorsitzende von BMW, auf seiner letzten Bilanzpressekonferenz mit einer Zusatzerklärung ab, die sich wegen ihrer epigrammatischen Kürze und Allgemeingültigkeit für alle Chefs zur Weiterverwendung empfahl. „Danke“, sagte Kuenheim, „das Unternehmen ist gesund und kräftig. Die Arbeit macht Spaß.“

Ein Blick in die Hauptversammlungen dieses Sommers zeigte, daß es anderen Tycoons nicht schlechter ging: Die Unternehmer führen zur Zeit ein beneidenswert erfülltes Leben. Die Geschäfte blühen, die Renditen steigen, die Kassen quellen über. Aber das ist nicht alles – „man soll den Materialismus nicht so nach vorne schieben“, wehrte einer von den Top Twenty leicht gequält ab.

Es ist mehr: Vom Zwang zum Strukturwandel getrieben, erweckt die deutsche Wirtschaft den Eindruck, als sei sie auf dem besten Wege, zur „entscheidenden Modernisierungsinstanz“ des Landes zu werden – der Begriff stammt von Joschka Fischer, einem unverdächtigen Zeugen. Sie ist dabei, sich als jene „vitalste Lebenskraft“ der Gesellschaft zu erweisen, die auch Peter Glotz, Zwiespalt im Herzen, seit längerem in ihr argwöhnt.

Wie altmodisch klingt heute doch das herablassende Wort des Generals de Gaulle, für den die große Geschäftswelt zur „Intendantur“ gehörte, zur Zahlmeisterei, die der Politik im Troß zu folgen habe. Ist es nicht eher umgekehrt? Unabhängig von einer Öffentlichkeit, die darauf besteht, ihre kleinen nationalen Brötchen zu backen und so zu tun, „als lebten wir noch immer im Jahre 1890“ (ein Banker), sind in den Konzernen die Strategen am Werk, deren Feld die Welt ist. Mit ihrem Willen zum Ändern und Wagen und mit ihrem Denken in europäischen und globalen Strukturen bahnen sie industriepolitische Grundsatzentscheidungen an, von denen der interessierte Staatsbürger bisher annahm, sie seien Sache der Politiker. Joschka Fischer, neben Peter Glotz und Kurt Biedenkopf einer der wenigen Politiker, den diese Diskrepanzen beschäftigen, hat wohl recht, wenn er sagt: „Die Industrie ist längst weiter, als die Bonner Politik annimmt.“

Unter den Antriebskräften, von denen die Wirtschaft bewegt wird, ist der europäische Binnenmarkt fast schon wieder die nebensächlichste. Für den europäischen Gedanken hat die Geschäftswelt zwar keine Vorleistungen erbracht, auch ist sie dafür kein Risiko eingegangen. Aber als die Idee Mitte der achtziger Jahre Konturen annahm, schwenkte die Wirtschaft ein – getreu der alten Banker-Weisheit: „Man verdient nicht an den Provisionen, sondern an den Trends.“ Die Vorstellung von „Europa 1992“ ist „abgehakt“, „gebont“, für 1992 oder später, „kein Problem“, „wir sind darauf vorbereitet“, „das ist doch unser Heimatmarkt“. Dazu merkte Alfred Herrhausen in einer Rede vor Studenten der Universität Regensburg an: „Wir dürfen uns durch Europa nicht den Blick auf die Welt verstellen lassen. Das würde bedeuten, daß wir im Weltmaßstab nur Halbwelt bleiben.“