Betonburgen fallen wie Kartenhäuser: Die Vorgänge in der DDR zeigen, wie schnell das Gehäuse der Macht sich als hohl erweisen kann. Eben noch feiert der Staat ein selbstgefälliges Jubiläum, zu dem er seine Bürger prügelt – und schon muß die herrschende Partei sich selber an die Brust schlagen. Zwar verlegte sie sich zunächst aufs Halbherzige, doch schon die ersten verbalen Zugeständnisse des SED-Politbüros reichten aus, den weiteren Machtzerfall ungewollt zu beschleunigen.

Die Bürger in der DDR haben erkannt, daß dem Regime die Flucht in die nackte Repression verbaut ist, nicht zuletzt, weil in anderen sozialistischen Staaten die Reform längst galoppiert. Folglich fassen sie Mut. Wo ihnen der kleine Finger hingehalten wurde, verlangten sie die ganze Hand. Erst 70 000 auf Leipzigs Straßen, dann 150 000. Wie viele werden es erst, falls den halben Worten nicht schnell die ganzen Taten folgen? Die Wende hat in der DDR längst stattgefunden. Die Frage ist nur, wann und wie das Regime sich ihr fügt – durch personelle Konsequenzen erst, durch politische nach und nach? Nicht übermorgen, sondern morgen seien tiefgreifende Veränderungen fällig, mahnte am Dienstag der Vorsitzende der Liberaldemokraten in der DDR – eine Zeitangabe, kurz und bündig.

Die Chronik des rapiden Machtverfalls: Anfang August öffnete Ungarn die Grenzen zum Westen – der Warschauer Pakt fungierte nicht mehr als östlicher Teil der Mauer, auf die Ost-Berlin seine Herrschaft stützte; jetzt ist auch Polen zum Durchgangsland geworden. Ende September hatte die DDR den Flüchtlingstransfer durchs eigene Land zu vollziehen – zum ersten Mal mußte sich das Regime demonstrativ seinen Bürgern beugen. Und nun zeigt es sich, daß selbst SED-Politiker in den Regionen der DDR sich ihren Landsleuten näher fühlen als dem Politbüro in Ost-Berlin. In den Provinzen kommt in Gang, wovor’s der Zentrale graut: Dialog mit den Bürgern, Kontakt sogar mit dem „Neuen Forum“.

Doch wie sähe ein Zeitplan der Erneuerung aus? Die neu erwachte Opposition konnte zwar die Machtlosigkeit der Machthaber offenbar machen. Doch anders als in Polen und ähnlich wie in Ungarn fehlt es in der DDR an einer regierungsfähigen Alternative. Deshalb müssen wohl oder übel die Reformer erst einmal aus den mittleren Schichten des Parteiapparats selber hervorgebracht werden. Diesem Zwang kann sich die alte Garde nicht entziehen. Kein Weg mehr führt zurück.

R. L.