"Ist dies schon Tollheit", heißt es bei Shakespeare, "hat es doch Methode" – die Methode des rein subjektiven Rechtsschutzes. Nur gibt es auch für dieses Prinzip gute, ja zwingende Gründe. Man stelle sich vor, dem in Deutschland häufiger vorkommenden Typus des Ordnungsquerulanten würde mit der sogenannten "Popularklage" eine Art allgemeiner Law-and-Order-Kontrolle ermöglicht: die Verwaltungsjustiz bräche auf der Stelle zusammen.

Wessen "subjektive", klagbare Rechte verletzt aber die konzessionierte chemische Verwüstung der Meere, der Flüsse, des eigentumsfreien Bodens? Das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten, das Waldsterben jenseits des Privatbesitzes, das "Steinsterben" am Kölner Dom? Die Rechte der Natur selbst, möchte man sagen – wenn sie welche hätte. Die Hamburger Klage der Nordseerobben, die noch in erster Instanz rechtshängig ist, dürfte aussichtslos sein. Lächerlich ist sie nicht. Sie behauptet subjektive "Eigenrechte" der Natur, um zumindest ihr Fehlen in die justizielle Erörterung zu zwingen. Um auf eine Lücke der verwaltungsgerichtlichen Kontrolle im Umweltrecht zu deuten, die immer schmerzhafter fühlbar wird; und die ja vielleicht auch anders als mit Eigenrechten der Natur zu schließen wäre, aber mit den Instrumenten des geltenden Rechts gar nicht.

Das mißversteht zum Beispiel Otto Schily, der in einem Zeitungskommentar eine amüsierte Grimasse über die Robbenklage schneidet und nach dem "geheimnisvollen Weg" fragt, auf dem "die Robben Prozeßvollmacht erteilt haben". Der Einwand ist weniger geistreich, als er klingt. Wem eine Rechtsordnung subjektive Rechte zuerkennt, das ist ausschließlich eine Frage der funktionellen Zweckmäßigkeit und der praktischen Vernunft. Im geltenden amerikanischen Schiffahrtsrecht haben Schiffe Personen-Status, also Klagebefugnis. Um die Prozeßvollmacht, die bei Tieren, Bäumen, Meeren nicht anders als bei Schiffen und Aktiengesellschaften von zuständigen Sachwaltern gegeben werden könnte, braucht sich Herr Schily keine Gedanken zu machen.

Dennoch setzt der Versuch, über "Eigenrechte" der Natur unserer anthropozentrischen Rechtsordnung eine "ökozentrische" ihrer Opfer aufzuzwingen, auf eine Illusion. Sie soll gar nicht der Kitschvorstellung von einer "an sich harmonischen Natur" verdächtigt werden, vor der schon Spinoza mit der lakonischen Bemerkung abgewinkt hat, es sei das Eigenrecht der kleinen Fische, zu schwimmen, und das der großen, die kleinen aufzufressen. Aber logisch unvermeidlich ist eine letzte anthropozentrische Definitionsmacht darüber, was denn der genaue Inhalt solcher Naturrechte sei und wie im Falle ihrer Kollision mit menschlichen Rechten entschieden werden solle – ob und wieweit also das Eigenrecht nicht nur der Robben, sondern, sagen wir, auch des Aids-Virus in Frage käme. Immer müßte die "Rechtsordnung" der Opfer von Umweltzerstörungen im Täterkreis fingiert werden. "Verantwortung vor der Natur", das hat schon Kant gesehen, ist unumgänglich unsere Verantwortung "in Bezug auf die Natur" – und damit letztlich gegenüber uns selbst.

Auch in dieser Perspektive bleibt der Defekt, daß zum überwiegenden Teil nicht einmal unsere "technozentrischen" Umweltgesetze, schlicht und schlecht wie sie sind, gerichtlich durchgesetzt werden können. Seit langem wird daher die Zulassung einer "Verbandsklage" im Umweltschutz gefordert: Naturschutzverbände sollen als Sachwalter des "Gemein- und des Naturwohls" die Möglichkeit einer objektiven Kontrollklage zur Erzwingung wenigstens des bestehenden Legalschutzes der Umwelt erhalten. Die Landes-Naturschutzgesetze von Hamburg, Bremen, Berlin und Hessen sehen solche Verbandsklagen vor – formell und sachlich vielfach beschnitten und bis an die Grenze der Unkenntlichkeit ihrer "guten Absicht" reduziert. Das mindeste, was ein Gesetzgeber, der sich selbst ernst nimmt, zu tun hätte, wäre dies: die Verbandsklage im Umweltschutz bundesweit und mit einer Reichweite einzuführen, die mehr bedeutet als einen symbolischen Schwindel.

Wo wären wir dann? Gabe es dann einen wirklichen Grund für jenen "legalistischen Optimismus", der glaubt eine aus allen Nähten platzende Zivilisation werde sich selbst mit Gesetzen in den Arm fallen? Eine Gesellschaft, die die Folgen ihrer Umweltzerstörung beklagt und deren tiefste Ursachen, den Fortschrittswahn und die Habgier, in allen sonstigen Belangen prämiert, wird in ihren Umweltschutzbemühungen immer wieder an die Grenzmauern ihrer eigenen Wertungen stoßen: die technokratischen Gesetze eines unvermeidlich faulen Kompromisses.

Wer ändert die Grundlagen? Das Recht wird es nicht tun. Es müßte selbst das andere Recht einer anderen Lebensform sein. Seine Prinzipien, die "Verantwortlichkeit" über die Kategorien Kausalität und Schuld immer nur einzelnen zuschreiben können, werden hilflos vor der vielfach verschlungenen, anonymen Gesamtbeteiligung aller. Die klassische rechtliche Analyse, schreibt Niklas Luhmann, wird am Ende "nur zu der Feststellung führen, daß die Gesellschaft selbst schuld ist. Und das wissen wir sowieso."