Von Carl-Christian Kaiser

Magdeburg, im Oktober

Fahren auch wir in Unruhe, vielleicht sogar Aufruhr hinein? Man möchte es glauben, auf der Autobahn nach Magdeburg, wenn das Busradio halbstündlich Nachrichten über die DDR aus West-Berlin ausspeit. Die Sender dort kennen kein anderes Thema. Die Erregung über die Demonstrationen und Zusammenstöße beim Jubiläum des anderen deutschen Staats zittert nach. Und gerade ist es auch in Leipzig zum ersten Massenaufzug gekommen. Aber er verlief friedlich. Lenken die Regenten ein? Ähnlich sieht es in den Tagen nach den Vierzig-Jahr-Feiern in Dresden aus. Doch die Nachrichten klingen meistens so, als komme die Sondermeldung von einer regelrechten Revolution binnen kürzester Zeit. Auch so, denkt man unwillkürlich, können Massenstimmungen, überspannte Erwartungen, Kurzschlüsse entstehen.

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In Magdeburg herrscht auf den ersten Blick, auch auf den zweiten und dritten, völlige Ruhe. Dies ist das Reich des SED-Bezirksvorsitzenden Werner Eberlein, einer Figur wie aus dem altkommunistischen Bilderbuch: der Vater Mitbegründer der Kommunistischen Internationale, dann in der Emigration unter Stalin nach langem Leidensweg umgekommen; der Sohn, inzwischen fast siebzig, Mitglied des Politbüros und, wie es heißt, nicht ohne Sympathien für die Moskauer Reformer. Im Olymp der SED ragt der Zwei-Meter-Mann schon rein äußerlich hervor. Mit seinem hageren Arbeitergesicht könnte er auch jetzt noch am Schraubstock stehen. Selbst Nichtkommunisten schätzen ihn als einen, mit dem man reden kann. Aber natürlich hat er einen harten Kern.

Schließlich regiert er über eine alte Arbeiterstadt. Magdeburg war immer rot, seit seiner Industrialisierung, die den Schwermaschinenbau zum Hauptzweig machte. Erich Ollenhauer, der zweite Nachkriegsvorsitzende der Sozialdemokraten, stammt aus dieser Stadt, und Ernst Reuter, nach 1945 legendärer Oberbürgermeister West-Berlins, hat das gleiche Amt vor der braunen Machtergreifung 1933 auch einmal in Magdeburg versehen. Über die Kommunisten hingegen ist, eine typisch westliche Bildungslücke bei der kleinen Schar der hauptsächlich aus Bonn angereisten Journalisten, so gut wie nichts bekannt – weder daß einige Mitbegründer der alten KPD aus Magdeburg kommen, noch daß der Arbeiterdichter Erich Weinert dort eine Rolle gespielt hat.

Liegt es an dieser Tradition und diesem Milieu und auch an Werner Eberlein, daß in der Stadt, mit 290 000 Einwohnern auf Platz fünf in der DDR, scheinbar alles seinen sozialistischen Gang geht? Die westlichen Nachrichten kommen plötzlich wie von weither. Im Kaufhaus Zentrum drängen sich die Menschen. An Lebensmitteln, Kleidern oder Möbeln herrscht kein Mangel, wenngleich das Sortiment begrenzt ist und für bessere Artikel horrende Preise verlangt werden. Schlangen stehen nur vor einigen Geschäften mit Unterhaltungselektronik oder besonderen Fleischwaren.