Edelweißpiraten

Köln

Gegen sechs Uhr morgens wird es gewesen sein, als sich am 10. November 1944 dreizehn zum Teil kahlgeschorene Häftlinge des Gestapo-Gefängnisses in Brauweiler auf den Weg nach Köln-Ehrenfeld machen. Stumm vor Angst, vor den Augen einer schaulustigen Menge, werden sie zwei Stunden später durch den Strang ermordet: der Jüngste gerade 16, der Älteste 57 Jahre alt. Die Leichen hängen zur Abschreckung Stunden am Galgen. Damals wie heute sind Taten und Absichten der Opfer umstritten.

Die „Kölner Kontroverse“ ist bekannt geworden, weil einige der jugendlichen Opfer, allen voran der zur Symbolfigur gemachte Bartholomäus Schink, den sogenannten „Edelweißpiraten“ angehörten. Diese nach Freiheit und Abenteuer suchenden Jugendgruppen gab es seit Mitte der dreißiger Jahre, sie waren das Gegenbild zu den in Reih und Glied marschierenden HJ-Kolonnen. „Edelweißpiraten“ wurden von den Nazis gejagt, eingesperrt und für „Verwahrlosungserscheinungen“ in der deutschen Jugend verantwortlich gemacht. Sie waren verhaßt, weil durch ihre Abkehr von der Staatsjugend, in der sie jahrelang entscheidend geprägt worden waren, das Scheitern der HJ-Sozialisation sichtbar wurde. „Edelweißpiraten“ gingen „auf Fahrt“, kampierten im Freien, sangen verbotene Lieder, gerieten immer häufiger in Konflikt mit Polizei und Streifendienst der HJ.

Am Stichwort „Edelweißpiraten“ scheiden sich die Geister. Für die einen sind sie Ausdruck einer kaum organisierten Jugendopposition, die sich gegen die HJ handfest zur Wehr setzte. Für andere hingegen sind sie sozial abgerutscht, verwahrlost und kriminell; sie zur Opposition zu rechnen, hieße nach dieser Auffassung, das Andenken an die „tatsächliche“ Jugendopposition zu beschmutzen. In den Kölner Trümmern des Sommers 1944 gerieten „Edelweißpiraten“ an Menschen, die in der Illegalität lebten, einige waren langjährig Vorbestrafte, andere aus Gefängnis und KZ entflohen, einer war desertiert.

Die Gruppe hatte sich in zwei Kellerräumen der Ehrenfelder Schönsteinstraße eingerichtet. Hier lagerten Lebensmittel, Waffen aller Art, von hier aus starteten sie zahlreiche Diebestouren und Schwarzmarktaktionen, hier wurden für ein paar Tage drei jüdische Frauen versteckt. Auf das Konto der Gruppe gehen die Ermordung eines Ortsgruppenleiters sowie Anschläge auf Funktionäre und unbeteiligte Passanten. Die Schönsteinstraße war so etwas wie eine Anlaufstelle für Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, im Untergrund lebten. Es bestand loser Kontakt zu bewaffneten „Ostarbeitern“ und zu einer Gruppe des „Nationalkomitees Freies Deutschland“. Die jungen Leute wollten in einer geradezu abenteuerlichen Aktion die Kölner Gestapo-Zentrale und ein Gerichtsgebäude sprengen – beides kam über den Plan nicht hinaus. Ende September 1944 hatte die Polizei den Unterschlupf ausgemacht und umstellt. Es kam zu einer mehrstündigen Straßenschlacht, bei der es zahlreiche Tote und Verletzte gab.