Von Roger de Weck

Rabat, im Oktober

Der Gastgeber und sein Gast werden immer mit denselben Adjektiven bedacht, beide sind "intelligent". Bei Richard von Weizsäcker, der am Montag zu einem fünftägigen Staatsbesuch in Marokko eintraf, besticht die ungewöhnliche Intellektualität, dank derer er vom repräsentativen zum richtungweisenden Staatschef gewachsen ist. Bei König Hassan II. ist es die Gerissenheit des absoluten Monarchen, der sein schwieriges Land seit bald dreißig Jahren lenkt.

Jetzt nach Marokko, da es zu Hause genug Sorgen gibt? Der Bundespräsident mag sich die Frage gestellt haben. Wer unter dem Bann der historischen Umbrüche zwischen Ost und West steht, dem steht der Sinn nicht nach Palaver zwischen Nord und Süd. Richard von Weizsäcker aber begegnete einem Alleinherrscher, dessen Schicksal von Westeuropa abhängt.

Nicht von ungefähr wurde dem Bundespräsidenten ein wahrlich königlicher Empfang bereitet. Abertausende von Menschen säumten die zehn Kilometer lange Straße vom Flughafen ins Zentrum der Hauptstadt Rabat. Der große Platz an der Avenue Mohammed V. war über und über mit roten, blauen und gelben Berberteppichen belegt. "Noch nie haben wir einen solchen Aufwand getrieben", meinte ein marokkanischer Diplomat. Unter den rhythmisch-dumpfen Klängen der Ramadan-Posaunen überreichten die Stadtoberen in ihren blütenweißen Burnussen die traditionellen Willkommensgaben: Datteln und Milch.

Milch, Datteln: Gut vierzig Prozent der Marockaner leben von der Landwirtschaft. "Auch ich bin ein Bauer", kokettiert Hassan II., dem riesige Ländereien gehören. Doch seit dem EG-Beitritt Spaniens und Portugals tut sich das Agrarland immer schwerer, seine Südfrüchte in Europa abzusetzen. Schlimmer noch: "Mit ihren Milliarden-Subventionen zur Exportförderung verdrängt uns die EG auch von den Drittmärkten. Wir können nicht mithalten und unsere Agrarprodukte ebenfalls künstlich verbilligen, es droht eine Katastrophe", warnt der Landwirtschaftsminister Othmane Demnati im Gespräch mit der ZEIT.

Als er seinem Vater Mohammed V. auf dem Thron folgte, war Hassan II. erst 32 Jahre alt. Jetzt ist er 60 und hat sein aalglattes Gesicht behalten; er hat zwei Putschversuche überlebt und mehrere Volksaufstände niedergeschlagen. Der kostspielige Krieg um den Anschluß der ehemals spanischen Westsahara an Marokko bot ihm die Gelegenheit, den Nationalismus seiner Untertanen zu schüren und das 25-Millionen-Volk hinter sich zu scharen. Es hat den Anschein, es säße der kleingewachsene Monarch so fest im Sattel wie noch nie. Friede den Hütten, Friede den acht königlichen Palästen, die über das ganze Land verstreut sind?