Von Christoph Bertram und Robert Leicht

ZEIT: In Moskau die Perestrojka, in Polen der erste nicht-kommunistische Ministerpräsident in einem Warschauer-Pakt-Staat, in Ungarn die erste Kommunistische Partei, die sich aus eigenem Entschluß auflöst, und selbst in Prag und Ost-Berlin Vorzeichen einer Veränderung – wenn man dies alles zusammennimmt: Was verschiebt sich an der Tektonik der bisherigen Ost-West-Politik und an unserem Bild von Europa?

Genscher: Es ist ein Prozeß europäischer Selbstbesinnung auf die gemeinsamen europäischen Grundwerte Freiheit, Menschenrechte, Selbstbestimmung, als Ergebnis der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte. Deshalb ist es auch falsch, von einer bloßen Übernahme westlicher Vorstellungen zu sprechen. Aus dieser Besinnung ergeben sich dann eine Fülle von politischen, ökonomischen und auch sicherheitspolitischen Konsequenzen.

ZEIT: Gehört zu diesem Europa auch die Sowjetunion?

Genscher: Ja, oder ist die europäische Geschichte und Kultur ohne den Beitrag Rußlands denkbar? An der polnischen Ostgrenze beginnt Osteuropa und nicht Westasien.

Aber ich muß im gleichen Atemzug sagen, daß angesichts der Anwesenheit der Großmacht Sowjetunion in Europa eine europäische Friedensordnung nicht vorstellbar ist ohne die Anwesenheit und Mitwirkung der Vereinigten Staaten und Kanadas. Sonst stimmt die Statik der europäischen Friedensordnung nicht. Die deutsch-sowjetische Erklärung vom 13. 6. 1989 unterstreicht das.

ZEIT: Gilt das auch für 1999, für 1996?