Von Joachim Nawrocki

West-Berlin, im Oktober

Die DDR ist im Aufbruch, beinahe schon im gewaltfreien Aufruhr. Die Entwicklungen überschlagen sich fast so wie zuvor in Polen und Ungarn. In immer mehr Städten demonstrieren Menschenmassen. Polizei und Staatssicherheit wagen nicht mehr einzugreifen. „Wir sind das Volk“, rufen selbstbewußt die Demonstranten. Mitglieder der Kampfgruppen wollen nicht gegen die eigenen Söhne vorgehen und verweigern Einsätze, und auch die Armee stünde im Ernstfall wohl abseits. Mit Russenpanzern wie am 17. Juni 1953 kann die DDR-Führung natürlich auch nicht rechnen.

In Leipzig demonstrierten vor zehn Tagen 70 000 Menschen, dann in Halle 20 000, in Plauen 15 000. Am Montag dieser Woche waren es in Leipzig schon 120 000 bis 150 000: Das ist – wie in Plauen auch – jeder fünfte Einwohner. „Der Zurückhaltung der Sicherheitskräfte und der eingesetzten Ordnungskräfte ist es zu danken, daß es zu keinen Ausschreitungen kam“, meldete – erstmals wirklich aktuell – die Aktuelle Kamera des DDR-Fernsehens. Das heißt ja wohl, wo es Ausschreitungen gab, wie in Dresden und Ost-Berlin, hatten sich die Sicherheitskräfte also nicht zurückgehalten. Die verunsicherten DDR-Journalisten wissen auch nicht mehr so recht, was sie da melden.

Die Zahl kritischer Resolutionen ist kaum noch zu übersehen. Kein Verband und keine Organisation kann jetzt noch schweigen, ohne endgültig das Gesicht zu verlieren. Das Spektrum der Stellungnahmen ist breit, geht aber meist weit über das hinaus, was das SED-Politbüro in seiner Erklärung vor einer Woche zugestehen wollte. Da gibt es zwar auch noch so windelweiche Kommuniqués wie das des Kulturbundes, in dem vorsichtig von Besorgnis, Betroffenheit und sozialistischer Demokratie die Rede ist. Einen ganz anderen Ton schlägt dagegen die Erklärung des Schriftstellerverbandes an, in der eine „revolutionäre Reform“ gefordert wird. Und: „Die Ignoranz der Medien ist unerträglich. Der öffentliche demokratische Dialog auf allen gesellschaftlichen Ebenen über Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit, Mißwirtschaft und Bevormundung muß sofort beginnen.“ Nicht Reform sei zu fürchten, sondern die Furcht vor ihr. Ähnlich scharf haben die Rockmusiker, und Liedermacher, Stellung bezogen.

Immer deutlicher formiert sich die Szene der Andersdenkenden. Aus dem demokratischen Zentralismus nach SED-Manier wird zusehends ein demokratischer Pluralismus. Das „Neue Forum“ erhält immer mehr Zulauf und wird zu einer politischen Kraft, die auch die SED bald nicht mehr ignorieren kann. Die Satellitenparteien CDU und LDPD beginnen sich zu emanzipieren und entdecken, daß die Neue Zeit und Der Morgen ihre Zeitungen sind und nicht die des Presseamtes beim DDR-Ministerrat. Neugegründet wurde eine Sozialdemokratische Partei.

Hunderte Studenten der Ostberliner Humboldt-Universität betreiben die Gründung eines autonomen Studentenverbandes und protestieren gegen die Androhung, Mitglieder des „Neuen Forums“ zu exmatrikulieren. Ein wegen seiner Mitgliedschaft im „Neuen Forum“ entlassener Lehrer spricht sich für einen unabhängigen Pädagogenverband und unabhängige Eltern- und Schülervertretungen aus und für die „konsequente Trennung der Tätigkeit von Parteien und Massenorganisationen von der schulischen Bildung und Erziehung“.