Meine Freundinnen waren allesamt hellauf begeistert, als ich eines Tages damit herausrückte daß ich nun endlich den Richtigen gefunden hätte. Ihr Entzücken schwand jedoch rasch, als sie hörten, daß mein Freund Deutscher sei. Rundum ungläubiges, betretenes, eisiges Schweigen. Bis eine herausplatzte: "Ist es wie in Pebbles?" "Pebbles" ist ein Film über eine Liebesgeschichte dieser Tage zwischen einer österreichischen Jüdin und einem deutschen Neonazi. Und meine Freunde nahmen wohl an: Wenn sie sich in einen Deutschen verliebt hat, kann es sich nur um einen Neonazi handeln.

Ich erklärte ihnen, daß seine Großmutter Jüdin und in demselben Konzentrationslager gewesen sei wie meine Urgroßmutter; seine Mutter habe sich während des Krieges vor den Nazis verstecken müssen, und obwohl seine Familie zum Christentum übergetreten sei, gelte er nach jüdischem Gesetz als Jude. Ich spürte, wie meine Freunde erleichtert waren — er war in Ordnung, alles war in Ordnung. Mir aber wurde plötzlich klar, daß ich zu meiner Rechtfertigung jüdisches Recht und die Nürnberger Gesetze bemühte, daß ich, um eine unbehagliche Situation zu bereinigen, auf eben jene rassistischen Prinzipien zurückgriff, die mir so zuwider sind.

Das jüdische Neujahrsfest, an den letzten beiden Tagen im September, ist ein Anlaß zur Besinnung, Zeit, das Leben zu überdenken, Vergebung zu erbitten. Mehr als jeder andere Feiertag ist für mich das jüdische Neujahr eine Schwelle; es stimmt mich nachdenklich, wenn ich auf das alte Jahr zurückblicke, mich frage, was das neue wohl bringen mag. So scheint es mir seltsam und angemessen zugleich, daß ich hier am zweiten Tag des Neujahrsfestes sitze und über Deutschland schreibe.

Worum geht es? Darum, wie sich Familiengeschichte und deutsch jüdische Geschichte in meinem Leben vermengen. Es geht um den Widerstreit der Gefühle. Es geht um meine Liebe, die Liebe der amerikanischen Tochter deutscher Juden zu einem deutschen Mann. Es geht um Ambivalenz.

Als meine Mutter und ihre Eltern im Jahre 1934 Frankfurt verließen, zuerst nach Mailand, dann nach San Francisco zogen, ließen sie ihr elegantes Heim, ihren ganzen Besitz zurück. Mit nicht viel mehr als zehn Mark in der Tasche machten sich etwa zwei Jahre später auch mein Vater und seine Mutter, die kurz zuvor Witwe geworden war, nach San Francisco auf. Die Eltern meiner Großmutter blieben zurück.

In Amerika sprachen meine Eltern fortan kein deutsches Wort mehr; Englisch war nun ihre Umgangssprache, und sie gaben sich Mühe, richtige Amerikaner zu werden. Sie verloren alsbald ihren Akzent, meine Mutter lernte, "Hamburger" zu braten, und als ich es ablehnte, zu den FootballSpielen meiner High School zu gehen, war mein Vater darüber so erbost, daß er drohte, mich wegen meiner "unamerikanischen" Haltung in die Sowjetunion zu schicken.

Zugleich aber zeigten sich die Spuren ihrer Herkunft stets in ganz profanen Dingen. Immer, wenn mir übel war, betupfte meine Mutter mein heißes, unglückliches Gesicht mit 4711. Bis heute verbinde ich mit Kölnisch Wasser die Vorstellung, mich übergeben zu müssen. Auch bevorzugten meine Eltern das fade Odol an Stelle der großen Flaschen amerikanischen Mundwassers in Blau, Grün, Rot oder Rosa. Die Brote, die ich auf den Schulweg mitbekam, brachten mich stets in Verlegenheit — Blut- oder Leberwurst auf Roggenbrot; ich tauschte sie nur allzugern gegen amerikanisches Weißbrot oder Kartoffelchips.