Danilo Kiš war noch keine sieben Jahre alt, als ihn das Grauen erreichte. Im Januar 1942 massakrierte die faschistische ungarische Armee mehrere tausend Juden und Serben in der einstmals Neusatz (ungarisch: Ujvidek) geheißenen Stadt Novi Sad. Der Knabe Kiš sah die Leichen seiner Klassenkameraden. Er selbst war zwar 1939 von den Eltern zu seinem Schutz orthodox getauft worden, befand sich aber dennoch in höchster Gefahr: Der Vater war Jude, 1944 ermordeten die Nazischergen ihn – wie fast alle anderen Verwandten – in Auschwitz.

Danilo Kiš hat über seine Kindheit einen Zyklus von Kurzgeschichten verfaßt; er heißt „Familienzirkus“ – als ob weiter nichts Schlimmes gewesen wäre. Der erste Band „Frühe Leiden“ ist – als letzter der Trilogie – gerade auf deutsch erschienen. Obwohl die erschütterndsten Erlebnisse erzählt werden, kennzeichnet ein eigentümlich heiterer, melancholisch-ironischer Ton die Werke von Kiš. Literatur ohne Ironie sei unerträglich, lautete seine Devise.

Aber Erfindung, beliebig Ausgedachtes ertrug er erst recht nicht. Begriffe wie fiction oder fantasy waren ihm ein Graus. Ihm ging es darum, die Welt zu entziffern. Mit Nabokov sagte er (im Nachwort seiner „Enzyklopädie der Toten“): „Ich weiß nicht, wozu es gut sein soll, sich Sachen auszudenken, die so oder ähnlich auch in Wirklichkeit passiert sein könnten.“

Andererseits war Kiš nichts weniger als ein „politischer Schriftsteller“ im herkömmlichen Sinn. Mit dem Titel des – noch nicht übersetzten – Buches „Homo poeticus“ meinte er sich selbst; für „engagierte Literatur“ hatte er bloß – künstlerisch motivierte – Verachtung übrig. Er war auch nicht aus strikt politischen Gründen von Jugoslawien nach Frankreich emigriert, sondern er fühlte sich in Paris vor allem deshalb wohl, weil er sich dort vom französischen Getriebe ebenso entfernt halten konnte wie von seiner Heimat (in die er ab und zu als Reisender zurückkehrte). Ahasverisches Herumirren hielt er für sein Schicksal.

Als jüdischen Schriftsteller mochte er sich gleichwohl nicht bezeichnen; er unterhielt auch keinerlei Beziehungen zur jüdischen Gemeinde. Den religiösen Glauben hatte er im Alter von fünfzehn Jahren verloren, als seine Mutter nach jahrelangen Körperqualen starb. Die Schwere seines eigenen (Krebs-)Leidens war ihm noch in der letzten Zeit – von Äußerlichkeiten wie der heiseren Stimme abgesehen – nicht anzumerken.

Geboren wurde Danilo Kiš im Februar 1935 in Subotica an der jugoslawisch-ungarischen Grenze; nach dem Massaker von Novi Sad flohen seine Eltern mit ihm aufs Land zu Bauern; mit denen mußte sich die Familie gut stellen und hatte doch nie genug zu essen. Angst und Hunger, erklärte Kiš, waren die hervorstechenden Gefühle seiner Kindheit. 1947 wurde er mit seiner Mutter vom Roten Kreuz nach Montenegro „repartriiert“. In Cetinje ging er aufs Gymnasium und schrieb Gedichte, doch unter dem Einfluß des Lyrikers Endre Ady beschloß er, statt selber Verse zu verfassen, nur noch die von anderen zu übersetzen – eine Praxis, die er bis zuletzt beibehielt.

Diese frühe und langanhaltende Beschäftigung mit Lyrik färbte auch auf seine Prosa ab. Danilo Kiš schrieb weder viel noch schnell. Und wenn er schrieb, warf er viel weg. Er las die Seiten wieder und wieder, „bis daß die Sätze und die einzelnen Worte müde werden und verschwinden“. Dann strich er sie durch. Was übrigblieb nach dieser Prozedur, ist der poetische Extrakt eines Romanpanoramas, Ergebnis von und Anregung zu ausgedehnter Meditation. Als Vorbilder nannte der Schriftsteller, der übrigens in Belgrad Vergleichende Literaturwissenschaft – gleich nachdem der Lehrstuhl wieder eingerichtet worden war – studiert hatte: Rabelais, Babel, Pilnjak, Kosztoläny, Andrić und Krleža.