Bisweilen aber arbeiten Retuscheure liederlich. Auf einem Gruppenphoto mit Enver Hodscha, dem späteren Führer des sozialistischen Albaniens, wurden zwei unerwünschte Personen durch ein sorgfaltig gemaltes Mauerstück ersetzt. Dabei vergaß der Retuscheur, die Füße zu eliminieren.

Ungeklärt für immer bleibt, warum Joseph Goebbels das Schicksal ereilte, in Rasen und Baumlaub umgeformt zu werden. Das 1937 von Hitlers offiziellem Photographen Heinrich Hoffmann aufgenommene Photo schwelgt in Harmonie und Heiterkeit. Sechs Personen lachen sich im Park der Reichskanzlei an. Hitler steht neben Leni Riefenstahl, Goebbels neben deren Schwägerin. Der Blick des Reichspropagandaministers ruht wohlgefällig auf der von seinem obersten Dienstherrn überaus geschätzten Filmregisseurin. Hat diesen das so sehr geärgert, daß er Hoffmann veranlaßte, den Joseph verschwinden zu lassen?

Von den entscheidenden Phasen revolutionärer Ereignisse waren meist nur unzulängliche Photos erhalten, die es nicht wert waren, in die Geschichtsbücher aufgenommen zu werden. In solchen Fallen schuf man mittels eines nachgestellten Szenariums Abhilfe. Dem bekanntesten Photo der russischen Oktoberrevolution, „Sturm auf den Petersburger Winterpalast 1917“, liegt ein Szenarium zugrunde, an dem eine Theatergruppe, zigtausend Soldaten und Arbeiter beteiligt waren. Die 1920 zur Erinnerung an jene Oktobertage inszenierte „Nachstellung“ tut der Aussagekraft des Bildes keinen Abbruch. Fast könnte man sagen, die künstlerische Gestaltung erreichte Echtheitsgrad ...

Manchmal siegt atemberaubende Photographie sogar über die geschichtliche Wahrheit. Das beweist der Film „Panzerkreuzer Potemkin“. Die weitberühmte Finalszene, das Massaker auf der Treppe zu Odessa, hat, so wie sie gefilmt wurde, nie stattgefunden. Sie entstand kraft einer dramaturgisch sensationellen Vision des Regisseurs Sergej Eisenstein. Wie er selbst äußerte, faszinierten ihn „der Lauf der Stufen“ und der „panische Lauf der Menschenmenge, die über die Stufen nach unten fliegt“. Ein Filmschluß, der in der Sowjetunion in den Rang wahrhaftigen Geschehens erhoben wurde...

Standphotos aus spater gedrehten Kinofilmen ersetzen auch die fehlenden Photodokumentationen über den zum Heldenepos gewordenen „Langen Marsch“ der chinesischen Roten Armee 1934/35. Kein Photograph war dabeigewesen. Ein paar Laienaufnahmen erwiesen sich als unbrauchbar. Doch die Filmphotos gleichen den Mangel aus. Da zieht eine endlose Schlange disziplinierter, tadellos uniformierter Kämpfer durch das Land. Kein einziger zeigt Spuren der Ermudung. Diese Männer siegen oder sterben in Schönheit.

Im Gegensatz zur geturkten Photographie, die als „echte“ ausgegeben werden konnte, ist die „Photomontage“ stets als solche zu erkennen. Sie ist dennoch von überraschender Suggestion. Das faschistische Montagebild „Legionen von Versehrten marschieren auf der neuen Straße des Imperiums“ gibt den Blick auf das Forum Roms frei. Über die Prachtstraße ziehen heroische Kolonnen. Aus Wolkenballungen jagen Flugzeuge heran. Die Montage brachte das antike Rom mit dem „neuen Rom“ zur gedanklichen Einheit.

Im Juli 1932 warb ein Riesenplakat für Adolf Hitler. Die Montage stammt aus drei Photographien, aufgenommen bei Massenversammlungen der NSDAP. Gewissermaßen über allem Volk stehend, richtet „der Führer“ den Seherblick gen Himmel. Plakatuberschrift: „Das Volk steht auf, die Stunde ist da.“