„Sweetie“ von Jane Campion

Bäume. Als der Film beginnt, sehen wir Kay (Karen Colston) eine eintönige Straße hinuntergehen – aus dem Off ihre Stimme. Sie erinnert sich an einen Baum im Hof ihrer Eltern, der ihrer Schwester ein Kinderparadies war. Als Kay einen Mann kennenlernt, pflanzt der ein zartes Bäumchen in den Hof des gemeinsamen Hauses. Bald schon werden die Blätter welk, was Kay als böses Omen deutet. Heimlich reißt sie es heraus. Als Sweetie (Genevieve Lemon), Kays zügellose Schwester, in ihrem Haus auftaucht, entdeckt sie das Bäumchen unter dem Bett. Als Sweetie schließlich – nach immer krasseren Ausbrüchen – auf ihren Paradiesbaum zurückkehrt und nicht mehr herunter will, haben wir die episodenhaft erzählte und oft aus ungewöhnlicher Kameraperspektive photographierte Familiengeschichte der beiden Schwestern entschlüsselt. Kay mit ihrem introvertierten Naturell lebte ein unauffälliges Kinderleben. Sweetie dagegen konnte alle Welt, besonders ihren Vater, mit ihren süßlichen Schlagern becircen. Als Sweetie begraben wird, muß erst die Wurzel eines Baumes entfernt werden, bevor sie ihre letzte Ruhe finden kann. Welche Rolle Bäume im Leben der australischen Regisseurin Jane Campion spielen, wissen wir nicht. Ihr Film jedenfalls ist aus einem ganz besonderen Holz: realistisch und surrealistisch zugleich.

Anne Frederiksen

„Blauäugig“ von Reinhard Hauff

Die Leinwand und die Schiefertafel haben eins gemeinsam: Sie sind beide rechteckig. Das ist nicht viel – und führt doch immer wieder zu folgenschweren Verwechslungen. Reinhard Hauff und seine Drehbuchautorin Dorothee Schön zum Beispiel kamen nach vermutlich sehr langern und sehr intensivem Nachdenken über das Wesen der Diktaturen zu folgenden Erkenntnissen: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Und wer erst anfängt, sich zu wehren, wenn er persönlich betroffen ist – der kommt stets zu spät. Beide Sätze sind zweifellos richtig: Man könnte sie bedenkenlos auf eine Schiefertafel schreiben. Reinhard Hauff und Dorothee Schön aber arbeiten im Filmgeschäft, und deshalb haben sie um diese Merksätze herum einen Film konstruiert. Wogegen im Grunde nichts einzuwenden ist: Auch Volksschullehrer erläutern die Grundrechenarten zunächst mit Äpfeln und Birnen. „Blauäugig“ aber richtet sich an ein erwachsenes und intelligentes Publikum – und folglich handelt es sich hier nicht bloß um eine Verwechslung, sondern fast schon um eine Beleidigung. Es geht in „Blauäugig“ um die Verdrängung der Wahrheit und um die Bewältigung von deutscher und argentinischer Vergangenheit – und Reinhard Hauff filmt getreu den Buchstaben: Er verdrängt alles Leben aus den Bildern, alle Widersprüche aus Gedanken und Gesprächen, und am heftigsten verdrängt er vermutlich alle Zweifel an seiner Inszenierungskunst. Immerhin aber bewältigt er den Lehrstoff in zwei Unterrichtsstunden – und wer bis zum Schluß sitzenbleibt und brav aufpaßt, kriegt eine Eins mit Stern für kritisches Bewußtsein. Claudius Seidl