Von Reinhard Baumgart

Zur Feier des Tages, dieses Rühmkorfschen Geburtstages, verbieten sich die bequem zuhandenen Formeln, aller Schmus also im Sinne von: "Waas, schon sechzig, deer?! So frisch und jugendlich er doch immer noch wirkt?" Lieber sollte man den Spieß umdrehen und sich wundern, daß Rühmkorf derart lange ausgehalten hat, im Schreiben wie im Leben. Denn fertig (in jedem Sinn), abschiedsbereit, und, wenn auch auf die allerflotteste Weise, zu Tode erschrocken und todtraurig schien er doch schon immer.

Dieser (unser gemeinsamer) Jahrgang 1929 läßt sich ja auf mindestens einen gemeinsamen Nenner bringen. Ob man sich Lettau ansieht oder Enzensberger, Rühmkorf oder Roehler: Den inneren Jüngling hat keiner je überwunden, doch auch eine andere, befremdlich früh erkennbare Neigung, die Welt ziemlich alterszynisch oder altersweise wie von hinten oder sehr weit oben zu sehen, hat sich gut gehalten und konsequent weiterentwickelt. Was uns allen dagegen seit eh und je fehlte, war die Begabung zur sogenannten Reife, zur Pragmatik der Lebensmitte, zu dem, was auf deutsch Männlichkeit und auf lateinisch Virilität heißt, auch zu jeder Art Honoratiorentum. Offenbar war es nicht die reine Lust, ausgerechnet um das Jahr 1945, in der angeblichen Stunde Null, erwachsen zu werden.

Was Wunder, daß man in dem Gedichtband, den Rühmkorf sich selbst zum Sechzigsten beschert hat, dieses Altgebliebene und das Unverbesserlich-Junge am ehesten wiedererkennt, die Töne also sowohl des Hoffens und Schmachtens, wie die des Verzichtens, des Gleiten- und Fallen-Lassens, einer lockeren, so gar nicht ranzigen Trauer. Kein Wunder aber auch, daß die jungen, hellen, die frechen Töne mittlerweile doch, gesangstechnisch gesprochen, enger wirken, hochgestemmt in die Kopfstimme. Dagegen geht der Alterssingsang, souverän verzittert, gekonnt verwehend, dem Sänger nun sehr natürlich von den Stimmbändern:

Will sich zur Seite drehn,

in Laub, in Gras, in Grün, in Braun, Grafitoliv –

Im Traum zur Ruh – im Schlaf zu Grunde gehn