Von Marion Gräfin Dönhoff

Die meisten Menschen meinten, mit der Verabschiedung des Grundgesetzes und mit Gründung der Bundesrepublik sei eigentlich schon alles getan. Aber vieles lag in den fünfziger Jahren noch im Dunkeln, wir hatten wenig Erfahrung mit der Demokratie und ihren Erfordernissen.

Darum empfand die Redaktion der ZEIT damals das Bedürfnis, einen freien Mitarbeiter zu suchen, der für uns verfassungspolitische Fragen und Probleme der gesellschaftlichen Struktur kompetent bearbeiten könne. Ich war zu jener Zeit Leiter des politischen Teils der ZEIT und begann also umherzuspähen. Sehr bald war klar:

Es gibt nur einen Professor, der das, was die res publica ausmacht, in alltäglichen Ereignissen aufspürt und dies als Fallstudie zu durchleuchten vermag. Nur einen, der darauf verzichtet, seinen Ehrgeiz auf die Proklamierung neuer Theorien zu richten. Eschenburgs Ehrgeiz ist es, Lehrstücke für den Umgang mit dem Grundgesetz abzuhandeln und die politischen Institutionen der modernen Demokratie zu analysieren, auf ihren Gehalt abzuklopfen, Schäden aufzudecken und auf diese Weise unser Regierungssystem funktionsfähig zu erhalten.

Wenn man sich heute einmal die Themen vor Augen führt, die er in den ersten zwei Jahren behandelt hat, sieht man sogleich, wie einzigartig sein Gespür für die politischen Alltagsfragen ist: Abgeordneten-Intervention bei Behörden; Parteienfinanzierung; Korruptionsprozesse in der Republik; Nebenregierung durch Verbände; beurlaubte Staatsbeamte als Parteifunktionäre; das Problem der Abgeordnetenversorgung; alle Wahlen an einem Tag?, also die Frage, ob Wahlen zum Bundestag und zu den Landtagen zeitlich so abgestimmt werden können, daß nicht in jedem Jahr Wahlen stattfinden und der Bürger aus der Unruhe gar nicht mehr herauskommt.

Für den damals ja noch jungen Staat waren die messerscharfen Analysen des Tübinger Professors, erwachsen aus seinem unbestechlichen Rechtsgefühl und unterfüttert mit einem weitverzweigten historischen Wissen, ganz unersetzlich. Viele haben den strengen Präzeptor sehr gefürchtet – wir haben ihn sehr geliebt. Wir haben unendlich viel von ihm gelernt und sehr viel mit ihm gelacht.

Wenn er zu den Konferenzen kam, war immer etwas los: interessante Informationen, ganz neue Gesichtspunkte zu uralten Problemen und herrliche Geschichten aus dem alten Lübeck oder dem neuen Bonn. Sein Erscheinen war immer begleitet von hektischen Suchaktionen und telephonischen Fahndungen nach irgendwelchen lebenswichtigen Gegenständen. Entweder war der Hut im Schlafwagen hängengeblieben oder der Mantel im Speisewagen. Nur von der Pfeife trennte er sich nie.