Von Peter Grubbe

Die Zahl der Bücher über Südafrika wächst. Je mehr machtpolitische Auseinandersetzungen in unserer Welt Dank der Veränderungen in Moskau oder auf Grund erfolgreicher Bemühungen der UN gelöst oder, wenigstens lösbar werden, desto stärker konzentriert sich das Interesse der Öffentlichkeit auf diejenigen Probleme, die nach wie vor unlösbar erscheinen. Zu diesen gehört Südafrika.

Eines der jüngst erschienen Bücher zu diesem Thema ist Christopher Hopes „Land am Abgrund“. Hope ist Südafrikaner. 1944 als Enkel irischer Einwanderer in Johannesburg geboren, verläßt er 1974 das Land, weil er sich mit dem, was dort geschieht, nicht identifizieren mag. 1987, im Vorfeld der südafrikanischen Wahlen, kehrt er für einige Wochen in seine alte Heimat zurück und sucht dort die Orte auf, in denen er einst gelebt hat: Die Kleinstadt, in der er seine Kindheit verbrachte, den Johannesburger Vorort, in dem er zur Schule ging, die Universität in Pretoria, an der er studierte. Er spricht mir alten Freunden, mit Bekannten, mit Fremden, mit Weißen wie mit Farbigen. Er besucht Versammlungen Schwarzer wie Kundgebungen neofaschistischer Buren.

Was er dabei sieht, hört, erlebt und erfährt, aber auch, was er erinnert, was ihn erschreckt und bedrückt, schildert er in seinem Buch. Er führt seine Leser von der einst unternehmungslustigen Kleinstadt, in der er aufwuchs, und deren Einwohner einander heute, in Gruppen aufgeteilt, mißtrauisch belauern, bis in die Hauptstadt der Republik, wo die Regierenden des Landes als Weg in die Zukunft ausschließlich eine Rückkehr in die Vergangenheit, eine Rückwendung zu den glorreichen Prinzipien der burischen „Vortrecker“ proklamieren und sich allem, was heute um sie her geschieht, verschließen.

Es ist eine gespenstische Reise, auf die Hope seine Leser mitnimmt. Und das Ergebnis ist deprimierend. Die Worte „Guten Morgen, Lemminge“, mit denen er den letzten Teil seines Berichts überschreibt, könnten über dem ganzen Buch stehen. Der Verfasser, der immerhin die ersten 30 Jahre seines Lebens in diesem Land verbracht hat und es daher von Grund auf kennt, sieht kaum einen Hoffnungsschimmer. Nach seiner Ansicht haben sich die Weißen, und zwar inzwischen auch viele Nicht-Buren, so in die Wagenburg-Mentalität verrannt, daß die Kluft zu den anderen von ihnen diskriminierten Rassen kaum noch überbrückbar ist.

Gelegentlich überfrachtet Hope seinen Bericht – jedenfalls für deutsche Leser – mit allzu vielen politischen Reminiszenzen und gibt seinem Zorn über das nicht nur unmoralische, sondern auch politisch unsinnige Verhalten der Obrigkeit seines alten Vaterlandes zu viel Raum. Dann überlagern politisch-philosophische Spekulationen die Fakten. Hier würden konkret geschilderte Erlebnisse den deutschen Leser eher überzeugen.

Aber ansonsten beeindruckt der Bericht. Er sollte insbesondere diejenigen nachdenklich machen, die kritische Äußerungen über Südafrika grundsätzlich ablehnen, weil sie sie für ideologisch gefärbt halten. Denn als Ire ist Hope nicht von jenen antiburischen Ressentiments bestimmt, denen viele Nachkommen der ehemaligen britischen Regierungsschicht, die heute hier die Opposition bilden, noch immer unterliegen. Und als Katholiken gelingt es Hope, den engen Zusammenhang zwischen dem kalvinistischen Sendungsbewußtsein und dem weißen Vorherrschaftsanspruch der Buren deutlich zu machen, der sonst häufig übersehen wird. All das macht dieses Buch trotz seiner Subjektivität zu einem wichtigen Zeugnis für das, was heute in Südafrika vorgeht.