Von Roland Kirbach

Düsseldorf

Immer wieder sei er bestürzt darüber, sagt Hans Knoch, wie „unhistorisch“ manche junge Ärzte heute dächten, wie schwer es ihnen falle, Verfolgte der Nazi-Herrschaft, die ihnen als Patienten vorgestellt werden, als Opfer zu sehen. Es mangele ihnen an der Fähigkeit, die gesundheitlichen Schäden, die sie begutachten, mit dem erlittenen Unrecht in Verbindung zu bringen. Immerhin seien die meisten um Sachkunde bemüht.

Hans Knoch arbeitet als Rechtsanwalt im Kölner Büro der United Restitution Organization (URO), einer Rechtshilfeorganisation, die nach dem Krieg in London gegründet wurde und den heute in aller Welt lebenden Verfolgten des Nazi-Regimes hilft, ihre Entschädigungsansprüche an die Bundesrepublik durchzusetzen. Die Landesrentenbehörde in Düsseldorf ist für viele der Opfer zuständig. Sie bewilligt Renten, genehmigt Heilverfahren, prüft Verschlimmerungsanträge, wenn Leiden sich im Lauf der Zeit verstärken.

Ärztlich untersucht werden die Antragsteller in der Regel von Ärzten an ihrem Wohnort, im Ausland von Vertrauensärzten der deutschen Botschaften und Konsulate. Bei der Landesrentenbehörde werden die Gutachten von Amtsärzten geprüft und beurteilt, ohne daß die Antragsteller dort noch einmal untersucht werden. Diese Amtsärzte haben einen größeren Einfluß auf die Entscheidungen der Behörde als die eigentlichen Gutachter. Auf ihre Bewertung des Gutachtens und nicht auf das Gutachten selbst stützen die zuständigen Sachbearbeiter ihre Ablehnung oder Bewilligung eines Antrags.

Lange Zeit stand die Landesrentenbehörde in dem Ruf, dabei sehr human und wenig bürokratisch zu verfahren und den Überlebenden die Anerkennung ihrer Leiden nicht unnötig zu erschweren. Seit jedoch die Regierungsmedizinalrätin Trude Halbekann-Esser dort wirkt, hat sich das geändert. Ihre Beurteilungen verbreiten Bestürzung, und ihre Diktion löst mitunter schlimme Assoziationen bei den einst Verfolgten aus.

Ein Beispiel: Eine heute in Dänemark lebende Frau, die im KZ Auschwitz und dessen Nebenlager Berlin-Neukölln als Zwangsarbeiterin eingesetzt war, hat sich seit 1963 alle zwei Jahre einer Kur unterzogen. Stets hat die Landesrentenbehörde die Kur bewilligt. Frau Halbekann-Esser hat den Antrag in diesem Jahr mit der Begründung abgelehnt, die Kur ziele auf eine Besserung des allgemeinen Gesundheitszustands ab und käme daher einem Erholungsurlaub gleich. Die URO hat dagegen Klage beim Landgericht Düsseldorf erhoben, eine Entscheidung steht noch aus. Zumindest dieses Jahr muß die Frau auf ihre Kur verzichten.