MARTIN WALSER

Widerwärtige Politik. Daß sich diese peinlichste Verfahrensweise gebildet hat, wenn unser Zusammenleben eingerichtet werden soll!

Als wir von Frankfurt nach Dresden fuhren, prasselten aus dem Radio die Sprachhülsen der östlichen Partei. Ein Tag Anwesenheit drüben, und man erlebt, wie wenig diese Pseudosprache das ausdrückt, was die Leute empfinden. Als wir von Dresden an den Bodensee fuhren, tönten aus dem Radio anmaßende Redensarten westdeutscher Politiker und Journalisten, deren Peinlichkeit herrührt von einer Erfolgsstimmung, die bei manchen zur unverhohlenen Siegerlaune wird. Auf jeden Fall wirkt unser Sprachgebrauch, wenn man gerade von den ganz und gar Betroffenen kommt, peinlich. Daß Politiker hier so reden, als sei der Mißerfolg der DDR ihr Erfolg! So entsteht der Eindruck, als stritten nur noch zwei Vokabulare und es gebe keine Menschen mehr.

Ist der Mißerfolg der DDR der Erfolg der BRD? Das wäre doch unerträglich. Welche Stimmung wäre erträglicher? Eine, in der andauernd zum Ausdruck käme, daß die drüben ohne jede Schuld das Opfer einer geographischen Lage wurden. Wir haben alles getan, um die durch die Kriegsfolgen entstandene Grenze zu stabilisieren. Wir haben auf unserer Seite den kalten Krieg, als er an der Tagesordnung war, mit ganzer Kraft geführt.

Wir? Unsere jeweiligen Wortführer. Jeder weiß, wie weit er selber mitgewirkt hat. Die drüben haben, weil der Marxismus eine Religion, also etwas für gar alles werden wollte, noch scheußlicher gegen uns geredet und gehandelt. Von einer gemeinsam zu tragenden Verantwortung für das, was zur Teilung geführt hatte, war nicht mehr die Rede. Keine deutsche Solidarität der Verantwortung. Die öffentlichen Sprachen in Ost und West – trostlos.

Es war nicht Jubiläumstourismus, was uns – wir waren zu zweit – nach Dresden führte, sondern eine beruflich bestimmte, ganz zweckgebundene Neugier. Es lag also am Terminkalender des Weltgeistes, daß wir in diesen deutschen Frühling im Herbst gerieten.

Es war noch nie daran zu zweifeln, daß die Deutschen drüben mit dem Marxismus-Leninismus nicht leben wollten. Sicher war es im 19. Jahrhundert ein Fortschritt, daß Karl Marx seine Erlösungsphantasien in eine wissenschaftlich klingende Sprache faßte. Woher der Wind aber weht, hat der Professor Kamnitzer letztes Jahr klargemacht, als er westliche Kritik an der Bestrafung von jungen Leuten, die Rosa-Luxemburg-Feiern gestört hatten, damit zurückwies, daß er fragte, was man wohl im Westen von jungen Leuten hielte, die religiöse Prozessionen stören würden.