Von Gert Woerner

Es sollte unserer Hochachtung für die politische Haltung und den publizistischen Mut Carl von Ossietzkys keinen Abbruch tun, daß er mitunter selbst seine Freunde und die treuen Leser seiner Weltbühne arg vor den Kopf stieß. Durchaus denkbar darum, daß der Dirigent Hans Knappertsbusch nach der Lektüre von Ossietzkys Richard-Wagner-Essay am 1.3.1933 in den Münchner Neuesten Nachrichten empört verlauten ließ, „bei pp. Ossietzky“ seien „paranoide Ansätze offenbar geworden“. So jedenfalls lesen wir es in Berndt W. Wesslings Biographie über den Pazifisten und Friedensnobelpreisträger.

Wer nun aber am angegebenen Ort auch den vermutlich interessanten Kontext lesen möchte, der findet in der damals wichtigen süddeutschen Zeitung nichts: keinen Artikel, keine Zeile von „Kna“, kein Wort über Ossietzkys Abrechnung mit Wagner. Gab es etwa zwei Ausgaben pro Tag? Nein. Am vorangegangenen wie am folgenden Tag ebenfalls kein Kommentar zu der blasphemischen Bayreuth-Attacke. Offenkundig ein bibliographischer Irrtum des vielbeschriebenen Biographen Wessling. So was kann passieren und ist verzeihlich.

Also probieren wir beim nächsten Zitat zur Quelle vorzudringen. Es geht immer noch um die Wut über den Wagner-Verleumder Ossietzky, dem auch der Musikologe Fritz Stein gehörig die Leviten gelesen haben soll, und zwar am 3.3. 33 im Berliner Lokalanzeiger. Das gleiche Ergebnis: Der gesuchte Satz steht weder in der Morgennoch in der Abendausgabe des Blattes.

Bei den zwei folgenden Zitaten habe ich mehr Glück. Nicht, daß ich fündig werde, aber ich kann mich von dem Geflimmer des Mikrofilm-Lesegeräts vor mir erholen, denn die Zeitschrift für Musik (April 1933) und die Deutsche Kulturwacht (1. 4. 33) gibt es in der Bibliothek nicht auf Zelluloid konserviert, sondern noch original in Papier. Das vereinfacht die Suche nach der Ossietzky-Schmähung aus der Feder des NS-Musikpropagandisten Gustav Havemann und der nicht minder gehässigen Tirade seines Kollegen Friedrich Welter von einer „Zersetzungskampagne großen Stils, wie sie nur Juden und Bolschewisten aufgrund ihrer abgrundtiefen rassischen Verkommenheit ans Tageslicht zu bringen wissen“ – aber in den genannten Quellen steht das nicht. Wieder muß Wessling sich getäuscht haben – oder uns, die arglosen Leser.

Die Kulturwacht kann der Zitator übrigens gar nicht gemeint haben, denn diese unsäglichen „Blätter des Kampfbundes für Deutsche Kultur“ erschienen nicht mit Tagesdatum, sondern nur mit Heftnummer. Immerhin kann ich vermelden, daß es den Jahrgang 1933 wirklich gab. Dagegen wird man den verbohrten Stuß, den der Nazidichter Will Vesper über die „perverse Phalanx von Moses, Marx und Einstein“ und ihr „Hätschelkind Ossietzky“ angeblich am 20. 12. 1931 in der Kulturwacht abgesondert hat, schon deshalb nicht finden, weil die erste Nummer des ersten Jahrganges im Januar 1932 herauskam.

Noch weitere dreißigmal lassen sich Wesslings meist vulgäre Buch- und Pressezitate dort, wo er sie entdeckt haben will, nicht wiederfinden. Das bedeutet: Kein „Kunst und Vandalismus“-Artikel von Brecht in der Roten Fahne (19. 7. 29), kein „Odelgruben“-Zitat von Gerhart Hauptmann in der Deutschen Allgemeinen Zeitung (2.2.22), nicht der in seiner klebrigen Diktion völlig untypische Hofmannsthal-Ausspruch im Prager Tageblatt (5. 7. 27). Die dem Operettenkomponisten Paul Lincke vielleicht zuzutrauende Ablehnung „negroider Perversion“ in der Musik fehlt in der BZ am Mittag (12. 2. 29) und die Glorifizierung des Krieges durch Ernst Jünger im Stuttgarter Neuen Tageblatt (10. 3. 26). Um an dieser Stelle einen Dank abzustatten: Die Württembergische Landesbibliothek schickte prompt einen Mikrofilm der gewünschten Ausgabe; die Durchsicht ergab mal wieder: Fehlanzeige, und Jünger ließ durch die Betreuerin seines Werks im Klett-Cotta Verlag bestätigen: Text unbekannt, nicht eruierbar, inexistent.

Diese Aufzählung ließe sich fortsetzen, doch beginnt sie womöglich zu langweilen. Nur ein Beispiel noch: In der Arbeitsstelle für deutsche Exilliteratur der Universität Hamburg wurde der Nachweis erbracht, daß der Komponist Jean Gilbert, der dieselbe Schule besuchte wie Ossietzky, entgegen Wesslings Behauptung keine Autobiographie veröffentlicht hat.

„Das würde ja ein dickes Buch werden, wenn ich meine Erlebnisse niederschreiben wollte, wo wollen Sie das denn abdrucken?“ fragte der in Buenos Aires lebende Gilbert im Dezember 1941, genau ein Jahr vor seinem Tod, einen Korrespondenten der Jüdischen Wochenschau. Wenn er aber keine Memoiren geschrieben hat, die laut Wessling (mal 1938, mal 1940) in der argentinischen Hauptstadt erschienen sein sollen, dann wird der ehrbare Musiker, der sein Judentum nie verleugnet hat, auch nicht jene frivol-schmuddelige Jugenderinnerung von sich gegeben haben, die Wessling ihm in den Mund gelegt hat. Das Zitat wörtlich wiederzugeben, will ich mit Rücksicht auf die lebenden Nachkommen unterlassen. Schlimm genug, daß Wesslings Verleger (und zugleich Lektor) nicht einmal an dieser Stelle Bedenken hatte.

Die Ossietzky-Biographie ist keineswegs Wesslings erster Sündenfall. Rezensenten und kritische Leser haben bereits nach der Lektüre seiner früheren Biographien (zum Beispiel über Beethoven, Liszt, Mahler, Meyerbeer, Toscanini, Tucholsky) darauf hingewiesen, daß er bibliographische Falschmünzerei betreibe, so der Gustav-Mahler-Experte Henry-Louis de La Grange auf mehreren Seiten seiner dreibändigen Lebensgeschichte des Komponisten und mit nicht weniger überzeugenden Beweisen der Musikwissenschaftler Harvey Sachs in seiner Toscanini-Biographie.

Wessling muß seine Beteuerung, daß „sämtliche im Spiegel von meinen juristischen Gegnern aufgestellten Behauptungen jeglicher Grundlage entbehren“, durch die Vorlage von Beweisen für die Authentizität seiner größtenteils verleumderischen Zitate erst noch glaubwürdig machen. Es ist reines Ablenkungsmanöver, daß er seinem Leserbrief die Mitgliederliste der Freimaurerloge, der Ossietzky angehört hat, beilegt. Kein Mensch hat deren Echtheit bezweifelt.

Auffällig ist der strategisch äußerst geschickte Einsatz besonders brisanter Zitate, die Wessling gern als Leitmotiv fürs ganze Werk verwendet. So hat er seine Furtwängler-Biographie auf ein ziemlich unfeines Urteil aufgebaut, das Carl Orff über den soeben verstorbenen Dirigenten in der Deutschen Zeitung (3. 12. 1954) abgegeben haben soll. Doch an diesem Tag erschien die Wochenzeitung gar nicht, und der Nachruf, den sie dann brachte, ein kurzes redaktionelles Statement, enthielt nicht den Orff untergeschobenen Satz. In der Ossietzky-Biographie dient Wessling ein Zitat des angeblichen Freimaurers Sartre über seinen Logenbruder Carl als Motto. Wäre sensationell, wenn unser Autor den Beweis erbringen könnte, daß das als Quelle genannte Interview Robert Neumann-Sartre tatsächlich stattgefunden hat. Es ist jedoch nie gedruckt oder gesendet worden, es existiert keine Tonbandaufnahme, und die beiden Schriftsteller können an dem von Wessling genannten Tag (19. 9. 69) auch gar nicht zusammengetroffen sein.

Einerseits ist es verständlich, daß Herr Wessling über derlei Vorhaltungen in Harnisch geraten ist. Schließlich hat die Gesellschaft der Freunde der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg e. V. Carl von Ossietzky eine Veranstaltung aus Anlaß des hundertsten Geburtstags von Ossietzky abgesagt, auf der Wessling den „Festvortrag“ halten sollte. Und der Heyne Verlag hat Wesslings für November angekündigte Tucholsky-Biographie vorläufig aus dem Programm genommen.

Andererseits ist es unverständlich, daß dem sonst so vehement um Einhaltung der Moral besorgten Autor das öffentliche Interesse an einer wissenschaftlichen Überprüfung der Korrektheit seiner zum Teil in bedeutenden Verlagen erschienenen Lebensdarstellungen nicht in den Kopf will. Wer ihn um Aufklärung über fragliche Passagen oder Quellen bittet, dem antwortet er – wenn überhaupt – ausweichend oder brüsk ablehnend. Es ist also nicht wahr, daß er zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen nicht befragt worden sei. Ossietzky-, Sartre- und Tucholsky-Experten haben ihn kontaktiert. Erfolglos. Ich selbst hatte im Juli Herrn Magister Wessling durch den Direktor der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek zu einem Lokaltermin in den Lesesaal eingeladen. Der Herausgeforderte lehnte ab.

Wie kommt es, daß Wesslings schon so manchem verdächtige Treiben erst jetzt systematisch unter die Lupe genommen wird? Die Antwort muß wohl lauten: Die meisten Experten kennen Wessling nur vom Ignorieren, oder sie belächeln geschämig seine Histörchen aus der Intimsphäre der Biographierten, deren Erotomanie und/oder Impotenz nachzuweisen ihm besonders am Herzen zu liegen scheint.

„Nur nicht ernst nehmen. Schade um die Zeit“, antwortete ein Universitätsprofessor auf meine Frage nach der Relevanz des Wesslingschen Tucholsky-Erotikons. Bei solcher Einschätzung wird nicht bedacht, daß Studenten künftiger Generationen auf Wesslings Darstellungen folgenschwer hereinfallen können. Mit einigem Recht wird die Schuld daran auch den Verlagen zugeschoben und ist den „verantwortlichen“ Lektoren Gutgläubigkeit, Bequemlichkeit, Unwissenheit und Kleinmut vorzuwerfen. Allerdings ist es menschlich, daß man Kontroversen mit einem Autor, der Kritik so schnell als „üble Nachrede“ abqualifiziert, von vornherein lieber aus dem Wege geht. Wäre Wessling einsichtig, könnte er als wahrhaft „degoutant“ eigentlich nur die in der Tat peinlichen Zitate aus seinen eigenen Werken und Briefen bezeichnen. Dabei war man bisher noch gnädig mit ihm – und natürlich auch rücksichtsvoll mit den Opfern: Die infamsten Beleidigungen Toter (zum Beispiel: Alma Mahler-Werfels und Robert Neumanns) sowie noch Lebender mochte der Spiegel – und möchte ich – nicht weiter verbreiten.

Im übrigen geht es nicht um Klatsch und Gossengerüchte, ebensowenig darum, daß Wessling, wie er übertrieben selbstsicher meint, mit seinem Ossietzky-Buch „die Forscherkreise empfindlich gestört“ haben könnte, sondern allein um die zweifelsfreie Klärung – wenn es sein muß, durch den von Wessling so häufig bemühten Kadi –, ob der „Verkasematuckelierer“ (Originalton Wessling) seiner Großtante Julie Schrader in naheliegender Personalunion auch ein dreister Literaturforscher ist, der die von ihm geforderte „demokratische Pressefreiheit“ seit langem skandalös überstrapaziert. Oder haben wir es doch nur mit einem bodenlos schlampig arbeitenden Autor zu tun, der einen Fehler an den anderen reiht und sich obendrein ständig auf extrem unzuverlässige Informanten verläßt? Eine dritte Variante ist nicht denkbar.

Siehe auch den Bericht von Klaus Pokatzky auf Seite 77