Zum Beispiel „Novemberkatzen“ – der mühsame Weg eines ausgezeichneten Films zum Publikum

Von Karl Hermann

Seit Flensburg an das Autobahnnetz angeschlossen ist, wirkt der Bahnhof meistens wie ausgestorben. Zweimal am Tag kommt ein Fernzug nach Dänemark, der Rest ist Nahverkehr. In der Frittenbude „Zur Grenzstation“ trinken die wenigen Pendler noch schnell ein Bier, ehe sie den Triebwagen nach Kiel besteigen. Von den Toiletten in der Halle weht der scharfe Geruch eines Desinfektionsmittels herüber, als erwarte die Bahnhofsverwaltung jeden Moment einen Besucheransturm. In das verwaiste Bahnhofsrestaurant ist das Odeon-Kino eingezogen: 240 Plätze mit Balkon. Wo früher die Küche war, schnurrt jetzt die Projektionsmaschine: „35 Millimeter Bauer B 14“, preist Kinobetreiber Ulf Vollmar das High-Tech-Gerät. Doch auch das Odeon mit seinem anspruchsvollen Repertoire-Angebot hat dem Bahnhof nichts von seiner früheren Geschäftigkeit zurückgeben können.

Gerade mal 35 Personen sind an diesem trüben Tag zur Achtzehn-Uhr-Vorstellung erschienen – trotz des Hinweises im Tageblatt: Regisseurin diskutiert mit Zuschauern. Der Filmtitel paßt zur meteorologischen Trübsal: „Novemberkatzen“. Die Misere des nichtkommerziellen Films könnte kaum treffender überschrieben sein. „Novemberkatzen“ – so nennt man auf dem Land den dritten Wurf junger Katzen, den keiner haben will. Ein im Spätherbst geborenes Kätzchen ist zwar niedlich, aber kaum lebensfähig. Die kleine Ilse findet so eine Novemberkatze – auf dem Müllplatz, wo man sie ausgesetzt hat. Ilse lebt mit ihrer Mutter und zwei älteren Brüdern im „Armenhaus“ am Rande eines kleinen Dorfes. Das Wirtschaftswunder hat in diesem weltabgeschiedenen Winkel, Anfang der fünfziger Jahre, noch keine Spuren hinterlassen. „Für uns ist gerade das gut genug, was andere weggeworfen haben“, sagt Bruder Dieter, als die elfjährige Ilse das Kätzchen mit nach Hause bringt.

Unterkühlter Achtungserfolg

Die Kamera folgt dieser sensationslosen Schmuddelkindheit in stillen Bildern. Sie sieht die Welt, wie Ilse sie sieht: voller Ungerechtigkeiten, doch gleichzeitig als faszinierende Herausforderung. Eine Welt, in der Mütter den Ton angeben, Männer meist durch Abwesenheit glänzen. Ilse wehrt sich mit List gegen die „Asozialen“-Rolle, die man ihr im dörflichen Milieu zuweist. Am Ende überlebt sie ebenso wie die strubbelige Novemberkatze.

Der Zuschauerraum ist noch dunkel, der „Abspann“ läuft, als Regisseurin Sigrun Koeppe nach vorn zur Leinwand geht. Schon löst sich ein Rinnsal abfließenden Interesses. Mit einem hastigen „Wenn-Sie-noch-Fragen-haben?“ versucht sie den Strom zu stoppen. Als das Saallicht angeht, sitzen noch zwanzig interessierte „Diskussionsteilnehmer“ im Raum. Doch dann muß der Beginn der nächsten Vorstellung sogar um einige Minuten verschoben werden, so gespannt hört man auf das, was die Regisseurin zu sagen hat. „Einer, der Filme, von denen es mehr geben müßte“, lautet das Fazit, und nur Kinobetreiber Vollmar wird sich als Hausherr abschließend noch eine „persönliche Bemerkung“ erlauben: „Aus kinogewerblicher Sicht kann man leider nur von einem stark unterkühlten Achtungserfolg sprechen.“