Wir erinnern uns an eine Szene in Charlie Chaplins Film „Der große Diktator“: Hinkel, der zur Kenntlichkeit entstellte Hitler, spielt mit der Weltkugel – ein Wurf, ein Kick mit dem Absatz, doch dann zerplatzt der Luftballon, und zurück bleibt ein aus seinen Allmachtsphantasien erwachter Kümmerling. Die schreckliche Lächerlichkeit nationalsozialistischen Größenwahns, die grandiose Kläglichkeit großdeutscher Hybris – selten sind sie besser demaskiert worden als in dieser Filmszene.

Was aber wäre geschehen, wenn die Weltherrschaftsträume nicht zerplatzt wären, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? Ein entsetzlicher Gedanke, den wir instinktiv von uns weisen möchten mit der beruhigenden Versicherung, daß die Geschichte keinen Konjunktiv kenne, daß das „Dritte Reich“ den Krieg ja nicht gewonnen, sondern – Gott sei Dank! – verloren habe, und zwar so gründlich, daß hoffentlich kein deutscher Politiker in Versuchung gerät, ein drittes Mal nach der Weltmacht zu greifen. Und überdies: Waren die Pläne der Nazis für die Zeit nach dem „Endsieg“ nicht eher Wahnvorstellungen, Ausgeburten einer krankhaft ausufernden Phantasie, die mit der Realität nichts mehr zu tun hatten?

Ralph Giordano hat gleichwohl das Unausdenkbare zum Thema seines neuen Buches gemacht, und er führt dafür zwei gewichtige Gründe ins Feld: Eine „Vollcharakteristik des Nationalsozialismus“ – so sagt er – könne ohne Kenntnis seiner „schlußgeschichtlichen Vorstellungen von der deutschen Weltherrschaft“ nicht auskommen; vor allem aber: Diese Pläne seien keineswegs reine Phantasiegebilde gewesen, sondern zum Teil bereits vor dem „Endsieg“ erprobt und praktiziert worden, und zwar in dem riesigen Territorium im Osten Europas, das die Deutschen zeitweise erobert und ihrer Herrschaft unterworfen hatten. Aus ihnen könne also rückgeschlossen werden, welches Schicksal der Menschheit zugedacht war, wenn es Hitler-Deutschland gelungen wäre, seine Herrschaft über den ganzen Globus auszudehnen.

Ja, wenn ... Giordano selbst läßt keinen Zweifel daran, daß die Weltherrschaftspläne Hitlers, die ihren sichtbarsten Ausdruck fanden in der Gigantomanie der NS-Herrschaftsarchitektur, auf Sand gebaut waren. Sie litten von Anfang an an einer grotesken Überschätzung der eigenen und an einer grundlegenden Verkennung der gegnerischen Möglichkeiten, vor allem des industriellen Machtpotentials der USA – der Weltmacht, mit der nach Eroberung des europäischen Kontinents und eines kolonialen „Ergänzungsraums“ in Mittelafrika der „Endkampf“ um die Weltherrschaft ausgefochten werden sollte.

Dennoch gab es, wie Giordano nachweist, eine Phase des Krieges, in der sich die NS-Führung ihrem Ziel schon recht nahe wähnte: nach den ersten großen Siegen des Ostfeldzugs im Sommer 1941, als der Zusammenbruch der Sowjetunion nur noch eine Frage der Zeit schien. Jetzt nahmen die Pläne für die „Neuordnung“ Europas und der Welt konkrete Gestalt an. Was der Autor aus den verschiedenen Ressorts zusammengetragen hat, macht die Konturen eines zweiten Holocaust sichtbar, dessen Größenordnung den ersten noch bei weitem übertreffen sollte.

Eine Schlüsselrolle weist Giordano in diesem Zusammenhang dem sogenannten „Generalplan Ost“ zu. Er sollte die Voraussetzungen für die rücksichtslose Germanisierung der besetzten Territorien im Osten schaffen – durch Versklavung, Vertreibung und Liquidierung der dort ansässigen Bevölkerung. Wissenschaft und politische Kriminalität, bürokratische Effizienz und Rassenwahn verbanden sich hier zu einer „Vernichtungsmaschinerie, wie sie die Weltgeschichte bis dahin noch nicht gesehen hatte“. In dieser Kodifizierung nationalsozialistischer „Raumpolitik“ sieht der Autor den Herrschaftsentwurf für das künftige „Großgermanische Weltreich“, die „schlußgeschichtliche Einstufung der Erdregionen nach der Rassenideologie der Nazis“. Daß diese Pläne scheiterten, verdanken wir in erster Linie der Widerstandsfähigkeit der sowjetischen Völker. Endlich sagt es hierzulande einer ohne Wenn und Aber: „Es bleibt das welthistorische Verdienst der Sowjetunion, der Militärmacht des nationalsozialistischen Deutschland die entscheidenden Schläge an der Hauptfront des Zweiten Weltkrieges versetzt und damit zu einer Niederlage beigetragen zu haben, wie sie so vollständig in der Geschichte nicht ihresgleichen haben dürfte.“

Um so mehr kann man Zorn und Bitterkeit des Autors über das nachempfinden, was er im Epilog den „gespaltenen Endsieg“ nennt: Zwar habe Hitler den Krieg verloren, nicht aber die Funktionseliten des NS-Staates, die ihm bei allen seinen Projekten und Unternehmungen zur Hand gegangen waren. Sie seien die eigentlichen Gewinner des Nachkriegs – dank der Strategie der Westalliierten, den von ihnen besetzten Teil Deutschlands als Vorposten in einem nun gegen die Sowjetunion gerichteten neuen Bündnissystem umzuwandeln.

Wie schon in „Die zweite Schuld oder Von der Last ein Deutscher zu sein“ macht der Autor auch in seinem neuen Werk von den Ergebnissen historischer Spezialstudien recht großzügig Gebrauch. Doch er tut dies nicht versteckt, sondern nennt seine Gewährsleute und stattet ihnen seinen Dank ab. Sein großes Verdienst ist, zusammengedacht und zusammengefaßt zu haben, was bislang in isolierter, nicht selten künstlich voneinander abgeschotteter Einzelforschung vergraben, jedenfalls einem breiten Publikum kaum bekannt war. Jeder kann sich jetzt anhand dieses Buches ein präzises Bild machen von der entfesselten kriminellen Dynamik eines Regimes, die, wäre sie nicht gebremst worden, tatsächlich das Ende einer menschlichen Welt bedeutet hätte.

Volker Ullrich