Jürg Federspiel setzt bis in den neuesten Text hinein Wörter, Worte, die ganze Geschichten bedeuten, fixiert Geschautes und Gehörtes im engsten Bereich – unglaublich und kaum zu fassen ist das Nächste, das unmittelbar Bedrängende, die simplen Einsichten sind es, die zutiefst subjektiven, persönlichen. Mit Federspiels Worten, auf Hemingway gezielt, sich selber treffend: „Die Short Story schildert, minutiös und rapportierend, immer das Nahe, das Nächste, das Nächstliegende, sie vergrößert, beleuchtet, um die Ungeheuerlichkeit des Kleinen, des Mikrokosmos und die Beiläufigkeit, Mensch zu sein, ins Bewußtsein zu bringen.“

Die Ungeheuerlichkeit des Kleinen: Jürg Federspiels ganze Begabung krallt sich von der ersten Story an in das Verlangen, die kleine Welt, den Mikrokosmos, im Brennglas der Benennung sichtbar werden zu lassen. Bis zur Groteske – bis zur Erzählung „Geographie der Lust“, in der das ganze Weltgeschehen, der ganze Erdball sich auf das „strotzenden Hinterteil“ einer enormen Schönheit konzentriert: „Lauras Anblick war einzigartig.“ Schweinigelei als verrückter Bestandteil einer ohnehin verrückten Existenz; die Gürtellinie als große Metapher. Jürg Federspiel beschreibt (beschreibt!) in diesem Roman Menschen und Dinge, die es niemals geben könnte auf dieser Welt und die trotzdem auch im flüchtigsten Moment nicht zur Fiktion werden. Sie sind zwar dem Kopf eines Autors entstiegen – dieser Kopf aber lebt...

Wie die Wahrheit, um die es geht, Satz für Satz, nackte Wahrheit, nackt, entblößte Realität, in Kleinstdosen verabreicht, Wort für Wort, von Zufall zu Zufall. Der gewichtiger ist als Schicksal, Fügung, Vorsehung oder ähnliches: Zufall! Der den Alltag durcheinanderwirbelt und entsetzlich macht, mühevoll.

Federspiel, der Dichter, stellt sich seinen Launen, wußte schon immer, worauf er sich einläßt („Massaker im Mond“): „Auch hierzulande ist der graue Alltag vom Zufall beherrscht, jenem endlosen Zufall, der Ruhe vorheuchelt, Schicksalslosigkeit, und es ist dieser nämliche Zufall, der uns an der nächsten Straßenecke einen belanglosen Bekannten antreffen läßt, der seinerseits belanglose Bekannte besitzt und diese wiederum ... Alles, was geschieht, geschieht unter einem weißen Himmel.“

Auch die Prosa des Jürg Federspiel, der die unerschöpfliche Phantasie des Zufalls als eine literarische Macht erster Güte erkannt hat. Der Zufall als Stilmittel, dramaturgischer Dreh; Motor und Sinn einer Literatur, die auf Unruhe aus ist, auf Bewegung versessen; launiges Vehikel, um keinen Affront verlegen. Wenn man bedenkt, daß es Schriftsteller gibt, die sich gezielt auf Stoffsuche begeben und vor lauter Recherche kaum zum Schreiben kommen, wird der Schweizer Federspiel vollends zur Zumutung. Sein „Stoff“ liegt vor der Haustüre, mitten in den Träumen, lauert an jeder Straßenecke, in jeder Zeitungsdepesche, jedem Subway-Gezänk, haufenweise.

Schriftstellerei als Überlebensübung; Schreiben als Ordnungsmittel und Orientierungspunkt: Federspiel, der bis in den Herzkrampf hinein geforderte Autor, schreibt ums Leben, schreibt und schreibt um die Wette mit der empörenden Wirklichkeit, unterliegt, schreibt weiter, scheitert in einem fort, markiert Präsenz.

Federspiel total. Vergleichbar mit dem schlitzohrigen Johann Peter Hebel, den er mit der „Ballade der Typhoid Mary“ und den Fabeln „Die Liebe ist eine Himmelsmacht“ (1985) auf den aktuellen Stand brachte, gefühlvoll, klug und spaßig aus dem Hinterhalt. Mit Hebel verbindet ihn die Freiheit des Schauens und Erspürens, die ohne Scham und Rücksicht ist, die vorwärtstreibt und weder das Warum noch das Wozu gelten läßt.