"Wer mit Gift kämpft..." – Seite 1

"Im Krieg der Technik siegt der, welcher in einem gewissen Augenblick die überlegene Waffe hat."

Adolf Hitler, 9. Februar 1942

Kunstlicher Nebel wabert über der Front und verwirrt den Gegner. Artillerie und Werfer feuern pausenlos ihre Gassalven auf die feindlichen Linien. Die Luftwaffe belegt Stellungen und Truppenansammlungen mit Gift aus Spruhtanks und Bomben. Von den Einschlagstellen breiten sich tödliche Schwaden aus – weder zu sehen noch zu riechen – und zwingen den Gegner unter Gasmaske und Schutzanzug. Seßhafte Kampfstoffe verseuchen das Gelände, sperren den Weg vor und zuruck.

Gas auch gegen das feindliche Hinterland: Tag und Nacht steuern Bombergeschwader die großen Städte an und werfen ihre chemische Last auf die Zivilbevölkerung. Verdampfender Kampfstoff dringt lautlos in Hauser und Keller, veratzt Lungen und Haut, verwundet und tötet Manner, Frauen und Kinder. Die Vorrate an Schutzausrustung wie Gasmasken und Entgiftungsmittel sind rasch erschöpft, die medizinische Versorgung bricht unter der Last Tausender von Opfern zusammen, im militärischen wie im zivilen Bereich.

So hätten die ersten Tage und Wochen des Zweiten Weltkrieges verlaufen sollen, wäre es nach den Plänen der deutschen Gaskampfstrategen und der chemischen Großindustrie gegangen: ein Gas-Erstschlag gleich zum Auftakt, trotz Genfer Protokoll von 1925, mit dem sich Deutschland und 41 weitere Staaten zum Verzicht auf einen Ersteinsatz von chemischen und auch bakteriologischen Waffen verpflichtet hatten, ein Vernichtungsschlag, um dem Risiko eines längeren Abnutzungskrieges zu entgehen, bei dem Wehrmacht und Wirtschaft von vornherein unterlegen waren.

Das deutsche Kriegsbild bestätigt die große Furcht, die damals umging, nicht nur in Europa: die Angst vor dem "totalen Luft- und Gaskrieg", eine Angst vergleichbar der heutigen vor dem atomaren Holocaust. Doch wider alle Planungen und Befürchtungen blieb der chemische "Blitz" der Wehrmacht bei Kriegsbeginn aus. Mit konventionellen Waffen fielen die Deutschen in Polen ein, und so ging es auch weiter, als Frankreich und England Hitlers Fehdehandschuh aufnahmen.

Für die Gasstrategie kam der Krieg zu früh, es fehlte schlicht an Kampfstoffen und Produktionsanlagen. Den Mangel schnellstens beheben, hieß deshalb die Devise im September 1939. Vor allem galt es, wie Hitler unterstrich, den neuen Kampfstoff Tabun zu produzieren.

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Dieses Nervengas, ein völlig neuartiger Typ von Ultragift, mit schneller Wirkung über Atemorgane und durch die Haut, in winzigen Mengen tödlich, nahezu farb- und geruchlos, war der ideale Kampfstoff. Nach ihm hatte man in Labors in aller Welt seit dem Aufkommen der Gaswaffe im Ersten Weltkrieg gesucht. Dank der Erfindungsgabe von I.G.-Farben-Chemikern befand er sich nun in deutscher Hand. Er sicherte dem Deutschen Reich bei den Gaswaffen eine qualitative Überlegenheit, war eine "Art Lebensversicherung", die bei "Versteifung der Lage" in Anspruch genommen werden sollte. Mit anderen Worten: Die Gaswaffe diente weiterhin nicht nur zur Abschreckung und eventuellen Vergeltung, sondern die Option für den Ersteinsatz wurde aufrechterhalten.

Mitte 1942 stand Tabun zum Großeinsatz bereit, und sofort befahl Hitler die Vorbereitung des Gaskampfes gegen Rußland, um sich den zähen Gegner im Osten mit chemischen Mitteln endlich vom Leibe zu schaffen. Termin: 30. April 1943. Als es dann aber soweit war, schreckte Hitler zurück, ließ jedoch weiterrüsten. Selbst angesichts der totalen Niederlage konnte er sich trotz Drängens seiner engsten Berater nicht dazu durchringen, die "Lebensversicherung" einzulösen.

Der Krieg ging zu Ende, aber das große Vergasen hatte es nicht gegeben, jedenfalls nicht auf den Schlachtfeldern. Warum ließ Hitler seine schärfste Geheim- und Wunderwaffe militärisch ungenutzt? Und weiter, höchst aktuell und keineswegs nur akademisch interessant: Funktionierte in diesem Fall das Prinzip der Abschreckung durch Vergeltungsdrohung mit gleichen Mitteln? – Fragen, die bis heute von den Historikern nicht überzeugend beantwortet, allerdings auch nicht angemessen untersucht worden sind.

  • Hitler habe überhaupt nie ernsthaft geplant, zur chemischen Waffe zu greifen, auch die Wehrmacht sei immer dagegen gewesen. So die Nachkriegserklärung deutscher Gaskampfexperten, eine Behauptung, die in die Geschichtsschreibung Eingang gefunden hat.

Die Akten beweisen anderes.

  • Hitler habe eine besondere Abneigung gegen die C-Waffe gehabt, wohl wegen seiner Gasverwundung im Ersten Weltkrieg.

Das ist eine immer wieder verbreitete Mär. Eher trifft das Gegenteil zu: Hitler ließ sich regelmäßig über die Rüstungs- und Forschungsfortschritte informieren, in Sondervorführungen im kleinsten Kreis überzeugte er sich von der Wirksamkeit seiner Kampfstoffe. Für Hitler war Giftgas eine Hauptwaffe wie U-Boot, Flugzeug und Panzer, dazu ein Mittel, das besonders geeignet war, die verhaßtesten Gegner zu vernichten. Zyklon B, das Mordmittel in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern, war schließlich nichts anderes als die auch als Kampfstoff vorgesehene Blausäure, gebunden in Kieselgur.

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  • Die deutsche C-Rustung sei völlig unzureichend gewesen, schon von daher habe sich ein Einsatz von selbst verboten, so ein weiteres Argument.

Die Alliierten kamen nach Kriegsende zu einem ganz anderen Urteil: Sie sahen ihre schlimmsten Befürchtungen über das Potential und den Erfindungsreichtum der Deutschen noch übertroffen. Die große Quantität an alliierten Gaswaffen wurde von den Deutschen qualitativ wettgemacht.

Gab es also ein Gleichgewicht des chemischen Schreckens, das Hitler vor dem Gaseinsatz zurückzucken ließ? Diese These wurde erst jüngst auch von Befürwortern der amerikanischen C-Waffen-Modernisierung als gesicherte Erkenntnis und Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg ins Feld geführt.

Nun, so einfach war es wohl nicht. Von schlichter Buchhaltung, wie sie seine Generäle im konventionellen Bereich zum Beispiel aufmachten, ließ sich Hitler nicht beeindrucken: Sonst hätte er den Krieg gar nicht beginnen dürfen. Die Rechnung war viel komplizierter. Der moderne technisch-industrielle Krieg hatte bereits ungeheure Energien und Ideen in Köpfen und Labors freigesetzt, schon längst waren furchtbare Schwestern der "alten" Gaswaffe gezeugt worden.

Mochte Hitler auch anfangs glauben, mit seinen Blitzkriegsarmeen an der Spitze des "Fortschritts" zu marschieren, so haben ihn diese Entwicklungen bald eingeholt und am Ende überwältigt. Er mag es geahnt haben, wenn er kurz nach dem Angriff auf Rußland im engsten Kreis eingestand: "Am 22. Juni hat sich uns ein Tor geöffnet, von dem wir nicht wußten, was dahinter liegt. Wir mußten mit einem Gas- und Bakterienkrieg rechnen, und die Ungewißheit lastete wie ein Grauen auf mir."

Während Hitler die bakteriologisch-biologische Kriegführung offensichtlich noch als Störfaktor für seine Pläne ins Kalkül einzubeziehen vermochte, reichte seine Vorstellungskraft für die neueste Revolution der Kriegstechnik, die Atombombe, nicht aus. Die Vorahnung eines neuen Zeitalters, die Vorbereitung der Entfesselung der Kernkraft, machte ihn ratlos. Er zog es vor, sie zu ignorieren. Auch zur B-Waffe fand Hitler keinen rationalen Zugang, aber wegsehen konnte er in diesem Falle nicht, weil von ihr seine Entscheidungsfreiheit in der Gaspolitik abhing.

Bakteriologisch-biologische Kriegführung, der militärische Einsatz lebender Organismen und ihrer giftigen Produkte, um Krankheit und Tod bei Mensch, Tier und Pflanze auszulösen – was jedem Menschen eigentlich ein Alptraum ist, war manchem Wissenschaftler und Offizier eine eiskalte Berechnung wert. Angst, Panik, Massentod, Zusammenbruch des Gegners und seiner Nahrungsgrundlagen – keine Waffe schien diese Ziele besser, billiger, heimtückischer zu garantieren.

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Doch es fehlte lange Zeit an Methoden, die Krankheitserreger massenhaft zu züchten, sie virulent an den Gegner zu bringen. Es mangelte an Impfstoffen und Behandlungsmethoden für die eigenen Leute; ausreichender Schutz vor der eigenen Waffe war aber Voraussetzung, denn eine Epidemie konnte leicht auf den Erzeuger zurückschlagen. Erst wenn weitreichende Waffenträger das Kampfmittel fernab der eigenen Front abladen konnten, war an B-Krieg ernsthaft zu denken.

Im Ersten Weltkrieg hielt mancher diesen Zeitpunkt schon für gekommen. Die Träger – Luftschiff und Flugzeug – waren vorhanden, moralische Hemmungen mit dem Abblasen und Verschießen von Giftgas längst hinweggeweht. Auf deutscher Seite wurde 1916 der Plan entwickelt, von Luftschiffen aus über London Glasbehälter mit Pesterregern auszukippen: Der "schwarze Tod" würde die Engländer demoralisieren. Das Vorhaben wurde verworfen, als die militärärztliche Führung mit Fachautorität klarmachte, diese Methode sei ohne Erfolgsaussichten.

Anders war es dagegen mit dem Agenteneinsatz. Vor der Verseuchung alliierter Pferdetransporte scheute man nicht zuruck. Damit gaben die Deutschen ein schlechtes Beispiel, das im nächsten Weltkrieg in weit schlimmerer Form auf sie zurückschlagen sollte. Wenn Deutschland, das damals die Spitzenstellung in der medizinischen Forschung einnahm, mit der B-Waffe liebäugelte, warum sollten dann die anderen die Finger davon lassen? Das Experimentieren ging nach 1918 erst richtig los. Alle Versuche, diese unheilvolle Entwicklung durch völkerrechtliche Absprachen zu stoppen, schlugen letztlich fehl. Nur den Ersteinsatz von B- und C-Waffen verbot man im Genfer Protokoll, nicht jedoch Entwicklung, Produktion und die Verwendung als Vergeltungsmittel.

Während Deutschland die Gaswaffe verbesserte, konzentrierten sich andere gleich auf die höhere Form der Massenvernichtung. In Rußland wurde mit Bakterienbomben experimentiert, mit Pest und Cholera sowie Milzbrand. Frankreich machte sich daran, das gesamte Spektrum des B-Krieges gegen Mensch, Tier und Pflanze abzudecken. Eine Waffe war 1939 bereits fertig: In Reims war eine geheime Armee zum Angriff auf die boches aufgestellt, schwarzgelb gestreift und flugbereit: Massen von Kartoffelkäfern, extra gezüchtet, um die Kartoffelesser östlich des Rheins in die Hungersnot zu treiben. In England ging man weiter; Anlaß oder Vorwand waren Zeitungsmeldungen über eine angebliche deutsche B-Rüstung. Die Briten favorisierten Milzbranderreger gegen Tier und Mensch, außerdem Botulinus-Toxin, die giftigste Substanz, die damals bekannt war.

Die Verwandtschaft von B- und C-Krieg brachte die Briten dazu, auch eine praktisch-technische Kombination auszuprobieren, indem sie Chemikalien zur Pflanzenvernichtung zusammenbrauten. Sie waren es auch, die im Krieg dem polnischen und tschechischen Widerstand bei seinem Gift- und Bakterienkampf gegen die Deutschen mit Rat und Tat zur Seite standen. Die Palette dieser verdeckten Kriegführung (die auch von den russischen Partisanen praktiziert wurde) reichte von Typhus-Bazillen, gestreut auf das Essen eines deutschen Maschinenbaudirektors, bis zum Attentat auf Reinhard Heydrich, Hitlers rechte Hand, der einer in England mit Botulinus präparierten Handgranate zum Opfer fiel.

Was machten die Deutschen auf dem B-Sektor? Äußerst bruchstückhaft waren bisher unsere Kenntnisse. Im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß war das Thema eine auffallend kurze Episode. Die Amerikaner verschlossen die erbeuteten Akten über die deutsche B-Forschung für Jahrzehnte in ihren Archiven. So konnten über Hitlers andere Geheimwaffen wie Raketen und Düsenjäger viele Bücher geschrieben werden, die deutsche B-Waffe blieb ein Rätsel und geriet in Vergessenheit. Die umfangreichen deutschen Akten darüber sind noch immer im Besitz der Alliierten, ihre gründliche Auswertung steht erst am Anfang. Das Thema ist sicherlich für Medizinhistoriker und andere Spezialisten interessant, doch für eine isolierte Betrachtung eignet es sich nicht. Denn es ist der Schlüssel für Hitlers Gaskriegspolitik und damit entscheidend für Gestalt und Verlauf des Zweiten Weltkrieges.

Zurück ins Jahr 1939, als Hitler am 1. September im Reichstag dröhnte: "Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten! Wer mit Gift kämpft, wird mit Giftgas bekämpft." Das war eine selbstbewußte und wirkungsvolle Drohung mit seiner Gaswaffe, unter deren Schutz er seinen Blitzkrieg führen wollte.

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Die scheinbare Absage an den Einsatz der Massenvernichtungswaffe, am 3. September auch seitens Englands und Frankreichs, bedeutete nicht mehr als eine Beruhigungspille für die Bevölkerung. Hinter den Kulissen wurden die Vorbereitungen für den Einsatz alter und möglicher neuer Mittel vielmehr beschleunigt. Engländer und Franzosen gingen dabei weiterhin von der in den frühen dreißiger Jahren geborenen Fehleinschätzung Hitlerscher Massenvernichtungswaffen aus. Als Hitler Mitte September in Danzig mit einer neuen Geheimwaffe drohte, wurde als erstes auf Bakterienkrieg getippt.

Ein neuartiges Giftgas folgte für die Analytiker des britischen Geheimdienstes an zweiter Stelle. Fernraketen setzten sie auf die fünfte Position ihrer Liste. Von der Uran- oder Atombombe war noch nicht die Rede, obwohl über diese Möglichkeit bereits von Wissenschaftlern und Militärs zumindest diskutiert wurde, gerade auch in Berlin.

Die Drohung mit der C-Waffe funktionierte allerdings nur bis zum deutschen Sieg über Frankreich. Die Franzosen nahmen ihre Niederlage hin, die Kartoffelkäfer blieben in ihren Brutkästen, die Gasbomben und Granaten im Depot. Anders dagegen England: Für den Fall einer deutschen Invasion war Premierminister Churchill entschlossen, Gas als erster einzusetzen – auch um den Preis der Völkerrechtsverletzung und der wahrscheinlichen Vergeltung. Die Entschlossenheit Churchills wurde nicht auf die Probe gestellt. Denn schon beim vorangehenden Kampf um die Luftherrschaft verloren die Deutschen so viele Flugzeuge, daß Hitler jede Lust an einem Landungsversuch verging. Aber auch seine Gaswaffe war damit flügellahm geworden, denn jede abgeschossene Maschine bedeutete einen Träger weniger für Gasbomben.

Die nächste Hiobsbotschaft kam aus Le Bouchet in der Nähe von Paris. Die Dokumentenjäger der Wehrmacht machten einen alarmierenden Fund: den Beweis, daß Franzosen und Briten den Bakterienkrieg für möglich hielten und sich entsprechend präpariert hatten.

Die herbeigeeilten deutschen Seuchenspezialisten, die bis dahin dem B-Krieg wenig Aussichten eingeräumt hatten, waren tief beeindruckt. Sie machten eine volle Kehrtwendung. Umgehend wurden Seuchen Vorsorge und Bekämpfung von Tier- und Pflanzenkrankheiten verstärkt. Überstürzt entwarf man ein eigenes Nachrüstungsprogramm. Jede Hilfe war dabei willkommen. Die Japaner, einst eifrige Schüler der großen Bakteriologen und Mediziner wie Robert Koch, gaben ihre Erfahrungen aus der B-Kriegsforschung weiter.

Ein deutscher Angriffsplan gegen England war schnell zur Hand. Duch die Verbreitung von Maul- und Klauenseuche wollte man die wichtigsten Nutztierbestände auf den Britischen Inseln erledigen und somit England schneller aushungern. Die Deutschen mußten eine Vergeltung mit Rinderpest einkalkulieren, aber es schien sie nicht abzuschrecken. Deutlicher Hinweis dafür: Generalstabschef Franz Halder interessierte sich für den Plan, allerdings hatte er es damit nicht eilig. Denn jetzt ging es erst einmal um Rußland.

Auch dieser Fall sollte ohne Massenvernichtungswaffen erledigt werden; dem Gegner wollte man keine Gelegenheit geben, seine vorhandenen Gaswaffen und möglichen B-Mittel zu verwenden. Halder notierte im Juni 1941 kurz vor dem Angriff: "Ich erwarte Absprühen und örtliche Vergiftungen. Für Gasverwendung großen Stils dürfen wir dem Feind die Zeit nicht lassen." – Es gilt festzuhalten: Was der Generalstabschef nüchtern durchrechnete, löste bei Hitler stärkere emotionale Reaktionen aus.

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Ein halbes Jahr später war zwar Halders Gas-Rechnung aufgegangen, aber die konventionellen Mittel reichten offenkundig nicht aus, den Gegner im Osten endgültig niederzuwerfen. Hitler sah auf sich zukommen, was er immer als den größten Fehler des Ersten Weltkrieges bezeichnet hatte: einen langen Abnutzungskrieg, den Deutschland mit herkömmlichen Mitteln nicht gewinnen konnte.

Mit dem Kriegseintritt Amerikas wurde die Hoffnung auf einen Endsieg völlig illusionär. Die Amerikaner bauten eine überlegene konventionelle Streitmacht auf und machten sich in enger Zusammenarbeit mit den Briten sofort auch daran, Massenvernichtungsmittel jeder Art und Größenordnung zu entwickeln und zu produzieren.

Die Deutschen dagegen blieben bei ihrem alten C-Programm. Bei den B-Waffen steckte man noch immer im Laborstadium und im Kompetenzstreit zwischen untergeordneten Abteilungen. Auch in der Uran-Forschung hatte sich nichts Wesentliches getan. Jenseits des Atlantiks hatte die Nationale Akademie der Wissenschaften bereits im November 1941 die Entwicklung der Atombombe empfohlen. Im Februar 1942 folgte ein ausführliches Programm für B-Waffen. Experten reisten nach England, um den ersten Schritt des biologischen Krieges vorzubereiten. Die Amerikaner lieferten dazu Texasfieber-Zecken gegen Rinder; auch Kartoffelkäfer wurden nach England gebracht, die dort wegen der Insellage und guten Schutzes praktisch nicht vorhanden waren. Die Briten ihrerseits begannen mit der Produktion von mehreren Millionen "Keksen" als Tierfutter, gefüllt mit Milzbranderregern. Vorgesehenes Einsatzziel: deutsche Viehweiden. Versuche hatten ergeben, daß die meisten der abgeworfenen "Kekse" gefressen wurden und daraufhin achtzig bis hundert Prozent der Tiere verendeten. Solche Tests, auch mit Rotz-Erregern, hatten die Briten bereits 1941 in Nordschottland veranstaltet, weitere Versuche liefen in Kanada und in Indien.

In London und besonders in Washington sah man einen BC-Krieg gegen Pflanzen und Tiere als zulässig an. Ihre Argumentation (von den Amerikanern bis zum Vietnam-Krieg aufrechterhalten): Durch das Genfer Protokoll sei nur die direkte Anwendung gegen Menschen verboten, die Vernichtung von Nahrungsmitteln durch Chemie oder Schädlinge und Erreger treffe den Gegner aber nur indirekt. Aushungern sei im Krieg schon immer gang und gäbe gewesen.

Von dieser (eigenwilligen) Völkerrechtsinterpretation zur totalen B-Rüstung und zum später vorgesehenen Einsatz war der Schritt nicht allzu weit. So wurde im Sommer 1942 aus der britischen Milzbrand-Waffe gegen Nutztiere ein Massenvernichtungsmittel gegen menschliche Ziele. Amerikanische Beobachter waren dabei, als auf der schottischen Insel Gruinard die erste "N-Bombe" (Deckname: N = Nordpol) erfolgreich getestet wurde – an Schafen. Die Bombe verstreute getrocknete Milzbrandsporen, die eingeatmet eine meist tödlich endende Lungeninfektion verursachten. Besonderer militärischer Vorzug dieser Erreger: Es gab keine effektive Immunisierung, sie waren äußerst widerstandsfähig gegen Umwelteinflüsse, sie verseuchten das betroffene Gebiet über Jahrzehnte und machten es unbewohnbar.

Die B- und A-Aktivitäten blieben trotz größter Geheimhaltung Hitler nicht verborgen. Die Meldungen seines erstaunlich gut informierten Geheimdienstes zwangen ihn, über die Frage der Massenvernichtungsmittel erneut nachzudenken. Rüstungsminister Speer trug ihm im Mai 1942 über die Möglichkeit der Uran-Bombe vor. Doch der "Führer" winkte ab. Ob aus Unverständnis für die revolutionäre Technik, ob aus Abneigung gegen die "jüdische" Kernphysik oder aus sonstigen Gründen: Nazi-Deutschland war damit jedenfalls aus dem A-Rennen.

Die Wehrmacht verlangte nun wenigstens entscheidende Fortschritte auf dem B-Sektor, um im Spiel von Abschreckung und Vergeltung nicht total abgehängt zu werden. Als Ziel für eine biologische Offensive hatte man, wie im Vorjahr, speziell England im Visier. Doch Hitler lehnte ab. Am 23. Mai teilte der Generalstab des Heeres mit, "daß der Führer nach Vortrag des Chefs OKW (Oberkommando der Wehrmacht) befohlen hat, daß unsererseits Vorbereitungen für einen Bakterienkrieg nicht zu treffen sind. Der Führer fordert aber äußerste Bemühungen um Abwehrmittel und Abwehrmaßnahmen..."

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Diese erste klare Entscheidung Hitlers gegen die Entwicklung einer eigenen B-Waffe hielt die Experten nicht davon ab, solche Möglichkeiten zu studieren, denn jede Abwehr, so ihre Argumentation, setze die Kenntnis der Angriffsmethoden voraus. Die angesichts der zunehmenden Bedrohung jetzt eigentlich notwendige organisatorische Zusammenfassung der Forschungen unterblieb jedoch ebenso wie die Forcierung der B-Rüstung mit einer offensiven Komponente.

Vielleicht hatte Hitler die Bedeutung dieser neuen Massenvernichtungswaffe noch gar nicht ganz begriffen. Denn er nahm noch immer an, mit seiner endlich einsatzbereiten C-Waffe in Kürze zuschlagen zu können. Am 13. Mai 1942 hatte Generalstabschef Halder den Einsatz von Giftgas gegen die russischen Partisanen beantragt. Der "Führer" lehnt dieses Kleckern ab, er will klotzen.

Der strategische Plan wird im Generalstab entworfen. Man ist überzeugt, die Gaswaffe werde "gerade den Sowjets gegenüber ganz große Erfolge bringen und ... beim Endkampf durch ihre große seelische Wirkung zu einer raschen Beendigung des Krieges führen". Am 30. Juni befiehlt Hitler die Vorbereitung auf den Gaskampf unter größtmöglicher Tarnung. Im Bereich des Heeres wird die Kampfstoffproduktion hochgefahren, die Vorbereitung der Truppe "mobilmäßig" organisiert, von September an Tabun an Luftwaffe und Heer ausgeliefert.

Dieser Befehl wurde erteilt, ungeachtet einer massiven britischen Drohung. Am 10. Mai hatte Churchill über Rundfunk vor einem unprovozierten Gaseinsatz an der Ostfront gewarnt und Vergeltung mit gleichen Mitteln gegen deutsche Städte angekündigt. Damit war er einem Wunsch Stalins nachgekommen. Zugleich beugte er in eigener Sache vor: Hitler sollte davon abgehalten werden, auf den strategischen Luftkrieg, den die Engländer Ende März 1942 mit dem Angriff auf Lübeck gestartet hatten, seinerseits mit Gas zu antworten.

Gegen Rußland sahen die deutschen C-Planungen zweierlei vor: die Ausschaltung des bisher erfolglos belagerten Leningrads im Norden und einen Gasschlag im Mittelabschnitt im nächsten Frühjahr, um die Erfolge der gerade anlaufenden Offensive im Süden zu vollenden. Danach, so mochte Hitler glauben, konnte er seinen geplanten Ostwall errichten, der, geschützt durch schwer zu überwindende Kampfstoffsperren, mit wenig Aufwand zu halten war. Das würde es ihm ermöglichen, in seiner "Festung Europa" die Kräfte gegen den Westen umzugruppieren.

Dies alles sieht noch nach einem durchdachten Kriegskonzept aus. Doch während die deutschen Armeen schon auf Stalingrad zumarschierten, wurde solchen Überlegungen der Boden entzogen. Wie weiland Rudolf Heß wechselte diesmal ein russischer Hauptmann, ein Volksdeutscher, mit dem Flugzeug die Seite. Im Gepäck des "Überläufers" namens Dr. Aper steckte eine Fülle von Informationen über die russische B-Rüstung: Details über Bakterienbomben und Milzbrand-Fabriken. Sie mußten als echt angesehen werden.

Wieder einmal waren die deutschen Experten tief beeindruckt und alarmiert. Im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht wurde notiert (nicht ganz korrekt in den Angaben über den Informanten): "Nach Aussage eines russischen gefangenen Kompagniechefs beschäftigt sich der Russe eingehend mit dem bakteriologischen Krieg, in erster Linie mit der Verbreitung von Pest-, Milzbrand- und Typhusbazillen. Der Führer entscheidet, daß bei uns nichts dergleichen unternommen werden soll."

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Von dieser starren Haltung rückte Hitler auch nicht ab, als sich aus weiteren Quellen der Eindruck verstärkte, daß Stalin bei einem Überschreiten der Wolga zur B-Waffe greifen würde. Ein starkes Indiz dafür war: Stalin ließ die Verteidiger "seiner" Stadt gegen Pest impfen. Eiligst schafften auch die Deutschen große Mengen Impfstoff nach vorne. Aber der Ernstfall blieb wieder einmal aus, denn die 6. Armee, der es sonst an allem mangelte, kam noch nicht einmal an Stalins deadline heran. Ihr dramatischer Untergang war ein Menetekel, daß die Deutschen mit konventionellen Mitteln keine Schlacht mehr gewinnen konnten.

Dies bestärkte Hitler und Wehrmacht, die C-Kriegsplanung abzuschließen. Gas schien das einzige Mittel, um der russischen Menschenmassen Herr zu werden. Man dachte an "totalen Krieg". Ende Januar 1943 spricht sich die Luftwaffe "grundsätzlich zur chemischen Luftkriegführung" aus. Am 9. Februar bekräftigt das Oberkommando der Wehrmacht den Befehl: "Die vom Führer angeordnete Bereitstellung der Kampfstoffmunition und ihr Vorziehen in die befohlenen Räume ist abzuschließen." – 20. Februar: Für den Gaskrieg wird die Tarnbezeichnung "Kristallvase" herausgegeben. Der Termin 30. April bleibt.

Die Vorbereitungen für den Bakterienkrieg erhalten den Decknamen "Blitzableiter". Die Wehrmacht ist stärker denn je überzeugt, daß Hitler sein Verbot offensiver B-Vorbereitungen revidieren muß, "da Rußland, England und Amerika einen Angriff mit B-Mitteln zu planen scheinen und Frankreich ihn vorbereitet hatte. In Deutschland sind dagegen die fabrikatorischen Vorbereitungen, die praktische Erprobung und die Bereitstellung von Mitteln völlig ungenügend. Der Wehrmachtführungsstab schlägt vor, unbeschadet der Absicht, den B-Krieg nicht zu führen, Vorbereitungen zu treffen, die nach kurzem Anlauf einen wirksamen Gegenschlag mit B-Mitteln erlauben, und wirft die Frage auf, ob durch Agenten B-Mittel schon jetzt im Hinterlande eingesetzt werden sollen. Zielsetzung, Leitung und Aufgabenverteilung sind erst nach Entscheidung des Führers möglich."

Aber Generalfeldmarschall Keitel stieß mit seinem Vortrag auf taube Ohren. Hitler reagierte schroff und halsstarrig. Sogar den Agenteneinsatz lehnte er ab, obwohl seine Feinde ihre Gift- und Bakteriensabotage zunehmend praktizierten. Keinem gelang es, Hitler umzustimmen, auch nicht dem Forschungschef des Oberkommandos, Professor Erich Schumann.

Eine Arbeitsgemeinschaft "Blitzableiter" wurde gebildet. Keitel sorgte mit Strenge dafür, daß man sich ausschließlich mit Abwehr und Schutz befaßte. Darüber hinaus setzte Göring, Oberbefehlshaber der Luftwaffe, mit Unterstützung Keitels den stellvertretenden Reichsärzteführer Professor Kurt Blome als seinen Bevollmächtigten für Fragen des B-Krieges ein. Was damit gemeint war, blieb zunächst offen. Keitel stimmte zu, denn er rechnete mit der Notwendigkeit von Menschenversuchen, und mit diesem schmutzigen Geschäft sollte die Wehrmacht nicht belastet werden.

Heinrich Himmler, der Reichsführer SS, stellte dafür gerne seine Möglichkeiten zur Verfügung. Seine Leute machten schon seit längerem in den Konzentrationslagern ihre teuflischen Experimente mit Kampfstoffen, Giften und Bakterien. Himmler kam mit Blome ins Gespräch; er versicherte ihm jede Unterstützung für den Aufbau eines Forschungs- und Entwicklungszentrums in Nesselstedt bei Posen. Besonders an der Pest war ihm gelegen. Ob Himmler damit das B-Verbot des "Führers" unterlaufen wollte, läßt sich nicht entscheiden. Reibereien und Konkurrenz verhinderten, wie nicht selten in der deutschen Kriegswirtschaft, rasche Fortschritte. Nesselstedt jedenfalls wurde nie fertig.

Professor Heinrich Kliewe, einer der führenden Hygieniker und seit 1941 in der Heeressanitätsinspektion treibende Kraft der B-Waffenforschung, hoffte einige Zeit, Keitel, Himmler und Göring zu einem gemeinsamen Vorstoß bei Hitler zu bringen. Kliewe konnte sich das Veto Hitlers nur so erklären, daß der "Führer" nicht ausreichend informiert sei. Offenbar hat Hitler seine Ablehnung nie begründet. Das spricht dafür, daß er die B-Waffe aus irrationalen Gründen zurückwies und keinen rationalen Kriegsplan mehr besaß.

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Dies macht auch ein Blick auf die Argumentation der Alliierten deutlich. In Amerika gutachtete die Akademie der Wissenschaften im Juni 1942: "Es wäre vernünftig, diese Waffe als Vergeltungsmöglichkeit zu entwickeln ... Die beste Vorbeugung gegen den feindlichen Einsatz ist die eigene umfassende Vorbereitung." Und in England hieß es im Februar 1944: "Das einzige Abschreckungsmittel wäre unsere Fähigkeit, zurückzuschlagen. Die Generalstabschefs stimmen ... darin überein, daß wir es uns nicht leisten können, keine N-Bomben in unserem Waffenarsenal zu haben."

Unterstellt man, diese Entscheidungen für den Bakterienkrieg seien nach Diskussionen in politischen, militärischen und wissenschaftlichen Gremien rational begründet, wie ist dann das kategoische Nein, gefällt von einsamer, selbstherrlicher "Führer"-Warte, zu bewerten? Er handelte nicht nur militärischer Logik und den Forderungen der Wehrmacht zuwider, sondern auch im völligen Gegensatz zu seiner Gas-Politik, wo er ständig nach Überlegenheit strebte. Seine Haltung bei den Bakterienwaffen war so, als hätte er für den C-Krieg nur Masken, Schutzanzüge, Entgiftungsmittel und Medikamente bereitstellen lassen, aber Kampfstoffe verboten. Abwegig, unsinnig, selbstmörderisch hätte man das genannt. Wäre Hitler so gegen Gas gewesen, wie ihm angedichtet wurde, dann hätte er wohl derart gehandelt.

Vor diesem Hintergrund gefragt: Gab es eine solche Aversion gegen den Bakterienkrieg? War Hitlers "Bakteriophobie" (Professor Schenck) dafür ein Grund? Spielte Hitlers tief eingegrabene Assoziationskette "Krankheitserreger, Bazillen, Bakterien = Juden", die vernichtet werden mußten, eine Rolle? Schloß dieser wahnhafte Haß eine Zustimmung zur massenhaften Züchtung und Verbreitung von Krankheitserregern aus?

Glaubte Hitler, das Konzept "Abschreckung/Vergeltung mit gleichen Mitteln" außer Kraft setzen zu können und mit einer einzigen Massenvernichtungswaffe auszukommen? Ein riskantes Spiel. Wenn Hitler meinte, Tabun sei gleichwertig mit Milzbrand- oder Botulinuswaffen, dann war er schlecht beraten. Das Nervengas war zwar ein Superkampfstoff, aber schon der Milzbrandbombe deutlich unterlegen. Ein Tabun-Angriff auf London hätte zwar Panik erzeugt und Tausende getötet, aber das Gift wäre nach wenigen Tagen verflogen gewesen. Eine Milzbrandattacke auf Berlin hätte den Verlust der gesamten Stadt bedeutet, sie wäre wohl heute noch unbewohnbar. Die Briten kamen zu der Bewertung: Die N-Bombe ist in der Wirksamkeit nur mit der Atombombe vergleichbar, dabei aber unvergleichlich einfacher und billiger herzustellen.

Im Poker von Abschreckung und Vergeltung bedeutete der Verzicht auf Bakterienwaffen, daß sich Hitler seine Wunderwaffe Tabun selber aus der Hand schlug. Wenn er zu Gas griff, konnten die Gegner allein mit der Drohung, eine Stufe höher Vergeltung zu üben, die Einstellung des C-Krieges erzwingen: Hitler hätte ja nichts entgegenzusetzen gehabt. Sein Dilemma war, B nicht zu wollen und damit C nicht zu können. Im Frühjahr 1943 muß ihm das klar geworden sein: Der Termin 30. April 1943 verstrich, ohne daß der fällige Befehl zum Gaseinsatz kam.

Der Verzicht auf eine B-Offensivwaffe bedeutete praktisch eine Einladung zum Angriff, wenn der Gegner den Mangel bemerkte. Darum mußte das Fehlen unbedingt verheimlicht werden. Wo die Mittel fehlten, hatten Propaganda und Nachrichtenspiele des Geheimdienstes auszuhelfen. Sie mußten dem Gegner vorgaukeln, Deutschland sei auch auf diesem Sektor bestens vorbereitet. So erstaunt es nicht, daß bis Kriegsende gefangene deutsche Soldaten sowie alliierte Geheimdienstquellen in einem ständigen Strom von Meldungen über B-Waffen und Einsatzabsichten Deutschlands berichteten. Hitler selber beschäftigte sich mit solchen Abschreckungsmanövern und -finten – ein Hinweis, daß er sich der Konsequenzen seiner Haltung bewußt war. Ob in allen Teilen gesteuert oder nicht: Der deutsche Bluff gelang. Dazu trug auch bei, daß die Alliierten glauben wollten: Für sie war es unvorstellbar, daß Hitler, dem das Schlimmste zuzutrauen war, auf diese mächtige Waffe verzichten könnte. Der Geheimdienst der amerikanischen Armee resümierte im April 1944: "Sieht man die Berichte über deutsche Absichten zum B-Krieg im Zusammenhang mit den vielen Informationen über die geheime Raketenwaffe als Träger von B-Kampfstoffen gegen England, so mögen diese Informationen sehr wohl vom Feind wegen des psychologischen Effektes initiiert sein ... Die Zahl und Verschiedenartigkeit der Meldungen lassen (jedoch) wenig Zweifel an Deutschlands Interesse an B-Waffen und ihrer Entwicklung ... Es ist sehr gut vorstellbar, daß es mit dem biologischen Krieg beginnt, unmittelbar vor oder bei der Invasion ..."

Amerikaner und Briten hatten triftigen Anlaß zu dieser Sorge. Aus als zuverlässig eingestufter Quelle in der Schweiz lag die Information vor, Hitler werde Botulinus-Toxin gegen England einsetzen. Und die Raketen waren nach Einschätzung der Alliierten gerade die richtigen Träger dafür. Was taten sie gegen diese Gefahr und gegen einen möglichen Gasangriff? Nun, sie inszenierten selber ein Abschreckungs- und Täuschungsmanöver.

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Nach Vorschlägen des Planungsstabes entschieden die Stabschefs der amerikanischen Streitkräfte: 1. eigene B-Waffen so schnell wie möglich einsatzbereit machen, 2. Schutz vorbereiten, 3. bei deutschem Einsatz zunächst massiv mit Gas antworten, bis eigene B-Waffen ausreichend zur Verfügung, 4. Hitler wissen lassen, man sei zum B-Krieg bereit, 5. Täuschungsplan ausarbeiten.

Beschlossen, getan. Man verschiffte gerade entwickelten Impfstoff gegen Botulinus nach England, so daß die Deutschen es bemerken konnten. Kanadische Invasionsverbände erhielten den Impfschutz, für die übrigen Truppen wurde er bereitgehalten. Kurzfristig konnten 1,6 Millionen Menschen geimpft werden. Unter dem Schirm der Botulinus-Abwehr und der Vergeltungsandrohung riskierten es die Alliierten, am 6. Juni 1944 in der Normandie ihre Sturmtruppen ohne hinderliche Schutzausrüstung zu landen, und sie hatten Erfolg. Hitler griff auch bei dieser "größten Versuchung" (Churchill) nicht zur Gaswaffe, obwohl er selber erklärt hatte, wenn die Invasion gelinge, sei der Krieg nicht mehr zu gewinnen.

Hitlers Kriegsführung blieb auch mit den technisch neuartigen Raketen konventionell. Falls er geglaubt haben sollte, dieses "Wohlverhalten" würde honoriert, so hatte er sich schwer getäuscht. Als die V 1 und dann die V 2 in London Wirkung zeigten, forderte Churchill von seinem Generalstab höhere Vergeltung mit C-Waffen oder allen sonstigen Mitteln. Die Militärs rieten von Gas ab. Sie erklärten, nur die N-Bombe verspreche ein schnelles Kriegsende, aber diese sei erst Anfang 1945 in größeren Mengen vorhanden. Pläne für den Einsatz legten sie gleich vor.

Hätte die Schlagkraft der deutschen V-Waffen ausgereicht, den Krieg zu verlängern, der britische B-Schlag wäre mehr als wahrscheinlich gewesen. Ob die Amerikaner den bakteriologisch-biologischen Krieg mitgetragen hätten, ist fraglich, denn die amerikanische Politik in biologischer Massenvernichtung sah vor: nicht gegen Germany (außer zur Vergeltung bei deutschem Einsatz), wohl aber gegen Japan.

Was bedeutete Hitlers B-Veto für jene Offiziere in der Wehrmacht, die vergeblich für den B- und C-Krieg plädiert hatten? Theoretisch mußte alles vermieden werden, dem Gegner Anlaß zum B-Einsatz zu geben, vor allem durfte Deutschland nicht mit dem Gaskrieg beginnen. Erklärt sich so letztlich die auffallende Tatsache, daß der Ruf aus der Wehrmacht nach einer Gasoffensive seit Mai 1943 verstummte? In Rußland geriet die Front ins Wanken, in Afrika ging der Feldzug verloren, auf dem Atlantik der U-Bootkrieg, in Italien brach der Bündnispartner zusammen – doch nie wurde ein Befreiungsschlag mit Gas gefordert.

Kurz nach dem Beginn der Invasion in der Normandie befragt, sollen sich, so wird berichtet, maßgebliche Experten gegen den Gaseinsatz ausgesprochen haben. Ebenso war es Ende 1944. In die Anti-Gasfront reihten sich, sicherlich aus unterschiedlichen Gründen, Nicht-Militärs ein wie Rüstungsminister Speer und sogar Professor Karl Brandt, Hitlers Mann für besondere Aufgaben, Ex-Leibarzt, Euthanasie-Beauftragter und Bevollmächtigter für den Gasschutz. Zuletzt waren nur die Nazi-Fanatiker Goebbels, Bormann und Ley übrig, die Hitler im Angesicht der Niederlage zur "revolutionären Kriegführung" mittels Gas drängten. Doch der "Führer" blieb beim Gaskrieg nach innen – gegen die Juden – und richtete zuletzt die Gaswaffe in Form von Blausäure gegen sich selbst, zusammen mit einer Kugel.

Während die Sieger die deutschen Gasdepots prall gefüllt vorfanden und mit dem neuen Kampfstofftyp ihre eigene Rüstung komplettierten, war ihre Suche nach Atom- und Bakterien-Bomben zu ihrem großen Erstaunen erfolglos. In Sachen B waren die Deutschen über "triviale Experimente" der Waffenentwicklung nicht hinausgekommen, urteilten die Amerikaner. Einzige Erfolge: ein gutes Rezept für Nährlösungen zur Bakterienzüchtung und die Überzeugung, den Beweis für die feindlichen Kartoffelkäfer-Abwürfe entdeckt zu haben. Welcher Art und wie stark dieser Beweis war, geht aus den Akten nicht hervor. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß war auch die Vorbereitung des Bakterienkrieges ein Anklagepunkt, eingebracht von den Russen. Göring wies diese Anschuldigung mit dem Hinweis zurück, vielmehr hätten die Alliierten "in gewissem Maße" mit Kartoffelkäfern biologischen Krieg geführt. Auf Betreiben der Amerikaner und Briten, so heißt es, wurde diese Anklage fallengelassen.

Ein halbes Jahr nach dem Fanal von Hiroshima und Nagasaki offenbarten Amerikaner, Briten und Kanadier auch die Tatsache ihrer B-Rüstung. Triumphierend verkündeten sie der Weltöffentlichkeit: Auch auf diesem Gebiet seien die Gegner, sogar Deutschland, entscheidend unterlegen. Doch dieser Triumph war das Ende eines Pokerspiels, geprägt von zufällig geglückten Täuschungen und gravierenden Fehleinschätzungen. Es war ein Triumph kalter Logik, ermöglicht durch die Irrationalität Hitlers und die Systemschwächen seines Führerstaates. Auf solchen Säulen gründet der Glaube an das Funktionieren von Abschreckung und Vergeltung mit gleichen Mitteln.