What a mess!

Von Harry Rowohlt

Dies ist seit dreißig Jahren das zweite Mal, daß ich mit journalistischem Auftrag zur Frankfurter Buchmesse fahre. Beim ersten Mal war ich für Die Horst tätig, die Schülerzeitung der Walddörfer-(nicht Waldorf!)Schule in Hamburg-Volksdorf, und der Artikel war von kaum überbietbarer Peinlichkeit. Ich will es trotzdem versuchen.

Die Unterzeile "Vom Wertewandel in unserer Zeit" zum Beispiel stammt von Theo Sommer (siehe DIE ZEIT vom 3. Januar 1986), und bis hierher habe ich schon zwölf Manuskriptzeilen weggelutscht wie nix und trotzdem noch reichlich Platz für meine These, die ich seit dreißig Jahren als Fazit der Buchmesse höre:

Die eigentliche Buchmesse fand in diesem Jahr außerhalb der Buchmesse statt.

Das begann schon in der Moselstraße, beim Hauptbahnhof. Vor einem Kleinbus saßen junge Leute auf Gartenmöbeln, und ich wurde offiziell in Frankfurt begrüßt: "Eigudewie? Arsch hinne, vonne Knie?" In Langschrift heißt das Ei, einen guten Tag, wie geht es? Und ob ich einen Kaffee wolle, und ob ich heute schon gedrückt hätte? "Oddä biste gaa kein Drügger?" – "Dann wäre ich ja wohl kaum 44 Jahre alt geworden." – "Sach des net, sach des net." Ich bekam meinen Kaffee, bedankte mich, ging weiter, aller Groll fiel von mir ab, und ich begann zu ahnen, daß ich in ein Methadon-Programm geraten war. Nun war ich ja schon immer ein Befürworter von Methadon-Programmen gewesen, aber daß man davon Durchfall bekommt, finde ich eher gemein. Oder war es der Oberengadiner Wurstsalat im Speisewagen gewesen? Ich jedenfalls kehrte "Bei Ajsa" ein, einem jugoslawischen Eßlokal, und bestellte, um bei der Gelegenheit auch gleich meinen "Affen", wie wir Drücker sagen, zu bekämpfen, ein Bier und mehrere slivovice. Am Tresen saß ein junger Mensch, der einer völlig gebannten Gemeinde aus Irland berichtete: "Also, das ist unwahrscheinlich, da sitzt du praktisch zehn Minuten in der Kneipe, und schon kommst du mit den Leuten ins Gespräch, die sind nämlich unheimlich nett da, das ist praktisch unwahrscheinlich, du kommst nämlich rein, und in spätestens zehn Minuten kommst du mit den Leuten ins Gespräch, die sind nämlich unheimlich nett, wenn du zum Beispiel zehn Minuten in der Kneipe sitzt, schon kommst du mit den Leuten ins Gespräch, die sind nämlich unheimlich nett, nur mal zum Beispiel in der Kneipe: Da sitzt du, sagen wir mal, zehn Minuten, und schon kommst du mit den Leuten ins Gespräch, die sind nämlich, Pedro, mach’s gut, wir telephonieren, unheimlich nett." Pedro ist doof. – Am Nebentisch saßen zwei solide Herren, die sich über einen an der Prostata erkrankten Kollegen unterhielten: "Er ist praktisch – zumindest im Raum Frankfurt – im Korrosionsschutz- und Werkstoffnormierungsbereich der Gegenpapst." Man kam überein, ihm eine Get-well-Karte zu schicken, weil dies, wie die Erfahrung lehre, praktisch unheimlich aufbauend wirke. Ich zahlte und ging zum Kritikerempfang im Hause Unseld, weil dort (1), wie die Erfahrung lehrt, die Buchmesse praktisch anfängt und um (2) von Robert, bei dem ich immer während der Messe pennen darf, die Wohnungsschlüssel entgegenzunehmen. Robert zeigte auf ein gerahmtes Photo und fragte: "Wer liest dort was?" Ich sagte: "Dort liest Marilyn Monroe den ‚Ulysses‘." – "Und welche Stelle?" – "Molly Blooms Orgasmus." – "Buch und Stelle hab ich auch erkannt", sinnierte Robert, "nur die Dame hab ich nicht gewußt." – "Ich bin eben ein komme entre deux âges", tröstete ich ihn, "der die Damen noch und die Bücher schon wahrnimmt." Und dann verfielen wir ins hessische Mundart-Dichten. Robert war wie immer schneller und besser, aber im Kopf habe ich nur noch einen meiner Beiträge: "Des Buch hat so was Schmierisches; isch glaub, es ist was Irisches." Ferner stellte sich heraus, daß ich Jürg Laederachn und Siegfried Unseld Willi Winklern nicht erkannte, was für alle Beteiligten wohl am besten war, wenn man bedenkt, daß Jürg Laederach größer ist als ich und Dr. Unseld die Hände bandagiert trug, weil er angeblich die Treppe runtergefallen war.

Im Taxi zum Rowohlt-Empfang aus Anlaß des 60. Geburtstags von Peter Rühmkorf (den er noch gar nicht hatte; er kommt erst am 27. huius; masel tov, Lüngi, bleib mir gesund und stark bis hundertzwanzig Jahr) erzählte ich den steinalten Barschel-Witz (Warum haben die stern-Reporter Barschel in der Badewanne gefunden? – Weil sie nicht wußten, wie man Chaiselongue buchstabiert.), und nur die Taxifahrerin kannte ihn noch nicht und wollte sich schier ausschütten vor Lachen. Endlich gab es wieder den guten Diabetiker-Weißwein, und Mike Naumann, der in Dublin studiert hat, was man merkt, wenn man es weiß, hielt eine Laudatio auf Rühmkorf, die poetischer war als alles, was Rühmkorf je geschrieben hat, und das mit Absicht; diese Ratte. Und am Abend, bei Ovelgönne, im spitzen Gefiedel des Schilfs – / Wenn einer den Himmel gewönne und ließe die Knochen: Was hulf’s? Ach, wenn man Fremdsprachen könnte. Liebend gern würde man Rühmkorf in sie hinein übersetzen.

Endgültig reift in mir der Plan, meinem Verleger Haffmans das "Tao of Pooh" von Benjamin Hoff aufs Auge zu drücken, ein Buch, in welchem nachgewiesen wird, daß Pu, der Bär von sehr geringem Verstand, alles cool und richtig macht, weil er ein Zen-Meister ist und sein Es handeln läßt, anstatt sich selbst einzumischen. "Das hack ich dir in zehn Tagen runter", wird meine kristallin durchformulierte Argumentationskette lauten, ,und dann hast du wieder was zum Verlegen."

What a mess!

Auf der Buchmesse als solcher wird mir unangenehm bewußt, wie zutiefst sozialdemokratisch ich empfinde: Letztes Jahr habe ich alle An- und Neubauten noch begrüßt, aber in diesem Jahr finde ich, daß es letztes Jahr schon gereicht hat. Reformen? Oh doch, aber mit Maß und Ziel, und zwar ein bißchen prego, wenn ich bitten darf.

Ich hungere den ganzen Tag, denn am Abend wird Haffmans ein Essen geben, und da will man ja nicht pappsatt erscheinen. Statt dessen nerve ich die ganze Welt mit dem Spruch Ich glaub, ich besuch dann mal meinen danischen Verleger, denn ich bin weit und breit der einzige, der so was sagen kann. Ich habe nämlich ein Buch geschrieben, und das ist in Dänemark erschienen, auf dänisch, mit reichlich Ø. Mein dänischer Verleger fertigt mich – ich habe das gestoppt – in sieben Minuten ab und ohne Øl, und mir wird klar, daß ich einen Fehler gemacht habe. Am letzten Tag hätte ich ihn besuchen sollen. Dann hätte ich am ersten Messetag sagen können Ich glaub, ich werde in vier Tagen mal meinen dänischen Verleger besuchen, um am zweiten Tag unmerklich in ein Na, so in etwa drei Tagen sollte ich mich doch mal bei meinem danischen Verleger sehen lassen überzugehen, welches am dritten Tag sforzando wird, wenn auch – noch! – ohne Bläser: Wenn ich mich übermorgen nicht bei meinem dänischen Verleger sehen lasse, ist er, glaub ich, echt sauer. Nicht mal beim ZEIT- Stand liegt das Buch aus, unter der Rubrik "Bücher von ZEIT- Autoren"; statt dessen Raddatz, Raddatz, Raddatz. Wenn ich Noten lesen könnte, käme ich mir vor wie Salieri.

Bei dem Haffmans-Essen gibt es etwas zu essen, und das italienische Restaurant ist eins der angenehmsten, die man sich vorstellen kann: Man braucht sich als Gast gar nicht schlecht zu benehmen; das übernehmen die Kellner schon mit. Ich versuche, Haffmans meine Pu-Übersetzung aufs Auge zu drücken, und er sagt: "Du hackst das in zehn Tagen runter, und dann hab ich wieder was zum Verlegen." Mit dem Mann kann man verhandeln. Anschließend schläft Joseph von Westphalen in seinem Auto, was später Unselds bandagierte Finger als Messegespräch auf einen guten 2. Platz verdrängen wird, und das geht – auch in dieser Höhe – voll in Ordnung. Und nun ist es Zeit, die Ernte einzufahren. Henry Glass vom Spiegel hat einen Preis ausgelobt: Wem von der Hamburger Journaille es zuerst gelingt, die Formulierung "Vom hohen Roß meiner Demut herab" unterzubringen, dem winkt eine Flasche Paddy. Vom hohen Roß meiner Demut herab, lieber Henry, kann ich nur ganz laut schreiben: VOM HOHEN ROSS MEINER DEMUT HERAB, VOM HOHEN ROSS MEINER DEMUT HERAB, VOM HOHEN ROSS MEINER DEMUT HERAB. Lerne löhnen, ohne zu stöhnen.

Bücher? Bücher. Robert entwickelte beim Frühstück den Plan für ein coffee-table book, einen Bildband, der ihn auf seine alten Tage durch die wärmeren Klimazonen führen soll, auf Spesen, bis zum Eichstrich: "Senfstraßen der Welt". Teilweise erinnern noch halbverfallene Würstchenbuden an den Siegeszug, den der Senf einst um die ganze Welt antrat, und selbst im eher senffeindlichen Italien wird heute noch die mostra mostrich zelebriert. Dann erschien Irene Dische, die gefeierte Bestseller-Autorin. Wie benimmt man sich in Gegenwart einer gefeierten Bestseller-Autorin? Man weiß es nicht. Robert zeigte ihr geistesgegenwärtig seine neue Hose, die er sogar anhatte, und ich sagte: "Und mit der Hose wären wir wieder bei der Senfstraße." – "Wie war es eigentlich auf dem Empfang von der Elefanten-Press?" Ich gehe nämlich immer zum Empfang von der Elefanten-Press, um zu überprüfen, ob der Klospruch, den ich dort vor Jahren angebracht habe, immer noch da ist. "Freibiergesichter", sagte ich, und zur Melodie von "Down by the Riverside" sangen wir Irene Dische, der gefeierten Bestseller-Autorin, in hessischer Mundart das Lied von ADAM & DEN MICKIS vor, einer Gruppe, die, da sie fehlt, empfindlich fehlt: Freibiergesichter, die gibt es uberall, in jeder Stehbierhall’, beim Bundespresseball. Freibiergesichter, die haben jedenfalls immer en trockne Hals. "Binnenreim", merkte Robert an.

Und das "Tao te Pu" gibt es bereits auf deutsch.