Der Konjunktur geht es bestens, und es wird ihr auch im kommenden Jahr gutgehen, wenn ... ja wenn die Lohnabschlüsse bei der großen Tarifrunde im Frühjahr "Anschluß an die bisherigen moderaten Abschlüsse halten". So formulierten es die Forschungsinstitute in ihrem zum Wochenbeginn vorgelegten Herbstgutachten, so ist es in diesen Wochen immer wieder zu hören. Die moderaten Lohnerhöhungen der vergangenen Jahre haben uns Wachstum und Arbeitsplätze beschert, unmäßige Forderungen würden das alles gefährden.

Mahnungen zur ökonomischen Vernunft richten sich immer an die Tarifpartner, gemeint sind aber in der Regel die Gewerkschaften – und sie allein. Was hätte es auch für einen Sinn, die Arbeitgeber zu mäßigen Lohnerhöhungen zu drängen, das liegt ohnehin in ihrem Interesse. Wenn dann noch Franz Steinkühler beim Kongreß seiner IG Metall in Berlin ankündigt, er werde "kräftige Lohn- und Gehaltssteigerungen" fordern, dann sind die Konjunkturkiller schon ausgemacht.

Natürlich liegen die Dinge nicht so einfach. Es ist doch merkwürdig, daß die ökonomische Logik scheinbar in jeder konjunkturellen Phase vom Arbeitnehmer Opfer verlangt. Läuft die Wirtschaft schlecht, wird Lohnverzicht als Basis für die Wende zum Guten eingefordert. Stellt sich der Aufschwung ein, ist er durch unmäßige Lohnforderungen gefährdet. Boomt die Konjunktur, taucht sofort die häßliche Lohn-Preis-Spirale in der Diskussion auf. Immer wird den Lohn- und Gehaltsempfängern ans Herz gelegt, "vernünftig" zu bleiben.

Aber wenn sich Löhne und Gewinne auseinanderentwickeln, wenn die Unternehmer eindeutig mehr von der Hochkonjunktur profitieren, können die Arbeitnehmer dann nicht mehr verlangen als in mageren Jahren? Daß diese "Scherenentwicklung" (so die Institute) sehr ausgeprägt ist, läßt sich nicht bestreiten. Seit Jahren wird der neu entstehende Wohlstand mit deutlicher Schlagseite zugunsten der Gewinne verteilt. Da ist es absolut normal, daß die Arbeitnehmer bei der nächsten Lohnrunde ihren Anteil haben wollen.

Natürlich sind Gewinne nichts Schlechtes. Sie sind die Voraussetzung dafür, daß investiert wird, und das tun die Unternehmer seit einiger Zeit in höchst erfreulichem Maße. Der Ruf nach maßvollen Lohnabschlüssen leuchtet aber nur dann ein, wenn zum Lohn etwas dazukommt, was zu besserer sozialer Symmetrie führt. Die Gewerkschaften werden die 35-Stunden-Woche durchzusetzen versuchen – eine angesichts fehlender Facharbeiter und wachsender Überstunden äußerst problematische Politik. Die Frage ist ohnehin offen, ob nicht viele Arbeitnehmer lieber mehr Geld verdienen als kürzer arbeiten wollen.

Es gibt einen Ausweg aus dem Dilemma: die Beteiligung von Arbeitern und Angestellten am Gewinn ihres Unternehmens. Es ist bedauerlich, daß dieser Weg nicht gründlicher sondiert wird. Gewinnabhängige Elemente in der Bezahlung belasten die Lohnkosten nicht dauerhaft, sie können Mitarbeiter motivieren und ihnen das Gefühl vermitteln, an den Früchten ihrer Arbeit zu partizipieren. Hier sollten sich die Tarifpartner im Vorfeld ihrer Verhandlungen etwas einfallen lassen, statt mit den üblichen Drohgebärden auf einen großen Krach hinzusteuern.

Es stimmt schon, was die Bundesregierung zum Herbstgutachten anmerkte: "Gewerkschaften und Arbeitgeber haben in der bevorstehenden Tarifrunde eine herausgehobene Verantwortung." Wohlgemerkt: Gewerkschaften und Arbeitgeber.

Klaus-Peter Schmid