Wie Stalin mit Schauprozessen und Galgenterror die Kommunisten in Osteuropa zum Gehorsam zwang

Von George Hermann Hodos

In Ungarn wurde der Stalinismus von der Geschichte überrollt, ja, was man einst Sozialismus nannte, zerbröckelt vor unseren Augen. Der Außenminister und Kommunist László (Ladislaus) Rajk war es, dessen Hinrichtung vor vierzig Jahren die absolute Herrschaft Stalins über Ungarn gesichert hat, und er ist es, dessen Martyrium jetzt, nach Jahrzehnten des Schweigens und Verschweigens, Herrschende wie Oppositionelle als Waffe beim Abbruch eines Sozialismus sowjetischen Typs benutzen.

Die Wende in Osteuropa kam Mitte 1947. In Ungarn wurden die Großbetriebe und Banken nationalisiert, man führte die Planwirtschaft ein und machte die kurz davor geschehene Bodenreform mit dem Beginn der Zwangskollektivierung rückgängig. Im Mai 1949, als Rajk und eine Reihe führender Kommunisten verhaftet wurden, schien die Sowjetisierung Ungarns fest verankert. Die Opposition war liquidiert, die Macht der Kirche zerstört, die Diktatur der Kommunistischen Partei errichtet.

Scheinbar stand also Stalin nichts mehr im Wege, Ungarn in eine Kolonie der Sowjetunion zu verwandeln. Die Rebellion des jugoslawischen Diktators Tito mahnte ihn jedoch, daß sogar von seinen Statthaltern Gefahr drohen könnte. Auch die letzte mögliche Widerstandsquelle gegen die Kolonisierung mußte ausgeschaltet, Servilität und Gehorsam der aus seinen Gnaden zur Herrschaft Gelangten mußten gesichert werden. Dazu dienten die nun folgenden Schauprozesse in Osteuropa. Mit dem Rajk-Prozeß in Ungarn statuierte Stalin das Musterbeispiel.

In den Moskauer Schauprozessen der dreißiger Jahre hatte Stalin die Opposition, eine reale Gefahr für seinen Drang nach Alleinherrschaft, im eigenen Land vernichtet. Nach dem Krieg jedoch war die Opposition in den besetzten ostmittel- und südosteuropäischen Ländern bereits vernichtet, als Stalin, aus paranoider Furcht vor einer Nachahmung Titos, den Chef des Geheimdienstes (MWD), Lawrentij Berija, beauftragte, in allen Satellitenstaaten aus treuen Anhängern und führenden Kommunisten potentielle Titos zu fabrizieren und sie dem Henker auszuliefern. Das zynischblutige Schauspiel sollte vor jeglicher unabhängigen Regung abschrecken und den „Beweis“ erbringen, daß Tito kein Kommunist, sondern „Kettenhund der Imperialisten“ sei.

Der Musterprozeß gegen Rajk und Genossen fand im September 1949 statt und endete am 15. Oktober mit der Hinrichtung von fünf der acht Hauptangeklagten. Der öffentliche Teil des Prozesses war nur die zur Schau gestellte Spitze des Terrors. Nach geheimen Zweigprozessen wurden Dutzende von weiteren Kommunisten hingerichtet, mehrere hundert für viele Jahre ins Zuchthaus oder in Konzentrationslager gesteckt.

Die Opfer wurden mit der gleichen krankhaften Logik ausgewählt: Parteimitglieder, die aus westlicher Emigration heimgekehrt waren, in der Internationalen Brigade in Spanien oder in der heimatlichen Untergrundbewegung ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten, kurz, all die Kommunisten, die nicht in Moskau geschult und nicht von den sowjetischen Sicherheitsorganen angeworben worden waren. Sie mußten ja der Ansteckungsgefahr des bourgeoisen Bazillus oder gar den teuflischen Machinationen westlicher Spionageorgane ausgesetzt gewesen sein.

Auch der Grundzug des für alle Satelliten geltenden Drehbuches wurde in Moskau entworfen: eine von Tito angezettelte Verschwörung zum Sturze des kommunistischen Systems im Auftrag der imperialistischen Nachrichtendienste. Die Auswahl der Opfer und die auf ungarische Verhältnisse abgestimmte Version des Originalentwurfs wurden sorgfältig zwischen Berija und Mátyás Rákosi, dem ungarischen Parteichef, abgesprochen. Es ergab sich eine äußerst konstruktive Zusammenarbeit. Rákosi bekam die Aufgabe, das Moskauer Skelett buchstäblich mit ungarischem Fleisch und Blut zu ergänzen. Rajk, Spanienkämpfer, Parteiführer in der Illegalität und nach dem Krieg erst Innen-, dann Außenminister, bekam die Hauptrolle zu spielen. Er wurde zum Spitzel der faschistischen Polizei, Spion der Imperialisten und Oberhaupt einer titoistischen Verschwörung gestempelt; General György Pálffy und Polizeioberst Béla Korondi, beide Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung, mußten zugeben, den bewaffneten Sturz des Regimes und die Ermordung ihrer geliebten Führer geplant zu haben; der als Partisan halbtot gefolterte András Szalai wurde in einen alten Denunzianten und Spion der Jugoslawen umgewandelt; der aus der Schweizer Emigration heimgekehrte Kaderchef Tibor Szönyi bekam die Rolle des Verbindungsmannes zwischen Rajk und dem amerikanischen Geheimdienst.

Der ungarische Staatssicherheitsdienst, der unter Aufsicht und brüderlicher Hilfe der sowjetischen MWD operierte, sorgte für die Folter, mit der überzeugte Kommunisten, treue Anhänger Stalins, in Ungeheuer verwandelt wurden, in blutende Fleischbündel, ihrer menschlichen Würde, des ganzen Inhalts ihres Lebens beraubt. Sie wurden mit Gummiknüppeln und Gewehrkolben geschlagen, in Särge gesperrt, worin sie weder sitzen noch sich ausstrecken konnten, mußten Salz vom Boden auflecken und durften nicht trinken, wurden nackt ins Wasserbad gestellt und mit elektrischem Strom gepeinigt, man ließ sie nicht schlafen, man drohte ihnen mit der Verhaftung ihrer Frauen – die Liste ist lang und abwechslungsreich, dem individuellen Einfallsreichtum der Sadisten entsprungen.

Nach dem physisch-psychischen Zerstörungswerk kamen augenzwinkernd-zynische Appelle an die Parteitreue und verlogene Versprechungen. Die Opfer mußten ihre Aussagen auswendig lernen und in Proben aufsagen. Die Regie war gründlich und erfolgreich, alle Angeklagten spielten ihre Rolle fehlerlos und „gestanden“ stockungsfrei ihre Untaten.

Es wird oft gefragt, weshalb harte, kampfgestählte Kommunisten all die abscheulichsten Sünden auf sich nahmen. Besonders heute wird gefragt, denn zur Zeit des zerfallenden kommunistischen Systems kann eine zynische, von jeder Ideologie enttäuschte neue Generation es sich nicht vorstellen, daß es in den dreißiger und vierziger Jahren eine kleine Schar von Leuten gab, die blindlings an Stalin, an die Partei glaubten und im Dienste der Revolution ihr Leben zu opfern bereit waren.

Die brutalen Folterungen – nicht durch den Feind, sondern durch die eigenen Genossen – halfen freilich, Verstand, Würde, Mut aus den gepeinigten Körpern zu prügeln. Doch das Wesentliche folgte nachher, als man den Angeklagten versicherte, die Partei wisse, daß all diese Scheußlichkeiten nicht den Tatsachen entsprächen; sie erwarte von ihnen diesen Dienst eines falschen Geständnisses, um damit Tito und seine imperialistischen Auftraggeber zu entlarven. Man versprach ihnen, sie würden nur scheinbar zum Tode verurteilt, in der Wirklichkeit würden sie auf der Krim die Zeit abwarten, bis der Staub sich gesetzt habe; die Partei werde ihnen helfen, unter einem anderen Namen sich eine neue, ehrenhafte Existenz aufzubauen.

Die Partei hat das Leben dieser Menschen erfüllt; sie kennt die Wahrheit; sie wird ihr Wort halten. Und als sie es bricht, läßt Rajk trotzdem auch unter dem Galgen Stalin und die Partei hochleben.

Die Wirkung der Schauprozesse auf die Kommunisten war geteilt. Die Masse der kleinen Parteimitglieder machte sich keine besonderen Gedanken. Wer hätte das schon von Rajk gedacht, meinten sie kopfschüttelnd und gingen zur Tagesordnung über. Die mittleren und oberen Kader hingegen waren erschüttert, sie hatten keine Zweifel, daß Rajk und Genossen schuldig waren, wenn auch vielleicht nicht wörtlich in allen Scheußlichkeiten, doch schließlich hatten sie ja selber die Verbrechen gestanden. Márton Horvath, ehemaliger Chefredakteur des zentralen Parteiorgans Szabad Nép, schrieb kurz vor seinem Tode, er schäme sich, daß seine Putzfrau die Lügen durchschaut, während er, Mitglied des Politbüros, an sie geglaubt habe.

In die Erschütterung mischte sich eine unheimliche Furcht; Freunde, Mitarbeiter wurden verhaftet; plötzlich erschienen Vorkommnisse, Verbindungen, Äußerungen der Vergangenheit in einem ganz anderen Licht; sie könnten ja falsch ausgelegt werden und die Genossen in Schwierigkeiten bringen; sie mußten künftig noch blinder ihren Führern folgen, um jeden etwaigen Verdacht von sich abzuwenden.

Anders stand es mit der obersten Parteispitze und der Spitze des Staatssicherheitsdienstes. Ihre Mitglieder hatten die Schauermärchen selber zusammengestückelt, wußten genau, mit welchen Foltern und Lügen die „Geständnisse“ zustande kamen. Aber eben deshalb waren auch sie eingeschüchtert. Wenn Rajk und andere in den obersten Machtpositionen gebrochen und in Ungeziefer verwandelt werden konnten, so mochte vielleicht Stalin eines Tages auch sie vor die Wölfe werfen. Die Terrormaschine, die sie zu lenken

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glaubten, konnte aus ihren Händen gerissen werden und sie unter sich begraben.

Stalin hatte also richtig kalkuliert. Der Schauprozeß erfüllte seinen Zweck, die Kader, die Führer der ungarischen Partei, vor jedem falschen Schritt, jedem unabhängigen Gedanken in Furcht zu versetzen, ihnen die Idee aus dem Kopf zu schlagen, sie seien die Machthaber, denn die letzte Macht lag einzig in seinen, in Stalins Händen.

Schon in den Gerichtsverhandlungen wurde es klar, daß Stalins Drehbuchautoren in der Budapester Uraufführung für die Internationalisierung der Schauprozesse vorgesorgt hatten. Die Angeklagten „enthüllten“ geheime Verbindungen zu anderen Volksdemokratien, sie „gestanden“, gewußt zu haben, daß Tito mit den Imperialisten in all diesen Ländern Verschwörungen anzettelte. Der Rajk-Prozeß wurde der Ausgangspunkt für die blutigen Säuberungen, für die Ermordung Hunderter unschuldiger Kommunisten, auf daß überall unbedingter Gehorsam herrsche. Stalins Sicherheitschef Berija fand in der Person von Noel Field das ideale Werkzeug.

Field war ein amerikanischer Diplomat, vom Außenministerium in den Völkerbund delegiert. Schon früh war sein Antifaschismus bekannt. Der Spanische Bürgerkrieg, in dem er mit der Repatriierung der Ausländer betraut war, machte ihn zum überzeugten Kommunisten. Er trat aus dem Staatsdienst aus und wurde 1940 Leiter des von den amerikanischen Unitariern errichteten Hilfswerks in der Schweiz, das die im deutschbesetzten Europa gefährdeten Menschen unterstützte. Hunderte von Antifaschisten verdanken Field ihr Leben.

Eine Großzahl der Geretteten waren Kommunisten. Field knüpfte von Genf aus Verbindungen zu den Exilgruppen in der Schweiz und in Frankreich, er gab den Emigranten materielle Hilfe und hielt für sie die Kontakte zu den Widerstandsorganisationen aufrecht. Am engsten war seine Beziehung zu Allen Dulles, dem in Bern amtierenden Leiter des amerikanischen Nachrichtendienstes OSS; mit Dulles verband ihn das gemeinsame Ziel der Niederlage Hitlers und die Unterstützung der Befreiungsbewegung in Europa.

Mörderische Verhaftungswellen

Field war für Berija eine wahre Goldgrube: ein Amerikaner, der sowohl mit dem Nachrichtendienst der Vereinigten Staaten als auch mit jener verdächtigen Kategorie der aus dem Westen heimgekehrten Kommunisten umgegangen war. In Budapest fabrizierte Berija zum ersten Mal die Fiktion von Noel Field als dem Spionagechef, dem Bindeglied zwischen der amerikanischen und der titoistischen Unterwanderung der kommunistischen Parteien. Field wurde im Mai 1949 aus Genf nach Prag gelockt, dort zusammen mit seiner deutschen Frau verhaftet und nach Budapest überstellt; hier wurden sie von der Geheimpolizei gefoltert und für fünf Jahre eingekerkert. Sein Name brachte, aus Ungarn ausstrahlend, für Hunderte von Kommunisten in Osteuropa Tod und Gefängnis; weitere Hunderte wurden verhaftet, weil sie Freunde, Bekannte, Mitarbeiter der mit Field Verbundenen waren.

In dem zwei Monate nach Rajks Hinrichtung inszenierten bulgarischen Schauprozeß spielte Field zwar nur eine Nebenrolle, doch sonst verlief anfänglich alles nach Budapester Muster. Traitscho Kostow, Gründungsmitglied der Partei, der zweitmächtigste Mann, wurde zusammen mit zehn führenden Kommunisten verhaftet und so lange gefoltert, bis sie unterschrieben, titoistische Verschwörer, Polizeispitzel und Agenten der Imperialisten gewesen zu sein. Doch im öffentlichen Prozeß widerrief Kostow sein „Geständnis“. Die bestürzten Regisseure erstickten ihm rasch das Wort in der Kehle und ließen ihn hinrichten. Seine Mitangeklagten wie auch Dutzende von Genossen in den geheimen Nebenprozessen erhielten lange Kerkerstrafen.

Die Schauprozesse in der Tschechoslowakei haben das ungarische Beispiel noch erweitert. Verhaftet wurden jene tschechischen Kommunisten, die während des Krieges mit Field zu tun hatten und deren Namen man in Budapest erfolterte. Als jedoch Präsident Gottwald zögerte, weiter zu gehen, schob die MWD ihn und die ganze Partei beiseite und leitete eine mörderische Verhaftungswelle ein. Festgenommen wurde ein bedeutender Teil der Parteiführung mit Generalsekretär Rudolf Slänsky an der Spitze.

Auch das Drehbuch wurde ausgeweitet. Parallel zur antisemitischen Anwandlung Stalins wurde dem Antisemitismus in der Tschechoslowakei offen eine hervorragende Funktion zugewiesen. Jüdische Kommunisten wurden nicht nur zu imperialistischen, sondern auch zu zionistischen Agenten. Mit und nach Slänsky wurden etwa 200 Kommunisten hingerichtet, Zehntausende eingekerkert oder interniert.

In Rumänien war, im Gegensatz zu seinen Kollegen in den anderen Satellitenstaaten, der Parteichef Gheorghiu-Dej 1944 nicht aus Moskau zurückgekehrt. Gleich bei den ersten Ansätzen des Konflikts zwischen Stalin und Tito erkannte er die Wahrscheinlichkeit, selber zum Titoisten erkoren zu werden. Rasch ließ er Lucretiu Patrascanu, seinen populären Gegenspieler, als Nationalisten verhaften. So konnte er zur Zeit des Rajk-Prozesses bereits darauf hinweisen, er habe die Gefahr schon im Keime erstickt.

Zur Zeit des Slänsky-Prozesses sah Gheorghiu-Dej die Zeit gekommen, seine stalinistischen, moskautreuen Gegenspieler als jüdisch-trotzkistische Verschwörer auszuschalten und seine Alleinherrschaft zu etablieren. Die Altkommunistin und Außenministerin Anna Pauker wurde unter Hausarrest gestellt; Finanzminister Luca und Innenminister Georgescu wurden verhaftet. Der vorbereitete öffentliche Prozeß fand jedoch nicht statt; nach Stalins Tod 1953 beeilte sich Gheorghiu-Dej, die Spuren des Terrors verschwinden zu lassen. Nach einem Geheimverfahren wurde Patrascanu hingerichtet; die Todesstrafe gegen Luca wurde in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt, er und Georgescu starben im Gefängnis; Anna Pauker verschwand spurlos aus der Öffentlichkeit.

Polen hatte eine eigene Variation der Schauprozesse, denn der stalinistische Terror der dreißiger Jahre hatte die Führung der polnischen Kommunisten fast vollständig ausgerottet. Wie jetzt befohlen, wurden zwar die in Budapest genannten polnischen „Fieldisten“ verhaftet, doch der im Rajk-Prozeß offen beschuldigte Parteichef Wladyslaw Gomulka wurde nur zum Rücktritt gezwungen. Das grausame Moskauer Schicksal ihrer Vorgänger, die Angst um ihre eigene Haut und vor der Wiederholung des Massakers, veranlaßte die neue Parteiführung, Gomulka zu schützen.

Geopfert wurde in Polen die zweite Parteigarnitur; manche der Genossen wurden nach Geheimprozessen hingerichtet; einige verübten Selbstmord; alle Verhafteten wurden grausam gefoltert. Als Gomulka auch noch im Slänsky-Prozeß erwähnt wurde, mußten seine Genossen in der Parteiführung auch ihn festnehmen lassen, doch sie hintertrieben den von Moskau geforderten Schauprozeß so lange, bis Stalins Tod sie vom Druck befreite. Gomulka und die anderen überlebenden Kandidaten des verhinderten Schauprozesses wurden freigelassen; die Parteiführung hatte ihre Haut retten können.

Auch in der DDR fand der große Schauprozeß nicht statt. Doch diesmal war es Stalin selber und nicht sein diensteifriger Statthalter Walter Ulbricht, der den Plan vereitelte. Wie üblich begann die Verhaftungswelle 1949 bei den „Fieldisten“. Festgenommen wurden der Ökonom Berndt Steinberger, der Chefredakteur des Deutschlandsenders, Leo Bauer, zwei hohe Funktionäre der KPD, Kurt Müller und Fritz Sperling, die man aus der Bundesrepublik in die DDR gelockt hatte, wie auch Erica Wallach, die Pflegetochter Noel Fields, die aus Paris nach Ost-Berlin geflogen war, um dem spurlos Verschwundenen nachzuforschen.

Paul Bertz, ehemaliger Reichstagsabgeordneter, Mitglied des Politbüros der KPD und Leiter der Schweizer Exilorganisation, wartete sein Schicksal nicht ab und verübte Selbstmord. Lex Ende, Chefredakteur des Neuen Deutschland, starb, in die sächsischen Uranbergwerke verbannt, an den grausamen Verhältnissen der Sklavenarbeit; Willi Kriekemeyer, Generaldirektor der Reichsbahn, wurde im Untersuchungsgefängnis totgefoltert.

Stalin bot jedoch dem von Ulbricht vorbereiteten „deutschen Rajk-Prozeß“ Halt, denn ein Teil der „Fieldisten“ bekleidete in der Bundesrepublik hohe Posten in der Kommunistischen Partei und in der Administration. Es war einfach, in Ost-Berlin „Geständnisse“ zu erfoltern, unmöglich jedoch, sie im freien Teil Deutschlands glaubhaft zu machen. Deshalb übernahmen die Sowjetbehörden die Verhafteten, verurteilten in Geheimverfahren Leo Bauer und Erica Wallach zum Tode (die Urteile wurden in Gefängnisstrafen abgemildert); die anderen bekamen lange Zuchthausstrafen; alle verschwanden im GULag.

Nach dem Slänsky-Prozeß versuchte Ulbricht einen neuen Anlauf und ließ Paul Merker, Mitglied des Zentralkomitees und Leiter der einstigen Exil-KPD, verhaften. Er sollte den Kern eines „zionistisch-trotzkistischen“ Agentennetzes bilden, doch diesmal war es Stalins Tod, der den Plan eines „deutschen Slänsky-Prozesses“ zunichte machte. Merker wurde ein Jahr später aus dem Untersuchungsgefängnis entlassen; zugleich wurden auch die im sowjetischen GULag Verschwundenen in die DDR zurückgeschickt.

Stalin starb am 5. März 1953. Der erste Schritt des Nachfolgers Nikita Chruschtschow in der bis heute noch nicht abgeschlossenen Entstalinisierung war es, die Satelliten zu drängen, jene Terrorurteile zu revidieren. Die stalinistischen Führer waren sich der Gefahren bewußt, die eine Überprüfung der von ihnen mitorganisierten Schauprozesse in sich barg. In Rumänien schob Gheorghiu-Dej die Schuld den kurz vorher von ihm geopferten Luca, Pauker, Georgescu zu und verschärfte die innere Unterdrückung. In Bulgarien wurde die Rehabilitierung Kostows hinter verschlossenen Türen ausgesprochen; nachher herrschte Stille, als ob Kostow nie gelebt hätte und ermordet worden wäre. In der DDR erklärte Ulbricht die ostdeutschen Schauprozesse samt und sonders zur westlichen Lügenpropaganda.

In Ungarn, Polen und der Tschechoslowakei hingegen lieferten die stalinistischen Schauprozesse den Zündstoff für den erstickt geglaubten Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit, nach Einlösung der Versprechen des Sozialismus. Die treibende Kraft waren überall Kommunisten, die ihre Ideale von den stalinistischen Führern verraten glaubten.

Die Entstalinisierung begann 1953 in Ungarn mit der Einsetzung von Imre Nagy zum Ministerpräsidenten. Kurz danach überprüfte eine Kommission die Urteile, und 1954 strömten, trotz Sabotage von Rákosi, Hunderte von Kommunisten aus den Gefängnissen. Das Entsetzen über ihre Berichte, die allmähliche Enthüllung der Wahrheit, gab den mächtigsten Anstoß zur Revolution. Die um Imre Nagy geschalten Reformkommunisten wurden die Wortführer einer Volksbewegung zur Befreiung vom Vasallendasein und für einen humanen Sozialismus.

Wäre es nicht ein kalter, verregneter Tag gewesen, so wäre die Revolution in Ungarn schon am 6. Oktober 1956 ausgebrochen, als eine viertel Million Menschen zur feierlichen Beisetzung der Überreste des jetzt rehabilitierten Rajks und seiner Genossen herbeiströmten. Am 23. Oktober 1956 konnte der Volksaufstand nicht mehr aufgehalten werden; es waren die Gruppe um Imre Nagy und die Überlebenden der Schauprozesse, welche die Revolution inspirierten und zum Durchbruch führten.

Sowjetische Panzer schlugen den Aufstand blutig nieder; die Russen ließen Nagy verhaften und machten ihm hinter verschlossenen Türen einen neostalinistischen Prozeß, worin er und vier seiner Genossen zum Tode verurteilt wurden. In der darauffolgenden Massenrepression wurden viele tausend Ungarn eingekerkert und hingerichtet, darunter kommunistische Studenten, Schriftsteller, Journalisten, Arbeiterführer. Die Entstalinisierung konnte erst nach Jahren von Janos Kádár, dem einstigen Opfer eines stalinistischen Schauprozesses, wieder fortgesetzt werden.

In Polen begann auf Druck Chruschtschows 1954 eine Parteikommission, die Urteile der Schauprozesse zu überprüfen. Jene Opfer des Terrors, die seit Jahren in Untersuchungsgefängnissen geschmachtet und ihre Prozesse überlebt hatten, wurden freigelassen. In den Augen des Volkes wurde Gomulka Symbolfigur der Befreiung von der Russifizierung. Der „polnische Oktober“ 1956 hob ihn zusammen mit den anderen überlebenden Opfern wieder an die Macht. Doch Gomulka war kein Imre Nagy. Mit seiner enormen Popularität gelang es ihm, durch das Versprechen eines nationalen, gerechteren Sozialismus die Revolution zu verhüten. Die Versprechen wurden nicht eingelöst, Gomulka führte das Land Schritt für Schritt in den sowjetischen Machtbereich zurück.

In der Tschechoslowakei war der Widerstand gegen Chruschtschows Rehabilitierungspolitik besonders zäh. Die in der Parteiführung vom Massenterror Verschonten waren alle in die Organisierung der Schauprozesse tief verwickelt, eine Revision der Urteile hätte ihrer Macht ein Ende gesetzt. Doch dem Druck aus Moskau, den Ereignissen in Ungarn und Polen mußten auch sie nachgeben. Es waren wieder die aus den Gefängnissen entlassenen überlebenden Opfer der Schauprozesse, die 1968 den Sturz der alten stalinistischen Clique erzwangen, Dubček, an dessen Händen kein Blut klebte, an die Macht verhalfen und im Prager Frühling einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz den Weg bereiteten.

Der sowjetische Überfall am 21. August 1968 machte die Tschechoslowaken nach den Übergriffen der Nazis und der Stalinisten zum dritten Mal zu Opfern der Repression. Die poststalinistische Unterdrückung verwandelte die Reformkommunisten in Un-Personen, beraubte sie ihrer Rechte, stellte sie unter ständige Polizeiaufsicht oder trieb sie in die Emigration, wie seinerzeit unter Hitler.

Heute wird in Bulgarien und Rumänien noch immer die Erinnerung an die stalinistischen Schauprozesse unterdrückt. In der DDR konnte sogar der Helfershelfer des später hingerichteten Berijas, Erich Mielke, im Laufe einer eigenartigen „Entstalinisierung“ zum Minister für Staatssicherheit befördert und ins Politbüro gewählt werden.

In Polen sind die Schauprozesse nur mehr eine schwache Erinnerung. Der Verrat Gomulkas hat den Reformkommunismus in den Augen der neuen Generation für immer diskreditiert. Solidarnosc will den Sozialismus nicht mehr reformieren, sondern ihn überwinden. In der Tschechoslowakei hingegen ist in der ganzen Zeit – von den Schauprozessen über die Reform und die Unterdrückung in der Husák-Jakeš-Ära – der Faden nie abgerissen: Die Opfer der fünfziger und der sechziger Jahre wirken auch weiterhin im Kampfe für die Demokratie.

In Ungarn sind nach vierzig Jahren die in den Schauprozessen Ermordeten Teil der Gegenwart. Es gibt eine ununterbrochene Verbindung vom Rajk-Prozeß über Volksaufstand, Nagy-Prozeß, Repression und Lockerung bis hin zu den ersten Schritten in Richtung eines pluralistischen Parlamentarismus. Der 15. Oktober 1949, der Tag, an dem Rajk und seine Genossen gehängt wurden, war ein historischer Wendepunkt: Es ist der Tag, an dem Stalin mit Rákosis serviler Hilfe Land und Partei zu Vasallen machte, aber auch der Tag, der vier Jahre später mit der Erinnerung an die unschuldig Ermordeten den Zündstoff für die Revolution lieferte.

Aufstieg und Popularität Nagys, der immer stärker werdende Ruf nach Bestrafung der Mörder, nach Wahrheit und Freiheit wären ohne das Gespenst Rajk nicht erklärbar. Der stalinistische Schauprozeß gegen Rajk unterscheidet sich nur darin vom Chruschtschowschen Schauprozeß gegen Nagy, daß der erste mit verlogenen Tatsachen, der zweite mit verlogenen Interpretationen von Tatsachen konstruiert wurde. In beiden Prozessen sind unschuldige Kommunisten geopfert worden, um das Sowjetimperium zu festigen und zu erhalten.

Auf die Lockerung des brutalen sowjetischen Druckes folgte das Dritteljahrhundert der Kádár-Ära mit ihren halbherzigen Versuchen, das stalinistische System zu mildern und zu korrigieren, ohne es zu überwinden. Diese Liberalisierung hängt ebenfalls mit den Schauprozessen zusammen. Kurz nach Rajk war auch Kádár verhaftet, nach dem bewährten Rezept gefoltert und als Titoist, Spion, Polizeispitzel verurteilt worden. Daß er und sein enger Mitarbeiter György Aczél, ein überlebendes Opfer des Rajk-Prozesses, das Leben in Ungarn freier, menschenwürdiger gestalteten, soweit es die äußeren Umstände zuließen, wäre ohne ihre unter dem Stalinismus erlittenen Wunden nicht verständlich.

Märtyrer für die neue Bewegung

Es ist die Ironie der Geschichte, daß das kollektive Gedächtnis des Volkes den Stalinisten Rajk in einen Reformkommunisten, den Reformkommunisten Nagy in einen Vorkämpfer eines pluralistischen Parlamentarismus umgewandelt hat. Bei der Überwindung des Stalinismus wirken die in den letzten zwei Jahren wuchernden Bücher, Fernseh- und Radiosendungen über Rajk und Nagy geradezu explosiv, ebenso die Memoiren der Überlebenden, Berichte der Kinder, der Frauen der Ermordeten. Mit seinem verspäteten feierlichen Begräbnis wurde Rajk, einst der Innenminister Rákosis, der die Opposition zerschlagen mußte und mit Stalins Namen auf seinen Lippen in den Tod ging, 1956 zum Märtyrer der Sache des Antistalinismus.

Mit der nachgeholten Begräbnisfeier für Imre Nagy im Sommer 1989, deren Dekoration László Rajk junior, Sohn des Ermordeten, entworfen hatte, wurde der Hingerichtete – einst Gründungsmitglied der ungarischen KP, Organisator des Agrarproletariats im Untergrund, Emigrant in Moskau, in der Nachkriegszeit mit kurzen Unterbrechungen Mitglied im Politbüro der stalinistischen Partei –, wurde ausgerechnet er zum Märtyrer für die neue Bewegung, die den Sozialismus überwinden will.

Rajk und Nagy lebten und starben für eine bessere sozialistische Zukunft in Ungarn, doch tatsächlich wurden sie Leitfiguren für den Abbruch des real existierenden Sozialismus. Schauten sie jetzt vom Himmel herab, würden sie die Entwicklungen, die mit ihrer Ermordung begannen, wahrscheinlich mit größtem Mißtrauen betrachten: ihre Partei, die, von Machtkämpfen erschüttert, bis zur Selbstauflösung gespalten in Sozialisten und Kommunisten, das Vertrauen des Volkes verloren hat; die Opposition, die nur verschwommene Programme, aber keine Massenbasis aufweisen kann; die „schweigende Mehrheit“, die all dem verhängnisvollen, ruderlosen Treiben apathisch den Rücken kehrt. Man kann nur mit bangem Herzen wünschen, daß sich dieses Mißtrauen als unberechtigt erweist.