Wie in alten Zeiten: Man fuhr nach Zürich zu einer Premiere von Max Frisch, einer regelrechten Welturaufführung, und das am alten Ort, im „Haus am Pfauen“, im Schauspielhaus. Wie in alten Zeiten: Man durfte hoffen auf ein Regiewunder von Benno Besson, der sich endlich wieder einmal an ein neues, unerprobtes Stück heranwagt, statt sich zu erschöpfen in Remakes seiner eigenen Inszenierungen, und auch das in seiner alten Heimat und gleich doppelt: Diese Frisch-Premiere wird in deutscher und französischer Fassung von Zürich und Lausanne in einer Koproduktion herausgebracht.

Da wundert es schon nicht mehr, daß auch im Stück so oft von alten Zeiten die Rede ist, allerdings bitter. Der „Veteran“, der in diesem „Palaver“ (so demütig hat Frisch die Gattung des Textes benannt) ein Kamingespräch mit seinem Enkel Jonas führt, hat nichts vergessen, nicht den November 1918, als die Armee in Zürich gegen den „roten Mob“ antrat, nicht die zwielichtige Schweizer Neutralität im Zweiten Weltkrieg, nicht den feindbildseligen Kalten Krieg. „Schweiz ohne Armee?“ – ein Referendum wird die Frage Ende November entscheiden. Für den Veteran ist sie beantwortet: Die Schweiz braucht die Armee als „Brauchtum“ und als „Leibgarde unserer Plutokratie“, als Garant also ihrer innigen wie ihrer verlogenen Identität. Ohne Armee keine Schweiz. Oder aber eine vollkommen andere, zwar wünschbare, doch unvorstellbare.

Das klingt sarkastisch, halb finster, halb witzig, doch wer in das (vom Limmat Verlag, Zürich, veröffentlichte) Pamphlet für zwei Stimmen nur kurz hineinliest, mag trotzdem zunächst finden: Linker Stammtisch, mit etwas erhöhter Tischplatte, doch kein Bühnentext. Mithin das alte Dilemma: gut gemeint, mäßig gedichtet?

Erst auf den zweiten Blick erkennt man, wie in allen späten Büchern Frischs, in einer glatten, planen Oberfläche die Widerhaken, die Haarrisse, die Spiegelreflexe. Frisch hat nämlich hier, sich ausgiebig selbst zitierend und fortschreibend, vor allem die noch heimat- und wehrgläubigen „Blätter aus dem Brotsack“ von 1940 und die späte Abrechnung im „Dienstbüchlein“ von 1974, nicht nur ein Meinungspanorama entworfen, sondern vor allem ein Selbstbildnis. „Porträt des Autors als alter Hund“: knurrig, kauzig, müde, bissig und heiter, unberechenbar. Wer ihn in letzter Zeit gehört und gesehen hat, ob leibhaftig oder in Filminterviews, der hört nun im Text des „Veteranen“ Stimme und Ton, der erkennt hinter und neben seiner Rede dauernd die ausdrucksvolle Gestik des alten Max Frisch, da ein Schulterzucken, hier ein Händewerfen, dann ein Leuchten auf dem Gesicht, das sorgenvolle Saugen an der kalten Pfeife. Diesmal hat er keinen Stiller, Gantenbein, Montauk-Erzähler oder Blaubart zwischen sich und die Figur gezogen. Er spielt sich selbst durch. Als Politzuschauer und als Bühnenwesen, als dramatis persona.

Auch ein Selbstporträt braucht schließlich einen Autor, der sein Ich von außen sieht, es nachsimuliert als ein Ensemble aus Erinnerungen und Meinungen, Hoffnungen und Obsessionen, aus Wahn und Hellsicht. Kein Zweifel zwar, daß Frisch mit seinen Bitterkeiten über die Schweiz im Schatten ihrer Armee oder die Armee im Lichte dieser Schweiz heftig sympathisiert. Um so bewundernswerter, wie rücksichtslos er sie doch zeichnet als die Ansichten einer Figur.

Dieser Veteran ist listig, bissig, aber auch larmoyant, er hängt an traumatisch fixen Ideen, die er anderen nicht verzeiht, er ist derart vernarrt in seine Trauer und Radikalität, daß er seine Schweizer Armee so rücksichtslos durchschauen möchte, wie man gemeinhin die Armeen in Chile oder Rumänien oder auch China durchschaut, als Schutzschild nur für die herrschende Kaste. Von der eigenen Heimat scheint der Veteran nur noch zweierlei zu genießen: den roten Jeninser im Glas und die Holzscheite im Kamin. Aber so ganz klar wäre nicht auszumachen, ob ihm der Wein und die Glut nicht mindestens ebenso wichtig sind wie seine radikalen Meinungen. „Gemütlich“ möchte er es haben an diesem Abend, das wiederholt er immer wieder. Oder stellt er auch damit wieder eine Falle?

Ob er „im Ernst“ redet oder nur „einen Witz“ macht, das weiß der Palaverpartner, des Veteranen Enkel Jonas, in kaum einem Augenblick. Wieder hat Frisch, statt für seine Argumente nur eine Ping-Pong-Wand oder einen folgsamen Zögling in den Text zu setzen, eine Figur umrissen, einen jungen Bewohner dieser achtziger Jahre. Der hängt kaum am Jeninser, eher an seiner Honda. Die Frage, ob er nun Offizier werden oder den Dienst verweigern oder auswandern soll, sieht er ziemlich pragmatisch nur im Hinblick auf eine Karriere in Informatik. Was er an Großvaters Schweiz-Beschwerden am allerwenigsten verstehen und ausstehen kann, ist der in ihnen immer noch verborgene, offenbar unauslöschliche Patriotismus.

Da hat sich der Veteran von seiner Gegenfigur auf dem falschen Bein erwischen lassen, nicht unverhofft allerdings. Die Erkenntnis, daß alles Leiden am und Wüten gegen das eigene Land im Grunde nur gekränkter Nationalismus ist, steht schon in Frischs frühem Tagebuch. Zwei Menschen, zwei Generationen reden miteinander, aneinander auch vorbei. Der Alte lebt und spricht unter der Last eines historischen und gesellschaftlichen Gedächtnisses, Jonas mit Blick auf eine kühl berechnete, vage auch gefürchtete Zukunft. An der einen Figur ist alles definiert, auch im schrecklichen Sinne eingegrenzt. Die andere ist offener, launischer, nicht so deutlich lesbar, unfertig wie die Zukunft, die ihr noch bevorsteht.

Womit, spätestens jetzt, diese kurze Schwärmerei über die Spielmöglichkeiten eines zunächst so unscheinbaren Dialogs abbrechen sollte. Denn von diesem ganzen spröden Reichtum war in Zürich kaum etwas zu hören und zu sehen. Dabei hatte das Bühnenbild (Jean-Marc Stehle) doch einen spielerischen Akzent gesetzt. Hinten glühen vom Rundhorizont majestätische Alpenketten, vorn flammt im Tessiner Cheminée prächtig und gemütlich das Feuer. Für den Veteranen, der gern weit zurückgelehnt doziert und sich ereifert, steht ein Sessel, für den wißbegierig immer vornübergebeugten Enkel ein harter alter Wirtshausstuhl bereit. Auf dem Tisch als Stundenglas des Palavers die Jeninser-Flasche. Das sah adrett ironisch aus, die richtige Atmosphäre für einen antimilitant sokratischen Dialog, in dem es zwar um Macht und Tod und Heimat geht, der selbst aber eingefriedet ist in ein Spitzwegsches Idyll.

Dann die erste Verwirrung: Der engagiert schweizerische Disput wird exekutiert von zwei betont hochdeutsch, ja norddeutsch artikulierenden Sprechern, von Jürgen Cziesla als Großvater und Marcus Kaioff als Jonas. Gewonnen wird dadurch nicht etwa Allgemeinverbindlichkeit, Weltniveau, sondern verloren gehen nur Farbe, Schärfe, Vitalität. Die beiden Schauspieler, den Lese- und Stellproben noch nicht weit entkommen, bedienen dann den Text mit korrekten Betonungen, das engagierte Publikum mit Pointen.

Von Bessons Regie, früher musikalisch bis zum leuchtenden Manierismus, spürt man: kaum einen Hauch. Was Frisch an Spannung und an Timing in seinen Text hineingeschrieben hat, die Pausen, das Sich-Räkeln oder Gähnen, ein Korkenziehen, das Knistern oder Rauchen im Kamin, das Akzelerieren und dann wieder Verdämmern des Streitgesprächs – es wird alles säuberlich und beflissen wie vom Blatt mitgespielt, nur, leider, nichts lebt.

So reduzierte sich der Text auf seinen baren Inhalt, das Theater zur szenischen Lesung, das Katz- und Maus-Spiel zwischen Veteran und Enkel zu einer Polit-Talkshow für zwei Personen. Spät, zu spät flackerten noch ein paar komödiantische Lichter, ein paar Trauerschatten auf.

Dann, zum Ende, doch ein, zwei bewegende Momente. Zunächst als Cziesla, nachdem der Enkel schon mit Honda von der Bühne gebrummt ist, noch einmal ein nachdenklich schuldbewußtes Geständnis des Kanoniers Frisch aus dem „Dienstbüchlein“ von 1974 nachliest, ohne Brille, den Text also weit weg von den Augen in Nabelhöhe haltend, mühsam die Buchstaben entziffernd, mit tastender, brüchiger Stimme. Danach wirft er das Büchlein, leicht, aus dem Handgelenk ins verglimmende Kaminfeuer und kommentiert: „Ja, man ist schon ziemlich feig ...“

Feig – vielleicht Frischs letztes Wort auf der Bühne, und es faßt schneidend und knapp alles zusammen, was der Bürger Frisch als dunklen Kern seiner, unserer Bürgerlichkeit schon immer unaufgeklärt und unaufgelöst am Ende seiner Bücher stehen ließ. Als er dann selbst unter den Schauspielern erschien, in Ovationen von Beifall, den junge Sympathisanten noch mit einer Art Indianergeheul übertönten, gefeiert also für seinen Bekennermut eher als für seinen Mut zur Feigheit, da konnte man sich kurz und heftig etwas Unerfüllbares wünschen: Ach, hätte er doch dieses letzte Mal leibhaftig auf der Bühne mitgespielt, als Veteran und als Max Frisch, als Bekenner und als Komödiant. Diesen Auftritt, diesen Abgang hätten wir nie vergessen.

So aber kann das Buch aus dem Limmat Verlag die Reise nach Zürich preiswert ersetzen. Frisch ist dem Theater noch einmal einen Schritt entgegengegangen. Benno Besson und seine Schauspieler sind vor diesem Angebot zwei Schritte zurückgewichen. Reinhard Baumgart