Von Hans-Ulrich Stoldt

Der Richter ist irritiert: „Eine Waschmittelfirma würde sagen, natürlich setzen wir Werbekolonnen ein. Sind Tierschutzvereine so etwas Feines, daß das nicht geht?“

Vor dem Landgericht Karlsruhe stehen sich animial peace (ap) und die Gesellschaft für Tierrechte (GfT) gegenüber, zwei überregionale Tierschutzorganisationen, die nicht die erste Fehde miteinander austragen. Die GfT hatte in ihrem Vereinsblatt Neue Tier-Zeitung dem Konkurrenten ap vorgeworfen, „seit geraumer Zeit“ mit Werbekolonnen und falschen Versprechungen auf der Straße neue Mitglieder zu werben. „Das ist nachweislich unwahr“, meinen die ap-Anwälte. Man traf sich vor dem Kadi.

„Drückerkolonnen laufen zu lassen ist ja nicht das Seriöseste auf der Welt“, sagt ap-Gründer Andreas Wolff, der einst durch spektakuläre Tierbefreiungsaktionen von sich reden machte. Er räumt ein, früher auch mit Werbefirmen gearbeitet zu haben, aber das sei vorbei. Peinlich nur, daß es da den Entwurf eines Vertrages gibt, in dem Wolff einem Unternehmen in Hannover am 2. 6. 1989 „unsere Vorstellung für Mitgliedsprovisionszahlungen“ mitteilt: „Sie erhalten pro korrekt ausgefüllten M.-Schein vom 1. Jahresbeitrag 65 % (Netto) + 14 % MwSt. = 74,1 %.“ Im zweiten und dritten Jahr soll es noch 22,8 Prozent geben. Ab 500 geworbenen Mitgliedern im Monat wird eine Gewinnbeteiligung in Aussicht gestellt: 85,5 Prozent vom ersten Jahresbeitrag. Und außerdem: „Wir wären bereit, Ihnen geeignete Busse zur Verfügung zu stellen.“

„Wir haben nichts dagegen, mit Werbern zu arbeiten“, räumt Wolff schließlich ein, „uns geht es nur um dem Tierschutz.“

Der Streit um die Mitgliederwerbung wirft ein bezeichnendes Licht auf die bundesdeutsche Tierschutzszene: Viele Organisationen sind sich spinnefeind. Schon lange haben der bereits 1881 gegründete Deutsche Tierschutzbund (DTSchB) und seine mehr als 500 ihm angeschlossenen Vereine Konkurrenz bekommen. Das „Deutsche Tierschutz-Jahrbuch 1989“ führt mehr als 600 Vereine auf, von der Oberallgäuer Arbeitsgruppe gegen Mißbrauch der Tiere e.V. und dem Lippischen Igelschutzbund e.V. über die Bürgerinitiative gegen Haustierdiebstahl Heidelberg bis zur Arbeitsgruppe Verhütung von Katzennachwuchs. Zahlreiche Vereinsblätter informieren die Tierfreunde zudem über Aktivitäten und Neues aus aller Welt: „Frau biß Mann, um Hund zu schützen“ (Tierschutz 2/89). Ob militante Versuchstierbefreiungen oder betuliche Aufklärung: Tierschutz ist „in“. „Wenn wir in den sechziger Jahren mal im Bundestag etwas sagen wollten, haben die Abgeordneten ‚wauwau‘ oder ‚miau‘ gemacht“, erinnert sich Anneliese zum Kolk vom Bundesverband Tierschutz in Moers. „Heute halten die uns die Tür auf.“

Aber die Hausse hat auch Nachteile. Vor allem die traditionellen Tierschutzvereine bekommen das zu spüren: Jede Mark kann schließlich nur einmal gespendet werden. Rund fünfzig Millionen Mark lassen sich die Bundesbürger den Tierschutz jährlich kosten, schätzt Wolf gang Apel vom DTSchB. In dem Bestreben, ein möglichst großes Stück von dem Kuchen der Spenden und Mitgliedsgelder abzubekommen, geht es nicht immer fein zu.