Von Gerhard Spörl

Es gibt den einen Franz Alt, das ist der politische Journalist, der in dieser Eigenschaft Anstoß erregt bei seinem Intendanten, der CDU und einigen Bischöfen. Damit hat er den Linken und Liberalen Achtung abgenötigt, auch wenn in seinen Meinungsbeiträgen der gläubige Katholik durchschimmerte. Längst ist Alt zu einem zuverlässigen Medienereignis geworden.

Es gibt den anderen Franz Alt, der Bücher schreibt, durchaus in politischer Absicht, wobei seine Bekenntisse vollends durchbrechen und mögliche Erkenntnisse wuchtig ersetzen. Auch als Autor ist er ein Medienereignis, sogar eine Sensation, wie die 24 Auflagen seines Erstlings „Frieden ist möglich“ beweisen.

Diese Vorbemerkungen sind nötig zum Verständnis von Alts jüngstem Werk. Niemand kann ihm verdenken, daß er sich zu neuen Taten ermutigt fühlte. Niemand darf sich wundern, daß der Verlag die Gunst der Stunde nutzt und kräftig die Trommel schlägt. Ein Bestseller muß das werden, was denn sonst! Aber wie das Leben so spielt, birgt der Erfolg abgrundtiefe Enttäuschung.

„Frieden ist möglich“ war ein politisches Brevier mit Bekenntnischarakter, das den vielen aus der Seele sprach, die ohnmächtig gegen die immer neuen Rüstungsrunden der Atombombenbesitzer Sturm liefen und sich nicht länger mit dem Hinweis auf den bewehrten Nachkriegsfrieden beschwichtigen ließen. Alt war ein Autor sui generis, weil er seiner Partei ins Gewissen redete, weil er das Christentum zum Maßstab der Politik erhob und weil er der Regierung vorhielt, mit gespaltener Zunge zu sprechen. Fast im Alleingang brachte er in Übereinklang, was nur schwer zu vereinbaren ist: Christentum, Konservativismus, Pazifismus. Ins Politische übersetzt und nur unmerklich aktualisiert, offenbart Alts Synkretismus einige Brisanz: Konservativismus mit einem Schuß Antiamerikanismus und einer Hinwendung zum Neutralismus. Die Fäden für diesen neuen Nationalismus liegen am Wegesrand der Geschichte. Wer hebt sie auf?

Mittlerweile ist Alt ganz zu seinem Ursprung zurückgekehrt und der heißt Jesus Christus. Das ist diesmal nicht der ethische Gegenpol zur schlechten Gegenwart, der alles verkörpert, was der Welt fehlt. Alt interessiert auch nicht der historische Christus. Er benutzt ihn, er dreht und wendet ihn nach seinem Belieben, er macht sich ihn zurecht. Der Mann Jesus ist das Bild, das Alt von ihm hat: „Wir werden heute mit vielem fertig, nur nicht mit uns selbst. Wir sollten deshalb mit Jesus noch einmal neu anfangen. Um Jesu Leben und Lehren zu verstehen und für mein Leben fruchtbar zu machen, muß ich sein Leben und seine Lehre nachträumen. Nur wenn ich intensiv über ihn nachdenke, seinen Weg nachempfinde und ihn fest nachträume, kann ich ihm nachfolgen. Jesus war und ist der Traum von einem wirklichen Mann.“ Das Bild von Jesus und das Wunschbild Alts von sich selber verschwimmen ineinander. Alt ist Jesus.

Es ist nicht schlimm, daß die Theologen die Hände ringen werden. Es ist nicht schade, daß die Jungianer unglücklich sein müssen, wie ihr C.G. ins Triviale gezerrt wird. Es ist aber trostlos, daß Alt sich selber zum Medium macht und seine Bekenntnisorgie als Ereignis mißdeutet.