Von Lutz van Dick

Der ehemalige Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz, Rudolf Höß, sah es so: „Bei diesen half keine noch so schwere Arbeit, keine noch so strenge Aufsicht... Da sie von ihrem Laster nicht lassen konnten oder nicht wollten, wußten sie, daß sie nicht mehr frei würden. Dieser stärkst wirksame psychische Druck bei diesen meist zartbesaiteten Naturen beschleunigte den physischen Verfall. Kam dazu noch etwa der Verlust des ‚Freundes‘ durch Krankheit oder gar durch Tod, so konnte man den Exitus voraussehen. Viele begingen Selbstmord. Der ‚Freund‘ bedeutete diesen Naturen in dieser Lage alles. Es kam auch mehrere Male vor, daß zwei Freunde zusammen in den Tod gingen.“

KZ-Kommandant Höß schrieb diese Sätze über die Häftlinge mit dem rosa Winkel, dem Zeichen, das die homosexuellen Gefangenen tragen mußten wie die politischen den roten oder die jüdischen den gelben Winkel, 1947 im Gefängnis Ton Krakau. Wenige Wochen danach wurde er für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Polen hingerichtet.

Mehr als vierzig Jahre später fährt zum ersten Mal eine Gruppe von zwanzig homosexuellen Männern aus der Bundesrepublik nach Polen in das heutige Oświecim, jene kleine Stadt im mittleren Süden des Landes, die nur während der Jahre der deutschen Besatzung den Namen Auschwitz trug. Den ersten Anstoß zu dieser gemeinsam mit Aktion Sühnezeichen vorbereiteten Reise gaben Vorfälle in Bremen, wo wiederholt homosexuelle Männer von Rechtsradikalen angepöbelt und überfallen wurden und wo 1987 der erste Abgeordnete der rechtsextremen Deutschen Volks-Union in ein Landesparlament gewählt wurde, lange bevor die Republikaner bundesweit Erfolge hatten.

Den zweiten Anstoß zu der Reise gab der 77jährige Karl B. Er hatte sich 1988 an das Bremer Schwulenzentrum „Rat und Tat“ gewandt mit der Bitte um Beratung darüber, ob er als ehemaliger Auschwitz-Häftling eine Chance habe, bei der Vergabe von Unterstützungen aus dem Bremer Härtefonds für die vergessenen Opfer des Nationalsozialismus berücksichtigt zu werden. Karl B. war 1939 als Homosexueller denunziert worden und über das KZ Neuengamme 1941 nach Auschwitz gekommen. Sein Überleben hat er unter anderem dem Umstand zu verdanken, daß er seinen rosa Winkel gegen den roten der politischen Gefangenen vertauschen konnte. Bei der Befreiung am 8. Mai 1945 war Karl B. so schwer an Ruhr erkrankt, daß er wohl gestorben wäre, wenn sich nicht ein französischer Arzt längere Zeit aufopferungsvoll um ihn gekümmert hätte.

Bereits in den fünfziger Jahren hatte Karl B. einen Antrag auf Entschädigung für die sechs Jahre in deutschen Konzentrationslagern gestellt. Doch der Antrag war nicht einmal bearbeitet worden, da der Paragraph 175, unverändert seit der Nazizeit bis 1969, weiterexistierte. Karl B. war skeptisch, ob sein Antrag heute Erfolg haben würde. Die Mitarbeiter im Beratungszentrum ermutigten ihn, nicht zu resignieren. So entstand die Idee, als bewußt homosexuelle Gruppe die Gedenkstätte Auschwitz aufzusuchen, nach Spuren von Karl B. und seinen Leidensgefährten zu forschen und damit gleichzeitig Mosaiksteine für eine kollektive Geschichte Homosexueller in Deutschland zusammenzutragen.

Karl B. wollte unbedingt mitfahren, den „Ort meiner Jugendjahre“, wie er sagte, noch einmal wiedersehen. Doch als Rentner fehlte dem 77jährigen Mann zunächst das Geld für die geplante vierzehntägige Reise. So ging es auch einigen anderen der zwanzig Männer aus Bremen und Hamburg. Anträge auf finanzielle Unterstützung wurden an die verschiedensten Stellen gerichtet – vom Bundespräsidialamt bis zum Finanzministerium. Lediglich die Hamburger GAL, die Bremer Grünen und der Bremer Sozialsenator reagierten mit kleinen Zuschüssen positiv.