Von Marlies Menge

Das Land brauche eine parlamentarische Demokratie, sagt der Mann. Um ihn herum stehen etwa zwanzig Menschen, bereit, sich jederzeit einzumischen und "den eigenen Senf dazuzugeben". Es ist eine von den unzähligen spontanen Diskussionen in der DDR, wie sie sich jetzt überall ergeben. In einer Ecke der Leipziger Nicolaikirche, beim Schlangestehen vorm Bäcker, am Kneipentisch. Als der Mann in Leipzig zu einem längeren Vortrag über neue Foren und deren Delegierte ansetzt, die dann für die anderen reden würden, unterbricht ihn eine ältere Frau ärgerlich: "Nein, das wollen wir nicht. Wir machen das lieber alleine. Wir haben doch gerade erst angefangen, für uns selbst zu sprechen. Das geben wir so schnell nicht wieder auf."

In Dresden ist der sächsische Löwe vor dem Rathaus so etwas wie eine Tribüne geworden, von der Menschen die unterschiedlichsten Meinungen vertreten, persönliche Ärgernisse ebenso wie globale Reform-Entwürfe. Wenn einer nicht konkret genug redet oder zu schwafeln anfängt, protestieren die Zuhörer: "Aufhören! Ende." Er muß vom Löwen herunterklettern, der nächste ist an der Reihe. Alle nennen ihren Namen und ihren Beruf. Die DDR ist zum Debattierklub geworden, die Menschen genießen ihr neu entdecktes Selbstbewußtsein nach den schmerzhaften Minderwertige keitsgefühlen gegenüber den reichen Brüdern und Schwestern in der Bundesrepublik. Trotz aller außenpolitischen Anerkennung ihres Staates unter Honecker wollte sich eine DDR-Identität nicht einstellen. Jetzt plötzlich ist sie da.

Vieles kam zusammen, sie geradezu ausbrechen zu lassen: die Starrheit der Regierung gegenüber allen Reformwünschen in der Bevölkerung, der Massenexodus so vieler Freunde und Verwandter, der das Gefühl der Ohnmacht unerträglich verstärkte, manche Arroganz im Westen. Sie gingen auf die Straße, riefen: "Wir bleiben hier", und sehr bald auch: "Wir sind das Volk!" Diese Deutschen, die vom Faschismus in die stalinistische Deformation des Sozialismus gestolpert waren, Demokratie und Zivilcourage nie üben konnten, sammeln sich jetzt überall in den Städten zu gewaltfreien Demonstrationen, zum friedlichen Sturm auf die SED-Bastille.

Das neue Selbstbewußtsein und das politische Engagement der DDR-Bevölkerung könnte eine große Chance für den neuen Mann an der Spitze sein, die DDR wirklich von Grund auf zu reformieren. Dazu müßte er es allerdings erst einmal schaffen, daß die Menschen ihn als glaubwürdig akzeptieren. Honecker war immerhin für seine Überzeugung zehn Jahre im nationalsozialistischen Gefängnis gewesen, er hatte nicht immer nur auf der Sonnenseite des Lebens gestanden. Krenz hat von jung auf mit Honeckers Hilfe an seiner Karriere gebastelt. Nie wäre jemand auf die Idee gekommen, ihn für einen Reformer zu halten. Im Gegenteil. Man erwartet von ihm, daß er sich für Fälschungen bei der letzten Wahl entschuldigt, die er als Wahlleiter zu verantworten hat, auch für die Übergriffe von Polizei und Stasi bei Demonstrationen um den 7. Oktober, daß er dafür sorgt, daß die wirklich Verantwortlichen dafür bestraft werden, nicht nur zwei, drei Polizisten oder ein paar Stasimänner.

Als Krenz’ Wahl zum SED-Generalsekretär in der vorigen Woche bekannt wurde, waren viele enttäuscht. Bezeichnenderweise zog in Greifswald an jenem Tag das erste Mal ein Demonstration – zug durch die Stadt. In Rostock waren einen Tag später das erste Mal 10 000 Menschen auf der Straße. Sie zogen vor das Gebäude der Staatssicherheit und riefen: "Verschwindet!" – "Geht in die Produktion!" In vielen Fenstern der Stadt standen brennende Kerzen. Und das, obwohl sich Mitglieder des Rostocker Stadtrats vorher in der Marienkirche gerade bereit erklärt hatten, mit den Bürgern über "Parteienpluralismus und Bürgermitbestimmung" zu reden.

Seit Krenz ist Dialog angesagt. Sein erstes Gespräch galt dem ersten Mann der evangelischen Kirche, Bischof Leich. Wenn das ein Umdenken gegenüber der Kirche einleitet, der es vor allem zu verdanken ist, daß die Demonstrationen gewaltlos blieben, sind es die Leute zufrieden. Das kampagnenartige "Reden mit dem Volk" belächeln sie eher. Führende SED-Mitglieder strömen in die Fabriken und lassen sich von der Kamera dabei ablichten, wie Arbeiter ihnen die Meinung geigen. Es ist fast rührend, wie sie sich bemühen dazuzugehören, wie sie sich geradezu aufdrängen, um sich kritisieren zu lassen und – wie die Arbeiter sie auflaufen lassen. In den Medien stellen sich hochmögende SED-Vordenker den Fragen von Bürgern, wobei die Fragen bis jetzt noch immer spannender sind als die Antworten. Ein junger Mann, der am Sonnabend abend Teil der Menschenkette vor dem Ostberliner Polizeipräsidium gewesen war, erzählte, wie sich SED-Mitglieder bemüht hätten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen: "Die merken nicht, daß sie das gar nicht mehr können. Die reden ganz anders als wir."